Primin, Schlangen und die Reichenau Teil 1

Heiliger PirminKloster Murbach, Heiliger Pirminius

Wie an vielen Orten beginnt auch auf der Reichenau die Geschichte mit einer Sage. Sie berichtet von einem Landvogt Sintlas in dessen Gebiet die Insel lag. In der Erzählung wird der Landvogt als ein frommer Mann geschildert, der eifrig um die Verbreitung des Christentums in seinem Gebiet bemüht war. So gelang Sintlas eines Tages den heiligen Pirmin als Apostel für die Missionierung seiner Heimat zu gewinnen. Im Jahre 724 folgte Primin seinem Ruf und bat den Landvogt ein Haus der Andacht gründen zu dürfen. Als Ort wählte der Heilige die nahe Insel, die der  See von allen Seiten umfloss. Doch der Landvogt versuchte den Apostel von sein- em Vorhaben abbringen da auf der Insel greuliche Würmer lebten. Doch Pirmin blieb  bei seinem Entschluss und fuhr von einem Schiffer begleitet auf die Insel hinüber, die zu dieser fast undurchdringlich mit finsteren Wäldern und dornigem Gebüsch  bewachsen war, zwischen denen gefährliche Sümpfe voller Ungeziefer lagen.

Reichenau RadierungJohann Heinrich Bleule, kolorierte Radierung um 1790

Als der Heilige schließlich südlich von Deichmanns Schlößchen ans Land stieg, berührte er die Erde mit einem Bischofsstab. Kaum hatte er dies getan, entstand dort auf wunderbarer Weise eine Quelle. Die hässlichen Tiere bemerkten dies und flohen sofort über den See. Drei Tage und drei Nächte, so die Sage soll ihre wilde Flucht gedauert haben. Sobald war die Insel für immer von den Tieren befreit war , reinigte Pirminius mit vierzig seinen Gefährten das Eiland von dem undurchdring-lichen Gesträuch, damit dort in Zukunft Menschen wohnen konnten. Pirmin oder  auch Pirminius, was übersetzt der Ruhmreiche oder Bärenstarke bedeutet erled- igte auch diese Arbeit und gründete im Jahr 724 das Kloster Mittelzell auf der Insel Reichenau. Doch bei diesem Kloster sollte es nicht bleiben. Der Mönch, über dessen Herkunft es so gut wie keine Hinweise gibt, gründete noch zahlreiche weitere Klöster im Schwarzwald, wie Gengenbach oder Murbach.

Untersee ReichenauUntersee, Blick auf Reichenau Untersee, Johann Jakob Wetzel 1825

Doch die Schilderung der Landschaft mag nicht ganz zur malerische Atmosphäre passen, die die Gegend zwischen dem Unter- und Obersee auszeichnet. Dass sie seit frühesten Zeiten besiedelt wurde, dürfte auch auf ihre Ausrichtung zurückzu-führen sein. Geradezu ideal passen die Ausrichtungen der beiden Arme des Bod- ensees zu dem Wichtigen Sonnenuntergangsrichtungen am 1. Mai und der Winter- sonnenwende.Fast scheint es, als habe hier der Mensch frühzeitig eine Harmonie von Landschaft und Himmel entdeckt. Die Richtung des Sonnenunterganges am 1. Mai folgt auch die Geometrie der Insel Reichenau selbst , die der tatkräftige Gottes- mann vor Jahrhunderten von allem Bösen gereinigt haben will. Wird diese die Linie aber verlängert, weist sie auf den Hohentwiel, der Kuppe eines vor 15 Millionen Jahren erloschenen Vulkans.

Reichenau Plan SonneKarte Sonnenrichtung

Dieser Tag stand einst in Verbindung mit dem römischen Feiertag Bona Dea oder dem keltischen Fest Beltane. Einen Hinweis auf die Art des Festes findet sich in einer Legende der irischen Wandermönche zu denen einst auch Pirminius gezählt habe könnte. Sie erzählt wie der Mönch Columban mit seinem Gefährten Gallus um das Jahr 611 auf der Flucht vor dem Franken-König Theoderich nach Brigantium, dem heutigen Bregenz. gelangten. Kurz nach deren Ankunft feierten die Einwohner ein großes Fest, in dessen Mittelpunkt ein goldenes Gefäß mit Gerstensaft stand. Columban beschreibt dieses Gefäß gefüllt mit Schlangen und zieht nach erfolglos- er Mission mit seinen Gefährten weiter nach Italien. Nur Gallus bleibt zurück und missioniert in der heutigen Schweiz wo das Kloster St. Gallen nach ihm benannt wurde.

Gallus PfärrenbachGallus, Wandmalerei Filialkirche St. Venantius in Pfärrenbach

Die in vielen Erzählungen über die vorchristliche Zeit auftauchende Schlange ist     ein altes, äußerst komplexes und universelles Symbol. Es besaß sowohl männ- liche, als auch weibliche Eigenschaften. Einerseits kann die Schlange töten und stellt damit ein Sinnbild der Zerstörung dar, doch andererseits stellt die periodische Erneuerung ihrer Haut auch ein Sinnbild der Wiedergeburt dar. Als heiliges Tier begleitete sie nahezu alle weiblichen Gottheiten. Häufig wurde sie so dargestellt, dass sie diese Gottheiten umwindet oder von ihnen in den Händen gehalten wird. Dabei verkörperte sie die weiblichen Charakteristika des Geheimnisvollen, Rätsel-haften und Intuitiven. Als Symbol der Zweigeschlechtlichkeit stand sie auch für die aus sich selbst heraus schaffenden Götter und damit gleichsam für die schöpfer- ische Kraft der Erde. In jeder Hinsicht ist die Schlange eine e Manifestation von Kraft steht auch im engen Zusammenhang mit den Vorstellungen von Leben und Tod. Trotz der Legenden belegen aber zwei Funde einen vorchristlichen Glauben der mit einer Schlange verbunden ist: der Kessel von Gundestrup und der Pfeiler der Nautae Parisiaci. Auf den Bildern des Kessels hält eine gehörnte Gottheit, in der der Frucht- barkeitsgott Cernunnos vermutet wird, in der rechten Hand einen Torques und in der linken Hand die Widder-Kopf-Schlange. Sie erscheint insgesamt auf drei Bildern dieses Ritualkessels.
Dies führt den Blick wieder auf den Hohentwiel. Obwohl hier über 10000 Jahre alte Siedlungsspuren nachgewiesen wurden, tauchte der Name erst um 980 in der St. Galler Klosterchronik als castellum tuiel auf. In der Forschung wird der zweite Teil des Namens auf das indogermanische Verb tuo – schwellen zurückgeführt. Auch das lateinische Verb tue, schauen, könnte in die Betrachtung über den Ursprung des Namens mit einbezogen werden. Doch für das Anschwellen der Temperatur im Mai, was als Sieg der Sonne über die kalte Jahreszeit gedeutet wird, ist hat das Fest am 1. Mai eine symbolische Bedeutung und an diesem Tag ist der Sonnenuntergang über dem Hohentwiel zu beobachten. Doch diese Richtung war nicht allein be- stimmend für de einst geheimnisvolle Reichenau.

HohentwielDer Hohenwiel, Blick zum Bodensee

Bilder: wikipedia CC BY-SA 3.0 , Pirminius, Alex / Reichennau,Johann Heinrich Bleule kolorierte Radierung,Kelson / Untersee, Blick auf Reichenau, Johann Jakob Wetzel 1825,Kelson / Gallus, Wandmalerei Filialkirche St. Venantius Pfärrenbach, AlMare / Simulation: sunaerthtools

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