Bad Cannstatt, Epona und der Stutengarten

Stuttgart_wappen_altWappen Stuttgart – mit 2 Maultieren

Bei der Betrachtung der Goldenen Landschaft darf Stuttgart und Bad Cannstatt natürlich nicht fehlen. Von dort aus betrachtet liegt das Tal Stuttgarts perfekt zwischen den beiden Mondwenden und zeigt damit   eine Eigenschaft die bei viele Siedlungen aus der Steinzeit festzustellen ist: Die Wahl des Ortes der mit wichtigen Mondrichtungen korrespondiert. Trotz dieser Eigenschaft scheint die Stadt aber nur auf eine verhältnis- mäßig kurze Geschichte zurückzublicken. Erst jetzt, im Zuge der Bauar-beiten des Bahnhofsprojektes zeigen Funde, dass zumindest in römischer Zeit die Talaue Stuttgarts von Handwerkern besiedelt war. Beim  gegen- wärtigen Stand der Wissenschaft sehen Wissenschaftler den Beginn der  Siedlungsgeschichte Stuttgarts auf dem Gebiet der Altenburg in Bad Cannstatt. Dort belegen zahlreiche Funde den Beginn einer Siedlung um 90 v.Chr. Mit der Errichtung eines Kastells nach der römischen Eroberung erweiterte sich die Siedlung auf der Hochfläche beträchtlich. Der Punkt war günstig gewählt denn hier kreuzte sich die den Neckar entlangführ- ende Handelsroute mit der von Mainz nach Augsburg führenden Römer- straße. Im Kastell selbst war eine in Spanien rekrutierte 500 Mann starke Kavallerieeinheit Ala I Scubulorum, stationiert.

Kastell Bad CannstattKastell Bad Cannstatt, oberhalb des Neckars

Auch nach der alemannischen Landnahme soll die Siedlung durchgehend bewohnt worden sein. Dies legt auch eine Schenkungsurkunde des Klost- ers St. Gallen nahe, die aus dem Jahr 700 stammt. Eine traurige Berühmt- heit erreichte der Ort durch das Cannstatter Blutgericht. Auslöser dieses `Gerichtes´ war die Einladung des merowingischen Hausmeiers Karlmann an den alemannischen Adel, der ihn 746 zu einer Zusammenkunft nach Cannstatt einlud. Dies geschah in einer Zeit, als im Gebiet des Schwarz- waldes die ersten Ansätze für eine politische Einigung der Alemannen zur Schaffung eines Südstaates zu erkennen waren. Doch im Laufe des Tref- fens lies Karlmann nahezu die gesamte Führungsschicht der Alemannen hinrichten und beendete so den Traum eines unabhängigen Staates der Alamannen im Südwesten. Zu dieser Zeit soll es bereits vereinzelte ale- mannische Ansiedlungen im Stadtgebiet gegeben haben, auf die heute Straßennamen wie die Immenhofer Straße im Süden Stuttgarts hinweisen.
Erst mit Beginn des 1.Jahrtausends soll aber die eigentliche Besiedlung der Talfläche mit dem bekannten Stuotengarten begonnen haben. Doch die erste urkundlich erwähnte Wappen von 1286 ist weit davon entfernt das heute bekannte Pferd darzustellen. Viel eher entspricht die Darstellung von zwei Maultieren. Diese Darstellung für auf eine Spur die zum eigentlichen Ursprung des Stadtnamens führt. Dabei spielt die Anhöhe hinter dem Bad Cannstatter Kursaal eine entscheidende Rolle.

Postkarte Kursaal KopieKursaal um  1910

Bad Cannstatt Plan Sonne-MondDern Vermessungspunkt in Bad Cannstatt

Die Lage des Umlaufberges am Neckar eignete sich hervorragend um von hier zur Wintersonnen- wende den Sonnenaufgang über dem Rotenberg und den Untergang über dem Hasenberg zu verfolgen. Im Zusammenspiel mit der hier vorhandenen Sauerwasserquelle bot er den idealen Platz für einen frühgeschichtlichen Kultort. Die Wintersonnenwende war auch das Fest der keltisch-römischen Pferdegöttin Epona. Sie galt als Fruchtbar-keitsgöttin und wurde mit Schale und Trinkhorn dargestellt. Die Römer übernahmen diese Mythologie, wobei Epona die Schutzgöttin der Pferde-zucht, der Reiter, sowie der Wagenlenker wurde. Gleichzeitig war sie auch eine Schützerin der Hunde, Heilquellen und Ackerfrüchte. Wie die Kelten, so schätzen auch die Römer schätzen die Göttin und widmeten ihr ein eigenes Fest, das am 18. Dezember, also drei Tage vor der Winterson- nen wende gefeiert wurde. Die Beliebtheit der Epona war weitverbreitet und ihre Verehrung dauerte noch bis zur Spätantike. Die Darstellung der Epona führt auch zum ersten Wappen der Stadt, denn 800 Jahre vor der Gründung des Stutengartens durch Herzog Liudolf von Schwaben, stellten die beiden Maulesel oder auch zwei Füllen die Assistenzfiguren der Pferdegöttin.

Epona KapersburgEponadarstellung mit Pferden und Maulesel, Kapersburg

Die Besonderheit des Punktes in Bad Cannstatt ist die Sichtverbindung   zu weiteren markanten Geländemarken die auf wichtigen Sonnen- und Mondrichtungen liegen, die ihm die Funktion des Mittelpunktes eines lunisolaren Kalenders zukommen lassen. In den Metzer Annalen des frühen 9. Jahrhunderts wird Cannstatt im Zusammenhang mit den Ereignissen des Blutgerichtes von 746 als `condistat´ erwähnt. Als Ab- kürzung aus den beiden lateinischen Worte conditio, die Gründung und stater, die Wiege ´ könnte der Name als Gründungswiege interpretiert werden. Der Sonnenuntergang über dem Hasenberg bietet auch die Mög- lichkeit diesen Namen zu den Ursprüngen zurückzuverfolgen. Natürlich ist es ein weitverbreiteter Irrtum, dass er auf dort häufig anzutreffende Hasen zurückzuführen ist. Der eigentliche Ursprung des Namens ist bislang un- geklärt, doch es gibt mehrere Worte mit denen die Zusammenhänge zum Sonnen- untergang hergestellt werden können. Im germanischen Wort- schatz gibt es die Worte hazên, loben und auch hasala, das Haselholz.
Von der Karlshöhe gesehen findet der Sonnenuntergang über den Hasen- berg um den 22. Februar statt. Noch heute wird der in der bäuerlichen Kultur einst bedeutende Lostag als Petri Stuhl gefeiert. Früher wurde in vielen Gegenden der für die kommende Witterung entscheidende Tag auch als Frühlingsfest gefeiert. Damit schließt sich der Bogen zur Haselnuss, denn sie bietet den Bienen im Frühling die erste Pollennahrung. Deshalb galt die Haselnuss als ein Sinnbild des Frühlings und auch als ein Symbol für die Unsterblichkeit. Diese alten Bezüge legen nahe, dass der Begriff  `Stutengarten´ ganz andere Hintergründe besitzt als die der Pferdezucht, wie sie die offizielle Geschichtsschreibung nennt.

Stuttgart-Hasenberg-1900Der Hasenberg um 1900

Bilde : Epona; Wetteraumuseum, Wikipedia; Kastell Cannstatt , Barthel, Ennslin W. Barthel:

Simulation: sunearthtool

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