Das Schloss und der Blick auf Sophia

Residenzschloss_LudwigsburgSchloss Ludwigsburg, Südfassade

Zwischen 1704 und 1733 wurde unter der Herrschaft von Herzog Eberhard Ludwig das Residenzschloss in Ludwigsburg im Stil des Barock errichtet. Es war Teil eines Stadtentwurfes der ganz im Stil der zeittypischen Plan- städte ausgeführt werden sollte. Diese Planstädte waren der Endpunkt eine philosophisch-theoretischen Entwicklung, deren Ursprünge sich bis auf die Antike zurückverfolgen lassen. Bekanntes Beispiel ist die in dem Werk Politeia beschriebene Stadt, das aus der Feder des griechischen Philosophen Platon stammt. In ihm beschreibt er eine nach mathemat- ischen Prinzipien entworfenen Stadtstaat, dessen äußere Ordnung ein- em von gesellschaftlichem Gleichgewicht geprägten politischen System widerspiegelt. Gebautes Vorbild dieses Gedanken war der Plan von Ver- sailles, in dem sich Landschaft und Architektur zu einem Gesamtkunst- erk formten.

Versailles Gesamtplan 1746Versailles Gesamtplan 1746

Erste Planungen für den Hof in Ludwigsburg stammten 1706 vom damal- igen Hofbaumeister Johann Friedrich Nette. Nachdem 1709 der der Haupt- bau, sowie der nach Süden offene Ehrenhof entstanden war, verlegte der herzog seinen Hof nach Ludwigsburg. Nach dem Tod nettes übernahm  der bisherige Stuckateur Frisoni die Stelle des Hofbaumeisters. Trotz den erheblichen Erweiterungen des Bauwerkes, entsprach es keinesfalls den gestiegenen Ansprüchen des Hofes der sich an der Hofhaltung in Versail- les orientierte. Das Schloss liegt inmitten einer weiträumigen Parkanlage im französischen Stil, dessen Hauptachse nach Süden weist.
Nach dem Ende des 30- Jährigen Krieges und der Niederlage der Türken vor Wien war die Auffassung des Raumes auch durch eine neu entstand- ene Spiritualität im Glauben geprägt.

Jacob-BöhmeChristoph Gottlob Glymann, Jakob Böhme

Mit seinen Schriften Aurora und der Weg zu Christo gilt der 1599 in Görlitz geborene Jakob Böhme als einer der wichtigsten Vertreter der spirituellen Erneuerung des Glaubens. In seinen Schriften vertrat Böhme den Stand- punkt einer christliche geprägt- en, pantheistischen Weltsicht, der Allver- söhn- ungslehre. Ihr zentrales Element ist das neutestamentliche Motiv  der Wandlung.
Auf Grund seiner eigenen Entwicklung die durch mindestens drei myst- ische Erlebnisse geprägt war, sah Böhme den Auslöser der Wandlung nicht im gesprochen Wort der Predigt, sondern in der eigenen Selbster- fahrung. Nur in ihr sah Böhme eine Möglichkeit wie sich der Mensch `selbst erwecken´ konnte. Für ihn, den gelernten Schuster, der diese Wandlung selbst durchleben musste, waren zwei Dinge von großer Be- deutung: Die Wachheit und das Drängen. Diese Wachheit führte für ihn zum Verlangen, `sich jetzt und hier, in diese Stunde und dieser Minute für das Beschreiten des neuen Weges zu entscheiden´ und damit konnte die vollkommene Umkehr erreicht werden von der alten zur neuen Existenz zu gelangen. Die Grundzüge seiner Gedanken legte er bereits in seinem ersten Werk dar, das als 37 jähriger 1612 mit dem Titel Aurora in Görlitz veröffentlichte. `Aurora oder Morgenröte im Aufgang das ist: Die Wurzel oder Mutter der Philosophiae, Astrologiae und Theologiae, aus rechtem Grunde oder Beschreibung der Natur, wie alles gewesen und im Anfang worden ist: wie die Natur und Elementa kreatürlich worden sind, auch von beiden Qualitäten, bösen und guten; woher alle Ding seinen Ursprung hat, und wie es jetzt stehet und wirket, und wie es am Ende dieser Zeit werden wird; auch wie Gottes und der Höllen Reich beschaffen ist, und wie die Menschen in jedes kreatürlich wirken. Alles aus rechtem Grunde und Er- kenntnis des Geistes und im Wallen Gottes mit Fleiß gestellet durch`. Er beschreibt hier eine synästhetische Naturerfahrung vor deren Hintergrund sich der von ihm geforderte Prozess der Wandlung vollziehen soll.

Boehme_Aurora.previewbebildertes Blatt:  Aurora, oder die Morgenröte im Aufgang

Mit seiner gewählten Thematik `Morgenröte im Aufgang´ spielt er auf die Braut des Hohen Liedes an: `Sag an, wer ist doch diese, die auf am Himmel geht´ Böhme sieht den Mensch als Mitte der Natur, und als den schönsten der Engel, den er auch als Lichtträger bezeichnet. Doch der entsteht in einem Reifungsprozess den Böhme selbst als Qualifizierung bezeichnet. Sie erfolgt im Dialog der Seele mit der edlen Jungfrau Sophia, die für ihn eine zentrale Bedeutung innerhalb der Wandlung besitzt. Sophia, von der bereits spätjüdisch-biblischen Schriften berichtet wird, steht für die Katharsis, die einen von allen sinnlichen Begierden gereinigten astralen Leib entstehen ließ, der Teil der göttlichen Weisheit ist. In Sophia sieht Böhme den Ausdruck der von Platon beschriebenen Weltenseele, deren Erreichen er als Zustand der Erleuchtung wertet.

Ludwigsburg Plan 1Ludwigsburg Schlossachse

Dieses Motiv der Wandlung ist auch in er Ausrichtung des Ludwigsburger Schlosses zu erkennen. Die um fast unscheinbare  3° vom Meridian ab- weichende Schloss- achse, nimmt dieses Motiv am Weihnachtsmorgen auf. Zu dieser Zeit war die Letztsicht des hellsten Sternes aus dem Stern- bild Jungfrau, das himmlische Bild der Sophia, in der Schlossachse mög- lich. Kurz darauf verblasste der Stern Spica in der aufgehenden Sonne, dem Symbol des Erlösers. In Asträa und der Dike hatte das Motiv der Sophia bereits in römischer Zeit Vorläuferinnen, die Sinnbilder eines Goldenen Zeitalters waren, in dem die Menschen noch im Einklang mit  der  Natur lebten. Unter diesem Blickwinkel betrachtet erklärt sich die Aus- richtung des Schlosses auf Sophia nicht als Selbstzweck sondern Abbild jener Wandlung, die Jakob Böhme einst in seinen Schriften forderte.

Bilder: Wikipedia/Neue Corps de Logis mit dem Gartenparterre im Süden, CC BY-SA 3.,0 Kilom691 / Jakob Böhme- Christoph Gottlob Glymann, Torsten Schleese , Simulation Stellarium

 

Advertisements

Ein Gedanke zu „Das Schloss und der Blick auf Sophia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s