Villingen, die Zähringerstadt

Münster Villingen

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Mittelhofen und der Gregoriustag

 

: Mittelhofen Rekonstruktion, © Archäologisches Landesmuseum BW

Aus der Alemannischen Siedlung Mittelhofen, einem Ortsteil von Lauchheim konnten zahl- reichen Fundstücke aus unterschiedlichen Epochen geborgen werden. Sie sind heute im Alamannenmuseum in Ellwangen ausgestellt. Aber auch die Grundrisse der Siedlung geben nicht nur Hinweise über die Lebensform zwischen dem 5. und 9. Jahrhundert, sondern sie offenbaren auch etwas über den Glauben der Bewohner. Innerhalb der Ge- schichte des Siedlungsbaues gibt es immer wieder Beispiele, wie Grundrisse auch ein- facher Gebäude nach einem Sonnenkalender ausgerichtet wurden. Der Gedanke findet sich auch in Mittelhofen wieder, wo eine größere Anzahl von Gebäuden auf den nahe ge- legenen Stettberg ausgerichtet ist. Einen möglichen Anhaltspunkt liefert eine Persönlich- keit der frühen Kirche, Gregor der Große.

Gregor I. u. (zweiter von rechts) mit Benedikt von Nursia, Laurentius von Rom und Johannes dem Täufer, Andrea Mantegna (1459)

Er war der jüngste der vier spätantiken Kirchenväter und gilt als einer der bedeutendsten Päpste jener Zeit. Gregor stammte aus einer Patrizierfamilie die noch im 5. Jahrhundert den römischen Kaiser gestellt hatte. Zunächst strebte er jedoch eine weltliche Karriere als Senator in Rom an, entschied sich aber im Jahr 575 nur noch als Mönch zu leben. Mit seinen zahlreichen theologischen Schriften war er wegweisend für die Entwicklung der katholischen Kirche. Ebenso wegweisend war er aber auch bei der Befürwortung der gewaltsamen Missionierung jener als Heiden bezeichneten Völker. So erteilte er im Jahr 599, während der Missionierung Sardiniens die Weisung: `Wenn ihr feststellt, dass sie nicht gewillt sind, ihr Verhalten zu ändern, so befehlen wir, dass ihr sie mit größtem Eifer verfolgt. Sind sie unfrei, so züchtigt sie mit Prügeln und Folter, um sie zur Besserung zu zwingen.´ Nach seinem einflußreichen Wirken verstarb Gregor I. am 12. März 604.

Petites Heures des Johannes von Berry: Gregor schreibt, inspiriert vom Heiligen Geist, 14.Jhd. Jahrhundert, Joachim Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon.

Sein Gedenktag wurde zu einem Lostag im bäuerlichen Kalender zu dem es folgenden Sprüche gibt. `Am Gregoritag schwimmt das Eis ins Meer,´ oder auch `Weht am Gregoriustag der Wind, noch vierzig Tage windig sind. Auch der Spruch `Gregori steckt den Boden in Brand´, lässt etwas über die Wetterentwicklung erfahren denn ab diesen Zeitpunkt erwärmt sich die Erde wieder. Der heutige Gregoriustag ist in ländlichen Gebieten noch im Brauchtum verankert. Er gilt als in Schul- und Kinderfest, das auf eine lange Tradition zurückblickt. Ab dem 17. Jahrhundert war dies das Ende der Winterschule, die mit Backwerk gefeiert wurde, denn ab da wurden die Kinder wieder der Feldarbeit zugeteilt. Der Bezug zu Kindern wird Gregor zugeschrieben, der sich sehr für deren Wohlergehen eingesetzt haben soll. Auch im digitalen Stadtgedächtnis der Stadt Coburg berichtet der Autor Autoren Ulrich Göpfert vom Gregoriusfest, dessen Tradition sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt und 1972 zum letzten Mal gefeiert wurde. Dazu schrieb der Heimatdichter Fr. Hofmann vor über 100 Jahren:

Gregoriusfest in Coburg, 1845, Aquarell, http:/ulrich-goepfert.de

`Grijorghes! Grijorghes! Die Lust unn die Fräd! War zehlt euch die Kinner z`samm ner überhäd? Die Rüthla mit Bendern, unn Braz`n die Meng`, unn Fahnla unn Musik unn Brotwörscht net wenig. Wie wimmelt der Anger, dar is rappelvoll, unn die Alten senn fast wie die Kinner so toll. Unn do labt halt heit der Herr von Katzenkopf Vit-vat-hoch! unn sei Frah hot beinah scho an Zopf. ´

Statue der Minerva (Museo Nazionale Romano), Rabax63

In Wirklichkeit reicht die Tradition dieses Festtages aber bis in die Zeit des römischen Reiches zurück. Dort wurde jährlich das Fest Quinquatrus gefeiert. Bei diesem Fest zogen vom 19. März an die Knaben und Jungfrauen zusammen mit ihren Lehrern 5 Tage lang durch Rom. Dabei wurden der Göttin Minvera Geschenke und Opfer gebracht, wobei auch die Lehrer Geschenke von den Eltern der Kinder erhielten. Schlange und die Eule waren Sinnbilder und heilige Tiere der Minerva und somit wurde sie auch Schutzgöttin der Dichter und Lehrer. Minvera hatte mehrere Facetten, so wie ihre Vorgängerin Athene, der- en Bild in ihr aufging. Wie sie die Weisheit verkörperte, so war sie ebenso die Göttin die den Sieg verlieh und die Geschicke des Staates lenkte. Um 810 soll Papst Gregor IV dann dieses Fest zu Ehren seines Vorgängers umgewidmet haben, im Andenken an dessen Verdienste für die Ausbildung in den Klöstern und der Verbesserungen des Kirchen-gesanges. Auch die protestantische Kirchenwelt wollte dieses Fest nicht missen. Obwohl es einer der umstrittensten Päpste der Spätantike gestiftet hatte, führte Melanchton dieses beliebte Jugend- und Frühlingsfest auch in der evangelischen Kirche ein. Da eine große Anzahl von Gebäuden am Fundort Mittelhofen auf den Sonnenaufgang am 12, März aus- gerichtet waren und zahlreiche Funde von Goldblattkreuzen auf ein tief verwurzeltes religiöses Leben hinweisen, scheint die Ausrichtung auf den Gregoriustag durchaus plaus- ibel. Die Reform des Liturgischen Kalenders im Jahr 1970 macht auch diesen Bezug zunichte, denn heute wird der Gedenktag am 3. September, dem Datum seiner Bischofs-weihe.

Mittelhofen, Sonnenrichtung

 

Bilder: Wikepedia / Gregor I. (zweiter von rechts) mit Benedikt von Nursia, Laurentius von Rom und Johannes dem Täufer auf einem Bild von Andrea Mantegna (1459)Andrea Mantegna – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. / Mittelhofen Rekonstruktion, © Archäologisches Landesmuseum BW / Göttin Minerva, Statue der Minerva (Museo Nazionale Romano), Rabax63 / ,Petites Heures des Johannes von Berry: Gregor schreibt, inspiriert vom Heiligen Geist, 14. Jahrhundert, in der Bibliothèque Nationale de France in Paris. Joachim Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon./ Gregoriusfest in Coburg, 1845, Aquarell, http://ulrich-goepfert.de / Simulation, sunearttools, outdooraktiv, Karte Landesdenkmalamt BW

Der göttliche Belchen

Nordwestansicht des Belchen aus dem Münstertal, Andreas Schwarzkopf

Der König der Schwarzwaldberge trägt den Namen Belchen. Gerne wird er mit dem kelt- ischen Sonnengott Belenus in Verbindung gebracht, dem Gott des Lichtes und der Heil- ung. Doch Belenus wurde mit mehreren Namen, wie Bilinus, Belos, Bellinus, oder auch Belanus verehrt. In römischer Zeit war er dem Apollon gleichgesetzt. Das Bild des Belenus entsprach aber auch dem indischen Sonnengott Surya, der wie Belenus oder Appolon mit dem Augenlicht in Verbindung steht. An ihn und zur Heilung der Augen richtet sich auch das Mantra: `Om Namo Bhagavate Vasudevaya´. Belenus war eine Gottheit die hauptsächlich in Gallien, Britannien, aber auch in Norditalien, Nordspanien, Norikum und an der Grenze zu Germanien verehrt wurde. Im keltisch-britannischen Raum hatte er den kymrischen Namen Beli, oder im gälischen auch den Namen Balor. Die Namen gleichen dem altnordischen Balder, dessen Rolle ebenso mit Apollon vergleichbar ist. Orte der Verehrung dieses Licht- und Heilgottes waren meist Quellen oder Brunnen. So ist aus Aquilea, einer römischen Stadt in der heutigen italienischen Provinz Undine, ein heiliger Brunnen des Belenus bekannt. Auch von einigen großen Bädern in Gallien wird ange- nommen, dass sie einst dem Heilkult des Belenus dienten. In diesen Heiligtümern wurden häufig Tonfiguren von Reitern und Pferden gefunden, die dort als Opfergaben dienten. Doch alles was in irgendeiner Form eine Verbindung von Belenus und dem Belchen herstellen könnte, lehnt die etablierte Wissenschaft mit Hilfe eines Zirkelschlusses ab. Da auf dem Belchen, der auch als Teil des bereits vorgestellten frühgeschichtlichen Obser-vatoriums Belchendreieck gesehen wird, keine keltischen Relikte gefunden wurden, wird auch die Entwicklung des Namens aus dem keltischen Heil- und Lichtgott strikt angelehnt.

Das Oberservatorium Belchendreieck, Originalschema von Rolf d’Aujourd’hui

In der Tat ist es schwer vorstellbar, dass diese Sprachwurzeln über so lange Zeit Bestand hielten. Viel plausibler erscheint da auf den ersten Blick die Erklärung von Flurnamens-forschern, die die Rodung der Bergkuppe als Ursache sehen. Da diese Rodung die Kuppe heller erscheinen ließ als der Rest des mit Wald überzogenen Berges, glich er wohl der Erscheinung des Blesshuhnes, der Belche. Der auch als Wasserhuhn bezeichnete Vogel hat mitten auf seinem schwarzen Gefieder einen weißen Fleck am Hals. Im Althoch-deutschen hieß das Wasserhuhn belihha, das Schimmernde und wandelte sich dann im Mittelhochdeutschen zur Belche. Durch den Aufenthalt im schlammigen Ufer und auch wegen seiner schwarzen Farbe, wurde der Vogel gerne auch als Wasserteufel bezeich- net. Der einst bedeutende Ort bekam damit einen doppeldeutigen und zugleich einen negativen Beigeschmack.

Postkarte, Aussicht Blechen von 1922

Belchen Sonnenrichtung

Dass der Berggipfel selbst und auch das Belchendreieck genügend Ansätze für den Nachweis einer frühgeschichtlichen Sonnenkultstätte bieten, zeigt die nähere Betracht-ung der Sonnenrichtungen. So erweist sich de südwestlich gelegene Hohe Kelch als aus- gesprochen idealer Punkt um den Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende über dem Belchen zu beobachten. Dass dieser Aufgang unter einem Winkel von 26° erfolgt, zeigt wie die umgerechnete Entfernung zum Beobachtungspunkt von 1700 Nippur Ellen, seine besonderen Eigenschaften. Mit seiner Silhouette gleicht der Hohe Kelch tatsächlich auch dem liturgischen Trinkgefäß und führt zu dessen Symbolik.

Kelch, gegliedert in Fuß, verzierten Nodus und Kuppa

Gerade In der Symbolik des Kelches spiegel sich auch das Wesen der Sommersonnen-wende. Für die römisch-katholische Lehre ist der Kelch ein unverzichtbarer Gegenstand der liturgischen Handlung. In ihm geschieht die geheimnisvolle Wandlung des Weines in das Blut Christi. Diese Transsubstantation, die Wesensverwandlung, bei der nur noch die Gestalt, aber nicht mehr das Wesen des Weines bleibt, wurde im Jahr 1215 während des IV. Laterankonzil festgeschrieben. Obwohl auf diesem Konzil festgestellt wurde, dass diese Lehre das Geschehen gut erkläre, entstand daraus interessanterweise jedoch nie ein kirchliches Dogma. Während der Sommersonnenwende unterzieht sich auch die Bahn der Sonne einem Wandel. Der höchste Punkt innerhalb der jährlichen Bahn markiert den Höhepunkt der Fruchtbarkeit der Natur. Sie wurde durch die Kraft der Sonne er- reicht, deren Wendepunkt die geringer werdende Kraft und zunehmende Dunkelheit an- zeigt. Je nach Sehweise kann dies auch als männliche Kraft der Yangs interpretiert werden die sich komplett auf die Erde ergießt und ab dann als Ying, die weibliche Kraft, wieder zunehmen wird. Auf dem Belchen ist der Auf- und Untergang der Sonne zur Sommersonnenwende zu sehen. Nicht nur dies deutet auf den einstigen Kultort hin, auch seine Ausrichtung entspricht der Richtung der Äquinoktien und damit auch seiner Lage und Funktion im Belchendreick. Die Lage des Belchen, seine Form und auch die Auffälligkeit des Maßes, das auch in der Geometrie des Belchendreieckes auftaucht, bieten also genügend Hinweise auf den einstigen Ort des Belenus.

Bilder: Wikipedia / Nordwestansicht des Belchen aus dem Münstertal, Andreas Schwarzkopf / Kelch, gegliedert in Fuß, verzierten Nodus und Kuppa Anonym(Deutschland) – Walters Art Museum / Belchendreieck,Quelle: Originalschema von Rolf d’Aujourd’hui © 1998 HLS und Kohli Kartografie, Bern. simulation , sunearthtools.opentopomap