Murrhardt, Walterich und die Isis

Vom einstigen Kastell in Murrhardt sind fast alle Spuren verschwunden, nur im örtlichen Museum Schweizer kann man sich noch über die Epoche der Römer informieren. Wie bei allen Kastellen ist die Wissenschaft der Auffassung, dass das Tor der Via praetoria, der so bezeichneten Prät-  orialfront zugewandt war, also dem Feind. Doch auch hier zeigen sich Abweichungen zum dem unweit des Kastells verlaufenden Limes. Auch hier spielten örtliche Bedingungen wie die umgebenden Anhöhen und deren mythologischen Bedeut-ung eine entscheidende Rolle. Der Standort des Kastell wurde hochwassersicher an den Fuß des Rießberges gelegt und mit einem Azimutwinkel von 54° auf den östlich gelegenen Linderst, sowie in die Gegenrichtung auf den Waltersberg ausgerichtet. Durch die rechtwinklig verlaufende zweite Lagerstraßen, der Via principalis, war es möglich mehrere wichtige Zeitpunkte von Festen in das Konzept der Aus- richtung zu integrieren.

Murrhardt Felsenmeer 2Felsenmeer bei Murrhardt

Nur etwa 20 Minuten vom Stadtzentrum entfernt, auf dem Plateau des Rießberges fühlt man sich in eine fremdartige, längst vergangene Zeit zurückversetzt. Riesige, von Moos überwucherte Steinblöcke, liegen dort zwischen Bäumen. Die Stadt selbst deutet das Gelände als Reste eines Steinbruches für Stubensandstein. Doch betrachtet man die Ausrichtung der Via principalis, weist sie in Richtung des als Felsenmeer bezeichnete Gebietes. Bezieht man den Sonnenstand in die Betrachtung mit ein, wird auch der Grund ersichtlich. Am 18. Dezember, dem Feiertag der keltisch-römischen Pferdegöttin Epona taucht die Sonne über dem Felsenmeer auf. So ist es gut denkbar dass das Gebiet einst eine keltisch-römische Kultstätte darstellte. Ursprünglich war Epona die göttliche Stute, die in späterer Zeit dann eine menschliche Gestalt bekam. Schnelligkeit und Stärke, aber ihre Eigenschaften, aber auch ein Füllhorn, das Zeichen der Fruchtbarkeit war eines ihrer Attribute. Vor diesem Hintergrund übernahmen die Römer die keltische Göttin als Schutzgöttin der Reiterei. In vielen Darstellungen wird sie aber auch mit einer Mauerkrone dargestellt, einem seit der frühen Antike bekannten Motiv der Kybele. Neben der Fruchtbarkeit verkörperte Epona aber auch den Heilungs und Wiedergeburtsgedanken als Beschützerin von heiligen Quellen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAStele der Epona aus dem 3. Jhd. n. Chr.

Ein anderes Bild bietet sich auf der Achse der Via prätroria incipia die auf den Waltersberg gerichtet ist. Hier kann auch der Untergang des Sternes Sirius aus dem Sternbild des großen Hundes mit in die Betrachtung ein- be zogen werden. Wie im Namen Harald ist auch im Name Walter der altdeutsche Wortstamm `waltan´, herrschen enthalten. Dadurch erhält auch der Berg einen neuen Sinnbezug. In der Achse der Via prätoria war über dem Waltersberg regelmäßig der Untergang des Sternes Sirius zu beobachten. Doch am 3. November erhält der Untergang des Sterns, während gleichzeitig die Sonne aufgeht, seine eigentliche Bedeutung, denn an dies- em Tag wurde innerhalb des Isis-Osirismythos die Auffindung des Osiris gefeiert.

Murrhardt Kastell 1Kastell, die Sonne und Sirius

Murrhardt Plan1Die Bezüge des Kastells

Während Osiris durch das Sternbild Orion verkörpert wurde, spiegelt    sich die Göttin Isis im Stern Sirius des Sternbildes Großer Hund. Im alten Ägypten zählte sie zu den mächtigsten Gottheiten. Wie die sumerische Göttin Inanna wurde sie auf Bildern und in Reliefs als eine geflügelte Göttin dargestellt. Innerhalb der Mythologie galt Isis als die Hüterin der Weisheit, als Herrscherin des Universums, sowie als mächtige Magierin und Heil- erin. Sirius stellt aber in Wirklichkeit ein Doppelsternsystem dar, bei dem zwei weiße Riesen um einen gemeinsamen Masseschwerpunkt kreisen ein Vorgang der aber so mit bloßem Auge von der Erde aus nicht zu sehen ist. Doch genau dieses Bild greift die Isis-Osiris Mythologie auf. Isis bringt nach der Befruchtung mit dem goldnen Penis das Horuskind zur Welt das ständig in ihrer Nähe bleibt.

IsisHorusIsis mit dem Horuskind

Sie trägt es bei sich um es vor dem rachsichtigen Bruder des Osiris zu schützen. Nicht nur das Schauspiel Aufganges beiden Sternbilder am Himmel, sondern auch die Legende der schützenden Mutter mit ihrem Kind, die Verkörperung der Wiederauferstehung erfreute sich in der hellenistisch – römischen Welt einer großer Beliebtheit. Lieben, Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt – waren in Ägypten zu einer religiösen Botschaft entwickelt worden die Menschen in allen Ländern unmittelbar ansprachen. So wurden Isis und das Horuskind auch die Vorbilder für die spätere Gottesmutter Maria und Jesus. Wie an vielen andren Orten auch ist auch hier eine subtile Verwendung der Sprache zu beobachten. Mit dem Erstarken des Christentums wurde die einstige Herrscherin assimiliert und verschwand, doch die Bezeichnung bleib im Name Walterich erhalten, der übersetzt `der reiche Gebieter´ bedeutet. Die mächtige Herrscherin Isis, konnte natürlich nur durch einen ebenbürtigen Namen ersetzt werden. Hier in Murrhardt war es Walterich, der erste Abt des Murrhardter Benediktiner- klosters, ein illegitimer Sohn Karls des Großen.

WalterichskapelleWalterichskapelle

Auch seine Seligsprechung hielt sich an das Motiv von Tod und Wieder- geburt in der Isismythologie, denn sie fand an einem Karfreitag statt. Sie zeigt sich auch im Fisch, der zum Symbol der des Wiedergeburtsge- dankens im Christentum wurde. In Ägypten war die Göttin Hatemit die `Erste der Fische´, die Göttin der Wasserunterwelt. In späterer Zeit ver- schmolz ihr Bild mit der allmächtigen Herrscherin des Kosmos, der Göttin Isis. Für den Namen Walterich und den Flurnamen Waltersberg bietet sie also eine schlüssige Erklärung.

Hörschbachwestlich vom Waltersberg, der Hörschbach mit Wasserfällen

Bilder: Felsenmeer ,Murrhardt, Epona CC BY 2.5 von Marsyas / Hörschbach,Lukas Rieger
simulation: stellarium, http://www.volker-quaschning.de/

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