Die Maison Carrée und die 3 Klageweiber

Maison Carrée de NIMES Septembre 2005Maison Carrée

Das Bauwerk in Nimes wurde zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr., wahrscheinlich durch Marcus Vipsanius Agrippa errichtet und ist einer    der am besten noch erhaltenen römischen Tempel. Das nach Norden ausgerichtete Bauwerk wurde als Gedenkstätte für die Söhne des Agrippa, Gaius und Lucius errichtet, die beide Adoptivsöhne von    Augustus waren. Dies bezeugt auch eine Inschrift, die im Fries der Tempelfront angebracht wurde. `Dem Gaius Caesar, Sohn des Augustus, Konsul; dem Lucius Caesar, Sohn des Augustus, gewählter Konsul; den Ersten der Jugend.´ So waren er und sein jüngerer Bruder Lucius bereits 17 v. Chr. von Augustus adoptiert worden um seine Nachfolge zu regeln. Während seiner Vorbereitungszeit übernahm Gaius Caesar zahlreiche Ämter und Titel, unter anderem den des princeps iuventutis, dem Führer der ritterlichen Jugend.

gaiuscaesarGaius Caesar

Zur Lösung der Thronstreitigkeiten und um die aufrührerischen Parther    im Osten des Reiches niederzuwerfen schickte ihn Augustus als Kom- mandeur einer Strafexpedition nach Armenien. Darüber berichtet der Schriftsteller Plutarch, dass ihm Augustus die Klugheit des Pompeius,  den Mut Alexanders und eine eigene Fortuna wünschte. Bereits vor dem Kriegszug nach Armenien wird der junge Gaius Cäsar in Inschriften als  der neue Ares gefeiert. Am Ende des Feldzuges konnte er tatsächlich die Festung Artigara einnehmen, doch kurz darauf wurde er heimtückisch verwundet und verstarb Lykien, fern der Heimat. Erneut um seine Nach- folge besorgt, machte  Augustus, Tiberius, den ältesten Sohn seiner Frau Livia, durch Adoption zum Erben.
Mit einem Plateau von 2,85 m über dem Eingangsniveau entspricht die Maison Carrée dem klassischen augusteischen Podiumstempel,. Mit diesem Bautyp entstand eine Sonderform des antiken Tempels, bei der  der Baukörper sich auf einem ausgeprägten Podium über die Umgebung erhob. Obwohl in der Antike Tempelbauten immer auf einem Unterbau standen, unterschied sich die Maison Carrée durch die betonte Front von vergleichbaren griechischen Tempeln. Im Gegensatz zu ihnen, die in der Regel von einer mehrstufigen Treppenanlage umgeben sind, unterstrich das Podium mit dem frontalen Zugang die Ausrichtung, wie sie bei  etrus-kischen und italischen Tempeln zu sehen ist.

Evora DianatempelDianatempel in Evora

Da die Front des Tempels mit einem Azimut von knapp 349° nach Norden weist, kann einen Sonnenaufgangspunkt zur Erklärung der Ausrichtung nicht herangezogen werden. Doch umgerechnet auf den julianischen Kalender bietet um 100 n. Chr. der Abendhimmel am 19. Dezember eine Erklärung dafür, denn der Tag war im römischen Kalender der Ops ge- widmet. An diesem Tag fand die Opalia statt, bei der der Ops Consiva, dem Reichtum des Consus gedacht wurde. Sie wurde durch die literar- ische Gleichsetzung mit terra mater zur ops mater. Später wurde sie mit Rhea identifiziert, der Vestalin, die Mars die beiden Brüder Romulus und Remus gebar.. Als ihr Onkel davon erfuhr, ließ die Mutter und ihre Kinder  in den Tiber werfen wo sie aber vom Flußgott Tiberius gerettet wurden.

Lupa capitolCapitolinische Wölfin, Plastik aus dem 12.jahrhundert

Um sie vor dem rachsüchtigen Onkel der Rhea in Sicherheit zu bringen. übergab er die beiden Brüder einer Wölfin zur Aufzucht. Damit wurde Rhea gleichsam zur Mutter der Römer. Wie in andren Anlagen schon geschildert, boten die Sterne zu dieser Zeit ein erzählerisches Motiv,    dass das irdische Geschehen bildhaft in den Himmel projizierte. So erschien mit dem Sonnenuntergang in der Achse des Tempels, Alkaid,   der letzte Stern vom Schanz des heutigen Großen Bären am Himmel
Noch bevor die griechische Mythologie dem Sternbild des Großen Bären seinen Namen verlieh und sie damit auch seine Entstehung erklärte,   hatte das Sternbild im arabischen Raum aber einen ganz anderen  Namen.

Maison Carree Plan1Ausrichtung der Maison Carrée

Die geometrisch klare Form des Sternbildes stand für einen Sarg und der spätere Schwanz des Bären wurden als drei Klageweiber betrachtet, die als Trauerzug hinter dem Sarg liefen. Der Stern Alkaid, das heutige Schwanz- ende, hatte dabei die Rolle eines Anführers der Klageweiber. Der Begriff des Klageweibes stammt aus altägyptischen und orient- alischen Trauer- gebräuchen, die später von Rom übernommen wurden.  In Ägypten er- folgte die Klage der Frauen durch Tanz und Gesang, aber auch durch lautes Rufen. Damit sollte auf den Tot des Bestatteten aufmerksam ge- macht werden. Ihre Handlungen bestanden oft aus Schlägen mit der   Hand auf ihre meist entblößten Oberkörper. Das Bestreuen mit Asche sollte ihre Klagen unterstützen. Für den Umzug kleideten sich die Klage- weiber in schlichte, weiße Kleider und trugen keinerlei Schmuck. Ihre Anführer war meist eine Priesterin, die in dieser Funktion die Rolle der Isis oder Neptyhs übernahm. Übersetzt in das Bild am Himmel, nahm Rhea an diesem Tag die Rolle der Anführerin des Trauerzuges, und gedachte ihren toten Söhnen.

Doch nicht nur in der Ausrichtung, auch in den Maßen des Tempels ist eine Symbolik zu erkennen, die auf das Jenseits ausgerichtet ist. Nur ein Beispiel sei hier erwähnt: die Länge des Tempels. Mit 26.42m entspricht sie umgerechnet in das römische Maß palmo (Handbreit) von 7,4cm, einem Vielfachen von 357 palmi. In seinen Schriften sah der römische Dichter Ovid sah den Menschen als ein Abbild Gottes, wenn er Prome- theus den Menschen aus einer Mischung von Erde und Wasser formen lässt und schrieb: `finxit in effigiem moderantum cuncta deorum.´ (Met.I,83), [ihn] formte er nach dem Bildnis der alles ordnenden Götter. Zwischen dem Schöpfer und Mensch gibt es also eine alles ordnende Beziehungen die durch 2 Wortpaare ausdrückt wird, die Ausgangs- und Endpunkt dieses 10. Kapitels seiner Schrift bilden: .PRAEMIA und FRONTIVM.  Im System der römischen Gemantria, in der Buchstaben Zahlen- und Faktorenwerte zugeordnet sind, entsprechen nun die beiden Worte der Zahl 357. Auch aufgetragen auf einen Kreisdurchmesser, be- stimmt die Zahl die Beziehung zum Zentrum, denn sie teilt den Durch- messer in 4 Abschnitte , wobei die 5 die Mitte bildet.

zahl 357 KopieBilder: Maison Carée – wikipedia,www.arenes-nimes.com,Culturespaces / C.Recoura-Ellengauthier / Gaius Caesar – livius.org- Wölfin mit Romulus und Remus – wikipedia, CC BY-SA 3.0 , Jean-Pol GRANDMONT / Zahl 357- http://www.decemsys.de/horaz / Simulation- stellarium

 

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