Aalen und die Spur des Adlers

Aalen WappenWappen von Aalen

Das Stadtwappen mit dem Adler, dem Zeichen der Reichsunmittelbarkeit trug bereits und dem gekrümmten silbernen Aal in der Mitte wird seit 1385 verwendet. Beide Wappentiere blicken in der Stadt aber auf eine weitaus ältere Geschichte zurück als dies das Wappen vermuten lässt. Versucht man Bezüge zum Namen der Stadt herzustellen, enden diese in einem Dickicht.

aalen historischAalen um 1528

Das seit dem 9. Jahrhundert wieder dauerhaft besiedelte Dorf wird in  einer Urkunde des Jahres 1136 als Alon erwähnt. Jedoch nur im ersten Buchstaben hat der Name etwas mit dem althochdeutschen Wort für Adler, dem aar gemein. Viel mehr zeigt sich eine Ähnlichkeit zur 1. Pers- on Singular des lateinischen Verbes alere, alo; ich ernähre. In der Folge- zeit wechselt der Stadtname mehrmals. Darunter sind die Versionen  Aulon und Aulun zu finden, ebenso Aulen oder auch Awlen. Zu Aulen gibt es Vermutungen einer Entstehung aus dem lateinischen Wort Aula, was Vorhof oder auch Königshof bedeutet. Auch das Adjektiv aulicus, fürstlich würde zu dieser Interpretation passen. Eine ganz andere Sicht bietet je- doch das Wappen. Hier gibt es die Thesen, dass der Ursprung des Nam- ens auch im Aal liegen könnte oder eben im Adler.

Adler Ptolemäus II aMünze aus der Zeit von Ptolemäus II

Bis in die Neuzeit galt der Aal als ein rätselhaftes Wesen. Obwohl der  Adel ihn im Mittelalter als Speise schätzte, wurde er doch als Beischläfer der Schlange gesehen. Ein Grund war seine damals unbekannte Art der Fortpflanzung die ja nur im Saragossameer stattfindet. Durch seine Nähe, aber auch seine Ähnlichkeit zur Schlange wurden ihm dämonische Eig- enschaften zugesprochen. So berichten auch mehrere Volkssagen von menschenverschlingenden riesenhaften Aalen.
Neben dem Symbol des Reiches war der Adler aber in erster Linie ein religiöses Symbol das die Tradition früherer Religionen fortführte. Sie sahen in ihm eine Verbindung zur Sonne, oder auch ein Bindeglied zwischen Himmel und Erde. So trägt im Hinduismus der adlerköpfige Wundervogel Garuda den ordnenden und erhaltenden Gott Vishnu      durch die drei Welten. In der Antike wird er in der griechisch-römischen Mythologie zum Boten des Göttervaters Zeus/Jupiter. Aber auch dem germanischen Gott Odin diente er als Botentier. Auf Grund seiner Größe und Stärke wurden dem Adler übernatürliche Eigenschaften zu ge- sprochen. So sah der im 4.Jahrhundert v. Chr. lebende Philosoph Aristo- teles im Adler ein Tier das imstande sei bis an die Sonne zu fliegen, diese mit unverwandtem Blick ins Auge zu fassen und schließlich mit ihr zu verschmelzen. Diese Vorstellung machte ihn zu einem Symbol der Kon- templation, der spirituellen Erkenntnis und des intellektuellen Höhenflugs. Aber auch das Christentum bedient sich später dieser Symbolik. Im Mit- telalter verkörperte der auffliegende Adler das Gebet und die Himmelfahrt Christi. Damit knüpfte er unmittelbar an das römische Vorbild an in dem er im Mythos der Himmelfahrt des Halbgottes Herkules-Herakles eine zen- trale Rolle spielt.

Herakles HimmelfahrtFrançois Lemoyne, Herakles Himmelfahrt 1736

In der frühchristlichen Schrift Physiologus wird dieses Bild aufgenommen und der Adler mit dem ägyptischen Phönix gleichgesetzt und so zu einem Symbol der Wiederauferstehung Christi. Als Tier des Jupiters galt der Adler als heiliges Tier und wurde dadurch auch zum Schutzgott der Stadt Rom. Als Herrschaftszeichen wurde er unter der Regentschaft des Feld- herrn und Staatsmannes Gaius Marius zum alleinigen Feldzeichen der römischen Legionen. So bietet das um 150 n. Chr. in Aalen errichtete Kastell bietet ein gutes Beispiel für die Verwendung des Symbols als Markierung wichtiger Jahresfeste innerhalb des römischen Zeremon- ialkalenders. Durch die Ausrichtung der via principalis mit einem Azimut- winkel von 142.40° auf den heutigen Hausberg des Ortes, den Langert, trifft die Achse aber nicht den Sonnenaufgangspunkt zur Wintersonnen- wende. Unter  der Einbeziehung des Sichtwinkels steht hier die Sonne an diesem Tag bereits höher als 4° über dem Gelände.

Aalen Kastell PlanDas Kastell mit den Hauptrichtungen

Eine schlüssigere Erklärung, die sich auch in mehreren anderen Kast- ellanlagen wiederfinden lässt, ist hier die Ausrichtung in der Sichtung von Sternen zu suchen, denn ihre Peilung bietet neben ihrer mythologischen Bedeutung auch eine Vielzahl unterschiedlicher Möglichkeiten der An- kündigung von Feiertagen. Ein geradezu symbolische Bedeutung hatte   die letzte Sicht des Adlers am 27. Februar über dem Langert ehe ihn das Licht der aufgehenden Sonne verblassen ließ, denn an diesem Tag be- gann die Equirria. Als militärisch-religiöse Feiern waren sie fester Be- stand- teil des römischen Festkalenders und wurden am 27. Februar und 14. März mit Prozessionen und Reiterspielen gegangen. So stammte der Termin des Festes zum Frühlingsbeginn noch aus der Zeit als Feldzüge zeitlich auf die gemäßigten und warmen Monate des Jahres beschränkt wurden.

Aalen adler zusDie Sichtung des Adlers

Eine weitere Sichtung des Adlers war der Tag von Fors Fortuna, als er kurz nach Sonnenuntergang in der gleichen Richtung auftauchte. Als be- sonderer Verehrer der römischen Göttin des Glücks des Zufalls und des Erfolgs; aber auch des Schicksals war der im 1. Jahrhundert n. Chr.     regierende Kaiser Trajan. Da ihm die große Anzahl von Beinamen der Fortuna mißfielen, ließ er einen Tempel der Fortuna omnium, der allfortuna errichten. Zudem erkannte Trajan in der Göttin eine Identifikationsfigur, die ihm die Bindung zahlreicher aus er Armee entlassener Legionäre erlaubte. Damit verschmolzen in der Fortuna der Kult als Schicksal  und der Fides, der Treue. Zu den Attributen der Göttin zählen Kugel, Rad, Füllhorn und Ruder. Das Füllhorn enthielt gute wie auch schlechte Gaben, Glück und Unglück.

Göttin FortunaGöttin Fortuna, Rom 2.Jhd.

Wie den Adler, so vereinnahmte später die Kirche auch die Gestalt der Fortuna, die ab dem 12. Jahrhundert als Dienerin Gottes gesehen wurde. So wird sie in dem im 1. Jahrhundert entstanden codex buranus in der Gestalt als Imperatrix mundi, Gebieterin der Welt, dargestellt. Hier thront sie in einer quasi als Aura Platz greifenden Nabe in der Radmitte.
Betrachtet man nun beide Entwicklungslinien, könnte Fortuna als Glücks und Fruchtbarkeitsgöttin im Worte alere. ernähren, ebenso ein Ursprung des Namens gewesen sein, wie der Adler. Er das Zeichen der Legion die lange Zeit die Region prägte und wurde später im Christentum nicht nur Reichszeichen, sondern in Gestalt des Bezwingers der Schlange (Aal) wieder zu einem Heilssymbol. Dass die Göttin Fortuna im Raum Aalen eine wichtige Rolle gespielt haben muss zeigt auch der frühe Bau der Kirche die Johannes dem Täufer geweiht ist, denn es kann kein Zufall wie sich hier beide Gedenktage decken.

Rome_rione_XVIII_castro_pretorio_logoBilder: wikipedia/ Aalen Stadtansicht 1528 /Wappen-Herakles Himmelfahrt
Simulation: Stellarium

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