Oberhofen und St. Martin

GöppingenOberhofenkircheOberhofenkirche Göppingen

Das Jahr 2016 ist ein Martinsjahr, denn vor 1700 Jahren wurde der Heilige gebor- en, der von beiden großen Konfessionen verehrt wird. Hunderte von Martinskirchen wurden am Beginn der Christianisierung im Südwesten gebaut und unter ihnen zählt die Oberhofenkirche in Göppingen wohl zu denen, die am spätesten errichtet wurd- en. Ihr Grundstein wurde sinnigerweise am Martinitag 1436 gelegt und damit zählt die Kirche heute zu den ältesten Bauwerken der Stadt Göppingen. Ungewöhnlich war damals die Wahl des Ortes außerhalb der Stadtmauern, denn dort soll sich seit frühen Zeiten ein Kultplatz befunden haben. Knapp 54 jahre dauerte der Bau , bis die Stiftskirche 1490 vollendet und St.Martin und Maria geweiht wurde.

BaslerMunster_MartinsturmDer heilige Martin am Basler Münster

Geboren wurde St. Martin, der spätere Bischof von Tours im Jahr 316 im heute     ungarischen Szombathely. Er war der Sohn eines römischen Tribuns und wurde      in Pavia, der Heimatstadt seines des Vaters, nach der christlichen Lehre erzogen. Auf Wunsch von ihm musste er mit 15 Jahren in den Soldatendienst bei einer röm- ischen Reiterabteilung in Gallien eintreten. Während eines Feldzuges gegen die Germanen im Jahr 356 schied er aus dem Militärdienst aus, weil er seinen Glaube nicht mehr mit dem Militärdienst vereinbaren konnte. Zuvor soll auch die wund- ersame Begegnung mit dem Bettler in Amiens ereignet haben, die zum heutigen Brauch des Martinsumzuges führte. In Amiens soll er mit einem frierenden Mann seinen Mantel geteilt haben, der ihm dann in der folgenden Nacht als Christus erschienen sein soll.
Nach Streitigkeiten mit Anhängerin des Arianismus,Gegnern der offiziellen Trinitäts- lehre, zog sich Martin als Einsiedler nach Ligugé bei Poitiers zurück. Dort gründete  er im Jahr 361 das erste Kloster Galliens. Martin starb auf einer Missionsreise und wurde anschließend auf der Loire nach Tours überführt. Während der Fahrt zurück, so eine der zahlreichen wundersamen Schilderungen über Leben des Heiligen, sollen die Bäume zu neuem Leben erwacht und das Ufer in ein schneeweißes Meer getaucht haben.

TurmLigugeAbtei Saint-Martin de Ligugé, Turm aus dem 15. Jahrhundert

Schon bald wurde dort sein Grab zu einem Pilgerziel das immer mehr Menschen anzog. Ab dem 6. Jahrhundert breitete sich sein Feiertag und damit auch das Patro- zinium über ganz Europa aus. Die Legende der Mantelteilung, seine schlichte Leb- ensführung und auch seine Verdienste zur Bereicherung der Kultur machten aus Martin eine neue christliche Leitfigur. Im Gegensatz zu den anderen bis dahin ver- ehrten Heiligen, war er der erste überhaupt der kein Martyrium erleiden musste.
In der Folge wählten ihn auch viele Länder als ihren Schutzpatron, darunter Frank-reich, die Slowakei, das Burgenland in Österreich und ebenso der Patron der Bistümer Mainz und Rottenburg-Stuttgart. Mit dem Laternenumzug wurde auch die vorchristliche Symbolik des Lichtes aufgenommen, das in gallisch-keltischer Zeit  die dunkle Jahreszeit von Samhain bis Imbolc am 1. Februar erhellte. So ist auch  die Martinsgangs nicht zufällig gewählt worden, denn der Verfasser der ersten Martins Legende , Sulpicius Severus, berichtet wie der Heilige Fischern dabei ge- holfen hat Gänse zu vertreiben. Da diese bei Kelten und Römern als heilig galt wurde sie nun als essbar erklärt und zum traditionell abgehalten Kirmes verspeist.
Mit ihrer ungefähren Ausrichtung nach Osten, verkörpert die Oberhofenkirche auch die Richtung die zum Sinnbild der neuen Religion wurde. Der Blick war nicht mehr nach Norden, hin zur Weltachse gerichtet, sondern nun nach Osten. Dort lagen die neuen heiligen Stätten und dort war auch der Sonnenaufgang während des Oster- festes zu sehen, dem Fest der Auferstehung von Jesus. Da das Patrozinium St. Martins am 11.November gefeiert wird, hätte ein Bezug auf diesen Sonnenaufgangs- punkt aber zu einer viel zu großen Abweichung von der angestrebten Richtung be- deutet und so bot sich das zweite Patrozinium der Maria für einen Ausgleich der Richtungen an.
Neben den zahlreichen Heiligen gewann ihre Verehrung ab dem frühen Mittelalter immer mehr Raum. Sichtbarer Ausdruck dieser gestiegenen Bedeutung sind die zahlreichen gotischen Kathedralen in Nordfrankreich die das neue Bild der Maria etablierten. In ihr Bild flossen nicht nur die aus römisch-gallischer Zeit übrig ge- bliebenen Kulte der Isis ein, sondern auch die Matronenkulte des alten Europas. Doch Im Gegensatz zu heute gab es im Mittelalter noch viel weniger Marienfeste.  Erst mit den Kämpfen gegen die Mauren in Spanien, die Türken auf dem Balkan und den Sieg über Napoleon ließ die zahl der Feiertage anwachsen. Dabei spielten zwei Eckdaten im Leben Marias von Anfang an eine besondere Rolle: Ihre Geburt am 8. September und ihre Erhebung in den Himmel am 15. August.

SchutzmantelmadonnaKirche Sogn Gieri bei Rhäzüns im Kanton Graubünden

Trotz ihrer Unterschiedlichkeit verbindet doch beide auch das Motiv des Mantels. Bereits im 11. Jahrhundert gibt es Darstellungen der Maria mit dem leuchtend blauen Mantel in der Gestalt der Himmelskönigin, den sie zum Schutz der ihr an- vertrauten ausbreitet. Diese Geste verweist auf den Brauch des Mantelschutzes, mit dem Schutz oder Asyl unter dem Mantel einer hochgestellten Persönlichkeit gewährt wurde. Dieser Mantel neben anderen, Symbol der Macht geistlicher und weltlicher Herrscher. So konnte auch das Umfangen einer Person mit dem Mantel als Zeichen der Begnadigung gelten.

Die Baulinie

Werden die Sonnenaufgangswinkel vom Gedenktag des St.Martin und dem Tag von Mariä Himmelfahrt zusammengefasst, so entsteht die geringfügige Abweichung der Oberhofenkirche aus der der Ostwe-Westachse nach Süden. Diese Ausrichtung ent- spricht auch den üblichen Vorstellungen das Kirchen grundsätzlich nach Osten aus- gerichtet sind. Doch diese Vorstellung  trifft nur in den seltensten Fällen wirklich zu.

Bilder: Wikipedia, Der heilige Martin am Basler Münster , Jacob Burckhardt, (Magnus Manske) , Turm im KlostergeländeAbtei Saint-Martin de Ligugé um 1500, Sarkana / Schutzmantelmadonna an der Kirche Sogn Gieri bei Rhäzüns im Kanton Graubünden, Parpan05 / Simmulation: sunearthtools

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