Der Wunnenstein-Kalender

Wunnenstein SuedenDer Wunnenstein von Süden

Selten bietet eine Landschaft eine so ausgezeichnete Matrix für die Entstehung von Flurnamen wie das Wunnensteindreieck. Hier liegen auf den Eckpunkten eines Dreieeckes die Gipfel von Wunnenstein, Köchersberg und Forstberg. Alle drei Berge werden von Geologen als Zeugenberge des Keup- erberglandes der weiter nördlich liegenden Löwensteiner Berge ange- sehen. Doch im Zusammenspiel mit umliegenden Anhöhen eignete sich das Wunnensteindreieck hervorragend für die Sonnenbeobachtung. Der Name des bekannteren Wunnensteins soll aus dem althochdeutschen Wort Wunne. die Heide entstanden sein. Den Eindruck unterstützt das Plateau, wo durch Funde die Anlage einer keltischen Höhenburg auf dem westlichen Gipfel ein keltsch-römischer Tempel nachgewießen wurde. Die im 9. Jahrhundert erbaute Michaelskirche verlor der Reformation an Be- deutung und wurde 1556 auf Befehl Herzog Christophs wieder abgerissen. Später wurde der Turm wieder aufgebaut und dient heute als Aussichts- turm.

Grossbottw-WinzerhausenAndreas Kieser, Forstlagerbuch: Winzerhausen und Wunnenstein

In seinem Gedicht `Überfall in Wildbad´ schreibt Ludwig Uhland über die Abenteuer des Grafen Ebrerhard den Greiner und seinen Edelknechten. `Da kommt ein armer Hirte in atemlosem Lauf: »Herr Graf! es zieht ’ne Rotte das untre Tal herauf. Der Hauptmann führt drei Beile, sein Rüstzeug glänzt und gleißt, Daß mir’s, wie Wetterleuchten, noch in den Augen beißt.` `Das ist der Wunnensteiner, der gleißend‘ Wolf genannt, Gib mir den Mantel, Knabe! – der Glanz ist mir bekannt, Er bringt mir wenig Wonne, die Beile hauen gut, Bind mir das Schwert zur Seite! – der Wolf, der lechzt nach Blut.´
Der Wunnensteiner, wie er im Gedicht genannt wurde, galt als der be deutendste Vertreter seines Geschlechts, dessen Burg einst auf dem östlichen Teil des Berges lag. Er war Haudegen und Geschäftsmann zugleich, dessen Besitzungen bis weit in den Schwarz- wald reichten. Die Wunnensteiner waren also mit Reichtum und Glück gesegnet, was auch zu eine schlüssigeren Erklärung des Namens führt, denn das althochdeutsche Wort wunno bedeutet Wonne und Glück. Dass dies noch tiefere Gründe haben könnte, deutet bereits die eingangs erwähnte Anlage des Dreieckes an.

Wunnenstein DreieckWunnenstein Dreieck

So zeigt die frühe Errichtung der Michaelskirche dass der Berg weit mehr als nur ein Adelsitz war. Sein Gedenktag, der 29. September führt zu einer näheren Betrachtung der Sonnenbezüge des Wunnensteins. Im Jahr 813 wurde auf dem Konzil von Mainz das Michaels Fest durch Ludwig den Frommen festgelegt. Der streitbare Gestalt sollte die allgegenwärtige Ver- ehrung des germanischen Gottes Wotan ablösen, der in dieser Zeit  in der Woche ab dem Herbstäquinoktium verehrt wurde.

Wunnenstein Plan1Wunnenstein – Sonnenbezüge

An diesem Tag konnte der Sonnenaufgang über den östlich gelegenem Forstberg hinweg hinter der ehemaligen Scheiterburg beobachtet werden. Ihr Name verweist auf den alten Brauch wichtige Jahresfeste mit großen Feuern zu begehen. Auch der südöstlich geleg- ene Lichtberg verweist auf ein früher wichtiges Datum. In Grimms Wörterbuch steht zu dem Wort lichten: licht geben, Licht verbreiten. Vom Wunnenstein aus ist der Sonnen- aufgang am 2. Februar zu beobachten, dem Tag des Neulichts oder auch Maria Licht- mess. Noch im 7.Jahrhundert als das Fest in Rom ein- geführt wurde hatte es noch einen deutlicheren Bezug zum einstigen römischen Fest, den Lupercalien zu Ehren des Gottes Faunus das am 14. Februar gefeiert wurde. Erst in späterer Zeit wurde es auf den 2. Feb- ruar verlegt, was das Fest in die nähe des einstigen keltischen Feiertags Imbolc rückte.

Rubens , faunPeter Paul Rubens, Faun und Mädchen

Damit wird auch die alte Bezeichnung `Mariä Reinigung´ viel eher dem eigentlichen Ursprung gerecht, den der in dem keltisch-irischen Begriff imb-folc zu suchen ist, der Rundumwaschung bedeutet. So erinnert auch der ursprüngliche Name des Marienfestes an einen jüdischen Brauch, denn nach den Vorschriften des Alten Testaments galt die Mutter vierzig Tage nach der Geburt eines Sohnes als unrein. Anschließend musste die Frau musste ein Reinigungsopfer darbringen, dass wahlweise aus zwei Tauben oder in besonders gravierenden Fällen aus einem Schaf bestand. Auch im Flurname des nord- östlich vom Wunnenstein liegenden Fohlen- berg ist noch die ursprüngliche Bedeutung der Sommersonnenwende er- kennbar, die hier wieder als Brauchstumsfest gefeiert wird. Das Wort das aus der gotischen Sprache stammt, gleicht dem Begriff für ein Jungtier aus der Familie der Einhufer. Ganz direkt leitet es sich von dem alten Brauch der Pferdeopfer zur Sonnenwende ab, den es in Schweden noch bis ins späte Mittelalter gab. Ein weiterer Grund ist in dem althochdeut- schen Wort fol, erfüllt oder vollständig zu finden, das den vollständigen Sonnenbogen beschreibt. Schon die geometrische Figur des gleich- schenkligen Dreieckes mit den Winkeln 40° und 100° spricht dafür, dass es hier um einen Ort handeln muss der nicht allein durch geologische Vorgänge entstanden sein kann. Vor diesem Hintergrund bietet das Wort wunno, die Wonne, eine wesentlich schlüssigere Erklärung für den Flur- namen als die bisherige.

Bilder: Wikipedia – Wunnenstein v. Süden, K. Jähne, CC BY-SA 3.0, Blick n Süden, A-Jim, CC BY-SA 3.0, Simulation: sunearthtools

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