Der Kalender von Schloss Solitude

Panoramaaufnahme des Schlosses, Nordfassade

Der Name Solitude bedeutet in der französischen Sprache allein sein. Ein Name der auf den ersten Blick nur für das Schloss zutrifft, das isoliert auf einer Anhöhe bei Weilimdorf liegt. Von seiner Nordostseite bietet es einen fantastischen Ausblick auf Ludwigsburg und das dort gelegene Schlossanlage. In der verhältnismäßig kurzen Zeit, in der Herzog Carl Eugen das Schloss benutzte, feierte er dort aufwendig inszenierten Jagden zusammen mit Adligen aus ganz Europa. Aber bereits 1775, also 12 Jahre nach dem Baubeginn hatte Carl Eugen das Interesse an seiner Residenz wieder verloren und ließ seine Sommer-residenz nach Hohenheim verlegen. Zu dieser zeit wurde Friedrich von Schillers Vater, Johann Caspar, Leiter der herzoglichen Hofgärten auf Schloss Solitude. Doch das Gelände wurde immer weniger genutzt und so verfielen Schloss und Gebäude.

Blick von der Allee auf Schloss Solitude

Senkrecht zum Schloss gelegen, führt ein gerader Weg, der südlich von Weiilmdorf in eine Strasse übergeht und zum Schloss in Ludwigsburg. Er wurde 1768 fertiggestellt und war für den Hofstaat reserviert. Dem einfachen Volk war dessen Benutzung unter Strafe verboten. Wesentlich bescheidener als die ursprüngliche Planung, gibt sich heute die von Bäumen gesäumte Strasse die durch mehrere Querungen unterbrochen ist. Lange nach der Aufgabe des Schlosses als Sommerresidenz erhielt diese gerade Strecke eine völlig neue Bedeutung. Sie wurde durch einen Erlaß von König Wilhelm I. am 25. Mai 1818 zur Basislinie der Württembergischen Landvermessung. Unter der Leitung des Naturwissen-schaftlers Johann Gottlieb von Bohnberger begann hier 2 Jahre später die Vermessung der Solitude-Allee, die dann zur Basislinie der Triangulation, der Vermessung Württem- bergs wurde.

Solitude Ausrichtung

Bereits an der Ausrichtung der Linie ist erkennbar, dass sie zwar zum Schloss nach Ludwigsburg führte, aber mit dessen Gartenplan keinen geometrischen Zusammenhang hatte. Sie muss es, wie auch die Ausrichtung Schlosses Solitude, andere Gründe geben. Die Längsachse des Hauptbaues liegt heute wie selbstverständlich an der Kante des ansteigenden Hanges, doch für die Querachse lassen sich am Horizont zwei Punkte ausmachen, die einen Zusammenhang mit der Glaubenswelt des Herzogs herstellen lassen und eine Bedeutung für das Kirchenjahr besitzen. Das Kirchenjahr endet in der Regel zwischen dem 24. November und 4. Dezember. In früheren Zeiten bildete der Andreastag am 30. November den Abschluss und zugleich den Beginn des neuen Jahres. Mit dem Andreastag begann nicht die Adventszeit und zahlreiche Bräuche erinnern an diesem Tag an den Apostel, den Bruder von Simon Petrus. Auf sein Martyrium verweisen heute noch das schräg gestellte Andreaskreuz, das auf Verkehrsschildern bei Bahnübergängen verwendet wird. Aber der Andreastag gilt auch als wichtiger Lostag im bäuerlichen Kalender wo es heißt: Wirft herab Andreas Schnee, tut’s dem Korn und Weizen weh. Neben der theologischen Bedeutung hatte die Andreasnacht auch eine mystische denn sie galt früher als Orakelnacht. Gerade jungen Mädchen, die einen Bräutigam suchten, soll es in dieser Nacht möglich sein, in die Zukunft zu sehen.

Kreuzigung von Andreas. Domenichino, Basilika Sant’Andrea della Valle in Rom

War Andreas, der bereits zur Jüngerschar des Johannes zählte, ein altes Vorbild im Glauben und wichtiger Zeitgeber des Kirchenjahres, so war der Martinstag, an den heute meist nur noch ein Lichterumzug erinnert, Jahrhunderte lang ein ganz besonderer Tag. Traditionell endete an Martini das Bauernjahr, das im Frühjahr am Tag von Mariä Licht- mess begann. An diesem Tag verabschiedeten sich die Menschen von der hellen und hoffentlich ertragreichen Sommer- und Herbstzeit und bereiteten sich auf den Winter vor. An diesem Tag musste die Pacht gezahlt und ein Teil der Ernte, der so genannte `Zehnte´, an die Obrigkeit abgegeben werden. Soldaten, aber auch Knechte und Mägde erhielten an diesem Tag ihren Lohn. Somit konnten sie sich bei Bedarf nach einer neuen Stellung um- sehen. Zugleich dankte die Bevölkerung für eine gute Ernte und feierte mit Lichter-prozessionen und einem ausgiebigen Mahl. Der Heilige Martin von Tours gilt als Namens-patron des Martinstages. Geboren wurde er um 316 n. Chr., in einer römischen Provinz im heutigen Ungarn. Gemäß einer Legende verließ er nach der Begegnung mit einem Bettler, der ihm später als Christus erschien und mit dem, er seinen Mantel geteilt hatte, das Militär und widmete sich ganz dem christlichen Glauben. Martin lebte asketisch, suchte oft die Einsamkeit und half selbstlos Armen und Kranken. Im Jahre 372 n. Chr. wurde Martin zum Bischof von Tours ernannt. Blickte man aber zur Zeit des Schlossbaues in die Richtung der Solitude Allee, so erschien in dieser Richtung am Abend des 11. November der Stern Capella. In Capella verkörpert sich laut einer griechischen Legende die nährende Ziege des Zeus. Zusammen mit 5 weiteren Sternen ist er Teil des Wintersechseckes. Hier drängt sich das Bild des Fürsten als nährende Ziege des Landes auf. Doch dieser Tag führt auch zurück zum Name Solitude, der damit auch an die Einsamkeit Martin von Tours und seine einstige Bedeutung für das Bauernjahr verweist.

Bilder: Wikipedia / Panoramaaufnahme des Schlosses, Nordfassade,Max Siegmayer / Blick von der Allee auf Schloss Solitude, Startpunkt der Basislinie, Harke / Die Kreuzigung von St. Andreas. Gemälde von Domenichino in der Apsis der Basilika Sant’Andrea della Valle in Rom, Andreas Faessl / Simulation sunearthtools, stellarium

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