Der Wein, die Birne und Birnau

Birnau 1850Birnau um 1850

Einst gab es einen gut gehenden Weinauschank neben einem Marien- heiligtum auf der Gemarkung von Überlingen. Dieses stand ungefähr 3 km weiter nordwestlich der heutigen Wallfahrtskirche. Eine Tauschurkunde aus dem Jahr 1222 erwähnt zum ersten Mal einen Ort mit dem Namen Birnowe, für das sich die Zisterzienser aus der benachbarten Abtei Salem verantwortlich zeichneten. Hier entstand die Kirche Altbirnau, ein einfaches Langhaus mit Satteldach. Doch unweit der Kirche, auf Überlinger Gemark- ung lag ein Wirtshaus, über dessen beträchtlichen Weinausschank es zu regelmäßigen Streit mit den Mönchen kam. Der Machtkampf zwischen Stadt und Kloster eskalierte, wobei es gelegentlich auch zu Handgreiflich- keiten gekommen sein soll. Da zeitweise kein geordneter Gottesdienst mehr möglich war, wurde das Gandenbild ins Heimatkloster Salem verlegt. Um den gestiegenen Anforderungen des neu erwachten Pilgerwesens in der Zeit der Gegenreformation gerecht zu werden, holte das Kloster die Genehmigung für einen Neubau ein. Die päpstliche Bulle vom 12. März 1746 erlaubte dem Salemer Kloster, schließlich die Kirche zu errichten
Das Bauwerk besteht aus einem langgezogenen Kirchenschiff und einem Querriegel mit einer prachtvollen Schaufassade die eher einer Fürsten-residenz gleichkommt.

Birnau Frontsicht 1Birnau Frontsicht

Sie besteht aus 11 Fensterachsen, die durch eine Kolossalordnung ion- ischer Pilaster gegliedert wird. Der wuchtigen Fassadenordnung folgt der überwältigende Rauminszenierung der Saalkirche die einen Höhepunkt  der Rokokokunst darstellt. Mit der Pracht dekorativen Ausgestaltung der Kirche sollten die Gläubigen von der Größe Gottes überzeugt werden. Somit entsprach die Kirche ganz dem Bildprogramm der Gegenrefor- mation, die mit dem Theatrum Sacrum eine neue Architektursprache begründet hatte. Wohl nicht ohne Grund betonte Abt Anselm II. in seiner Kirchweihpredigt, dass nicht das Kloster, sondern Maria selbst die Kirche erbaut habe.
Birnau, oder auch den Vorgängername nun direkt mit der gleichnamigen Frucht den in der Region wachsenden Bäumen  in Verbindung zubringen. wäre ein zu verkürzter Gedanke .Wie so oft, vereinigten sich auch hier unterschiedliche Bedeutungsebenen miteinander. Im Althochdeutschen hieß Birne noch bira, oder auch nur bir. Es entstand  aus dem lateini-schnen Wort pirrum. Ganz ähnlich klingt auch das lateinische Wort `birrum´ , der Schutz oder der Mantel.. Beide Bilder, der Schutz und die Birne, sind im mittelalterlichen Glauben auch Sinnbilder, die für die Jung- frau Maria stehen.

Bellini MadonnaBellini, 1488. Madonna di Alzano

Der italienische Künstler Giovanni Bellini hat um 1487 das Bild `Madonna di Alzano´, das auch `Madonna mit Birne´ ewnnt wurde geschaffen. Lange vor diesem Werk galt die Frucht bereits als Symbol Marias, denn sie ver- körpert eine religiöse bestimmte Symbolik. Die Birne stand als Zeichen   für die Unschuld und unterstrich in vielen Marienbildern die Reinheit der Gottesmutter. Ihre schneeweiße Blüte weckte Assoziationen wie `Rein-heit´.  Deshalb steht der Birnbaum in Ost und West als Sinnbild der Reinheit und Gerechtigkeit . Im alten Brauchtum gehört die Birnbaum zu jenen Bäumen, die am Tage einer Neugeburt gepflanzt werden. So wird auch das Wasser des ersten Bades eines Mädchens an den Stamm ein- es Birnbaumes geschüttet, um damit das Wachsen und die Gesundheit des Mädchens zu fördern. Über den vorderen Orient und West Asien gelangte die Frucht bereits im Neolithikum nach Mitteleuropa. Bereits die Griechen und Römer schätzten und veredelten viele Sorten der Birne. In der antiken Mythologie war sie der Göttin Hera, der Gemahlin des Zeus, geweiht und ist es nicht verwunderlich, dass die Frucht so später auch  auf Maria übertragen wurde.

Dürer Maria mit BirnenschnittDürer, Maria mit Birnenschnitte, 1512

Diese Eigenschaften führen den Blick zurück auf die Ausrichtung der Kirche. In der Literatur wird die starke Abweichung von der Ostrichtung    mit besseren Fernwirkung der Kirchenfassade begründet. Doch diese Behauptung hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Zwei wichtige Marienfeiertage bestimmen sie: Der Hochfeiertag Maria Himmelfahrt der auch als höchster Feiertag der Zisterzienser gilt und Maria Heimsuchung. Damit erzählt das Gebäude gleich einer Allegorie des Lebens von Maria. Der erste Feiertag beruft sich auf ein Kapitel im Lukasevangelium (Lk 1,39), in dem die Freude Marias nach der Verkündigung geschildert wird. Die schwangere Maria macht sich auf den Weg, um ihre Verwandte Elisabet zu besuchen (Heimsuchung) und die Freude mit ihr zu teilen. Elisabet, die selbst im sechsten Monat schwanger und Johannes den Täufer zur Welt bringen sollte, grüsst sie mit den Worten: `Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes´. Die Winkelsumme beider Sonnenaufgangspunkte ergeben dann die Ausrichtung der Kirche.

Birnau Plan SonneWikmedia: Birnau um 1850,Fb78 /Frontsicht,Rizzo / Madonna di Alzano,Caricato da Eugene a /Maria mit Birnenschnitte, DcoetzeeBot / Simulation: Sunearthtools

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