Göppingen und der große Brand

Julius WeberCarl Julius Weber 1762-1832

Auch Göppingen in dem 1843 in Stuttgart veröffentlichen Buch `Briefe eines Deutsch- landreisenden´ von Carl Julius Weber auf. Darin schreibt er über die Stadt, dass sie nach dem großen Brand von 1782 eine der schönsten Städte Württembergs geworden sei. Die Brandkatastrophe wurde in der Nacht vom 25. auf den 26. August durch den Blitzschlag in das Haus eines Zeugmachers ausgelöst. Das Haus geriet sofort in Brand und der wurde durch den Sturm weiter angefacht, so dass er rasch auf be nachbarte Gebäude übergriff. Der heftige Wind und ein außergewöhnlicher Wassermangel verhinderten die Lösch-arbeiten und so vernichtete das Feuer innerhalb von nur 10 Stunden fast 350 Gebäude in der Stadt. Das Feuer loderte so heftig, dass es selbst im Schloss Hohenheim zu sehen war und Herzog Karl Eugen herbeieilte. Nachdem ein großer Teil der Stadt zerstört war, wurde umgehend der Entschluss gefasst sie völlig neu aufzubauen.

Göppingen Brand 1782aGöppingen Brand 1782

Mit den Planungsarbeiten wurde der Architekt, Landbaumeister u. Stadtplaner Johann Adam Groß d. J. beauftragt. Er entwickelte einen nach klassizistischen Gedanken ge-stalteten Plan auf der Grundlage eines Schachbrettmusters. Groß hatte bei einem Vater gelernt und wurde 1757 Kontrolleur an der Residenzbaudeputation. Dort wurde er rasch zum Landesoberbauinspektor befördert in dessen Funktion er sich für mehrere Stadtplanungen, wie in Neuenbürg oder Murrhardt verantwortlich zeigte. Der Plan Göppingens war ganz den rationalen Gesichtspunkten einer modernen Stadtplanung verpflichtet. Er zeichnete sich durch rechtwinklige, leicht bebaubare Grundstücke aus, wobei die geraden Straßenzüge an das alte Verkehrswegsystem anknüpften.

 

MiletMilet im 5. Jhd. v. Chr.

Dieses Modell einer Planstadt, also einer am Reißbrett entwickelten Stadt, gab es bereits in der Antike. Die Griechen planten auf die Weise ihre neu gegründete Koloniestädte an der Kleinasiatischen Küste, ebenso auch später die Römer ihre Garnisonsstädte. Ein gutes Beispiel für Stadtanlagen die nach einem Schachbrettmuster entstanden sind, sind die Römerstädte Trier und Köln. Im Mittelalter verlor sich dieser Gedanke wieder. Durch das rasche Wachstum wuchsen Städte um Siedlungskerne herum und besaßen dann meist mäandernde Straßensysteme die keine klar erkennbare Struktur aufwießen. Einzige Ord nungspunkte dieser Städte waren die meist zahlreichen Kirchen. Erst im Zeitalter des Absolutismus keimte der Gedanke einer vollständigen Ordnung wie auf. Stadtgrundrisse wurden jetzt nach rationalen Gesichtspunkten aufgebaut und durch Sichtachsen ge- gliedert, deren Visierpunkte meist einen symbolischen Bezug zu den jeweiligen Herrschen hatten.

Murrhardt MaßrasterMaßraster der Stadt Murrhardt, ausgerichtet auf die Sommersonnenwende

Im Modell der Planstadt stellt Murrhardt eine Mischung aus gewachsener Bebauung und der Einbeziehung von Sichtachsen zu Bauwerken in einen Gesamtplan dar. Hier ver- wendete Groß ein nach Nordosten gedrehtes Maßraster,  dass auf diese Weise auch die Keimzellen des Ortes, die Walterichs Kapelle und die Kirche mit einbindet. Damit greift die Ausrichtung des Rasters am  Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende auf die Tradition antiker Stadtanlagen zurück, die ebenfalls nach Sonnenaufgangspunkten ausgerichtet wurden. Passend zum Neubeginn wurde In Göppingen ein ganz besonderes Datum gewählt: Der Sonnenaufgang am Reformationstag.

Göppingen Plan

An diesem Tag ist die Achse auf den Punkt am Horizont ausgerichtet, wo ihn die Sonnenscheibe berührt. Damit versinnbildlichte Tag auch die Stellung des Herzogs innerhalb der Kirche, denn er vereinigte ja durch das Summepiskopat in Württemberg das Oberhaupt der Landeskirche mit der weltlichen Macht des Landesfürsten. Dieser Verweis auf den Glauben kann durchaus auch als ein pädagogischer Wink gewertet werden, denn nach der Einführung der Reformation hatte sich Württemberg in einen lutherisch geprägten Musterstaat verwandelt, der durch einen besonderen Glaub-enseifer und Wertvorstellungen auszeichnete. Diese Eigenschaften können zwar durchweg als Grundlage des heutigen Wohlstandes betrachtet werden, doch zu jener Zeit erhielt Württemberg deshalb wohl auch den spöttischen Beinamen `Lutherisch Spanien´. Doch der Punkt am Horizont ist ebenso ausgeklügelt wie der, der Idealstädte der Renaissance. So ist in der gleichen Richtung auch am 11. Februar, dem Geburtstag von Karl Eigen, der Sonnenaufgang am Horizont zu sehen.

Wikipedia: Darstellung des Herrn, Bellini, Giovanni, 1459 Galleria QueriniStampalia,Drewwiki,  Karte mit rotem Planraster von Murrhardt, Christian Schweizer / Carl-Schweizer-Museum Murrhardt / Simmulation: sunearthtools

 

 

 

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