Der Hirsch, Petrus und die Sonne

Die einstigen Umrisse der Viereckschanze in Fellbach- Schmiden sind heute nur noch zu erahnen. Doch der dort in einem mit Holz verkleideten Brunnenschacht entdeckte Fund verlieh ihr eine besondere Bedeutung. Die aus dem Schlamm geborgene Hirschfigur wurde zusammen mit zwei Ziegenböcken als Teil eines farbig gefassten Kultbildes aus Eichenholz identifiziert. Dendrochronologische Untersuchungen zeigten nicht nur dass das Holz aus dem Jahr 127 v. Chr. Stammte, sondern dass alle Elemente aus ein und demselben Stamm gefertigt wurden der aus der Nähe der Anlage stammte. Dabei verweisen die naturalistischen Elemente der Plastik auf den aus gallo-römischer Zeit überlieferten Fruchtbarkeitsgott Cernunnos. Eine genauere Betrachtung der Schanzengeometrie zeigt aber, dass die Hirschfigur wie geschaffen war für diesen Ort.

HirschHirsch Teilansicht

Noch im 19. Jahrhundert wurden die meist schiefwinkligen, mit Erdwällen umgebenen Anlagen als Überreste römischer Bauwerke gedeutet. Erst 1910 nannte sie der Archäologe Paul Reinecke Viereckschanzen und hielt sie für Befestigungen von keltischen Gutshöfen. Doch um 1931 änderte sich diese Einschätzung als Friedrich Drexel einen anderen Standpunkt vertrat. Er glaubte daß es sich bei diesen Anlagen um Heiligtümer hand- eln musste. Für sie gibt es mittlerweile unterschiedliche Bezeichnungen. Teilweise werden sie mit dem altgriechischen Wort `Temenos´ bezeich- net, das ein für eine Gottheit abgesondertes und geweihtes Stück Land bezeichnet. Doch in zahlreichen Beschreibungen werden wurde auch    der Begriff `Nemeton´ gewählt, einem Wort, das der keltischen Sprache entlehnt ist. Hier bezeichnet es den heiligen Hain, wie ihn auch die röm- ischen Schriftsteller Plinius und Lukan in ihren Werken bezeichneten.

KeltenschanzeKeltenschanze bei Schönhardt in der Nähe von Böbingen

Die Fundorte der Keltenschanzen erstreckten sich von der französischen Atlantikküste über Süddeutschland bis nach Böhmen. Allein aus Süddeut-schland sind mittlerweile über 250 Keltenschanzen bekannt. Allen gemein ist ihr viereckiger Grundriss mit unterschiedlich langen Seiten, die nach Mondwenden und Sonnenaufgangspunkten ausgerichtet sind. Ihre Größe beträgt meist zwischen 0,4 und 1,22 ha, wobei alle von einem Erdwall mit außenliegendem Graben umgeben sind. Im Innern der Fläche findet sich immer ein Schacht, der nach unterschiedlichen Sehweisen als Brunnen- oder Opferschacht interpretiert wird. Bis zu den 50-er Jahren war die Deutung der Anlagen als Kultbezirke sehr beliebt. Dazu trugen auch eine Untersuchung bei, die von den Schanzen aus betrachtet, eine Häufung  von Grabhügelfeldern in Richtung der Wintersonnenwende feststellte.
Mittlerweile findet die Gutshoftheorie aber wieder mehr Zuspruch, denn   die Schanzen liegen größtenteils in fruchtbaren Gebieten. Auch spricht   die oft vorgefundene Bebauung und Funde aus dem Alltagsleben für diese Theorie.

GutshofBebauung als Gutshof

Doch diese Theorie lässt wie so oft den Blick für die Gesamtheit ver- missen. Wie das Fellbacher Beispiel zeigt, entstand der Hirsch kurz vor der Assimilierung der keltischen Kultur durch die Römer. So ist es auch vorstellbar daß in vielen Schanzen die einstigen Verbindungen zu Grab- hügelfeldern aufgegeben und die Flächen als Gutshöfe genutzt wurden. Bis heute hält der Diskurs an ob sie tatsächlich nur Gutshöfe waren, oder wie einst vermutet, um begrenzte, heilige Bezirke. Aber die Fellbacher Schanze bietet mehr als nur ein Kultobjekt, denn ihre präzise Ausricht-  ung und vor allem ihre Lage unterstützt die These des Kultbezirkes.
Ähnlich wie die keltischen Oppida wurde die Fellbacher Schanze nach wichtigen Sonnenaufgangspunkten ausgerichtet. Hier sind dies der Korber Kopf, der Belzberg, der Kappelberg bei Beutelsbach und der Lindberg.

Schmiden Plan SonneSonnenbezüge der Keltenschanze

So ist über dem Korber Kopf, von der Schanze aus betrachtet, der Son- nenaufgang am 19. April zusehen. Diese Fluchtrichtung bestimmte auch die nördliche Kante der Schanze. Bei diesem Datum zeigt sich jedoch eine auffällige Parallelität zu dem im römischen Reich am gleichen Tag begin- nenden Fest Ceralia zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttin Ceres. Die röm- ische Getreidegöttin hatte eine ähnliche Funktion wie der duale Frucht- barkeitsgott Cernunnos. Im keltischen Raum wird er als Herr oder auch Herrin der Tiere, sowie als Begleiter der großen Erdgöttin angesehen. Diese Form der dualen Verehrung glich der Anbetung mütterlichen Gott- heiten in Rom. Die große Erdgöttin Tellus wurde hierbei als große Her- vorbringerin von Früchten und Menschen verehrt, dagegen war Ceres speziell dem Getreide zugeordnet. In der mythologischen Vorstellung war sie keine reine Naturgottheit, sondern griff auch in den vom Menschen geplanten Ackerbau ein. Ihre Attribute waren die Ähren, der Korb und eine Fackel. Auch Bienen waren ihre heiligen Tiere.

Korb wappenWappen der Stadt Korb

So greift nicht nur der Name Korb, auch das erst 1954 verliehen Wappen mit dem Bienenkorb bewusst, oder auch unbewusst die alte Symbolik wieder auf. Eine wichtige Beziehung der Schanze bestand ebenso zum Kappelberg bei Beutelsbach. Hier war in der unbebauten Landschaft der Sonnenaufgang am 22. Februar, dem heutigen Lostag Petri Stuhl zu sehen. Noch im Mittelalter markierte dieser Tag Beginn des Frühlings.   Der Ort besaß wohl noch im frühen Mittelalter eine besondere Ausstrahl- ung da auf dem vorgelagerten Bergsporn die Stammburg der Württem- berger entstand. So zählt die Ruine der Burg Beutelsbach heute zu den bedeutendsten historischen Stätten des Landes.

Burg BeutelsbachBurg Beutelsbach

Doch nach den Erkennt- nissen des Beutelsbacher Ortshistorikers Martin Goll war sie wohl eher  ein Wohnturm und wurde vermutlich zwischen dem 10. und 11. Jahrhundert von den Württembergern als Stammsitz erbaut. Seinen Namen erhielt der Berg wie der gleichlautende bei Fellbach von einem einst dort errichteten Kirchlein. Die Funktion eines Stammsitzes übte die Burg jedoch nicht lange aus, denn bereits am 7. Februar 1083 wurde die Kapelle der neuen Burg Wirtemberg auf dem Rotenberg bei Bad Cannstatt geweiht.

Bilder: Hirsch Bild, LAMU – Wikimedia ,Burg Beutelsbach von Hds0815 CC BY-SA 3.0
Simulation: sunearthtool

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