Mythos Dünsberg – das Kloster Schiffenberg

KlosterSchiffenbergKloster Schiffenberg, Blick von Osten

Die ehemalige Klosteranlage Schiffenberg liegt auf dem 281m hohen Gießener Hausberg dem Schiffenberg. Das Kloster war ursprünglich ein Augustiner Chor- herrenstift hinter dessen Mauern nicht zurückgezogene Mönche, sondern als Welt- geistliche lebten. Das Kloster geht auf eine im Jahr 1129 erfolgte Stiftung der Gräfin Clementia zu Gleiberg zurück und ist somit älter als die Ursprünge der ersten Sied- lung Gießen. Auf Grund des Alters und der Bedeutung der spätromanischen Archi-tektur der Basilika wurde der Anlage im Juli 2012 der Rang eines Bauwerks von nat- ionaler Bedeutung zuerkannt.

Tulpenbecher vom MichelsbergTulpenbecher vom Michelsberg

Ausgrabungen im Umkreis der Anlage zeigten, dass der Berg bereits zur Zeit der Bandkeramischen Kultur und der Michelsberger Kultur, also in der Zeit um 4000 v. Chr. besiedelt war. Ebenso zeigen Siedlungsspuren aus der frühen Bronzezeit des  1. Jahrtausends welche besondere Bedeutung der Ort über Jahrtausende hinweg hatte. Betrachtet man seine Lage fällt die Sichtbeziehung zum weiter nordwestlich gelegenen n Dünsberg ins Auge. Die ist beim Schiffenberg gleich in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Von hier aus ist während der großen Mondwende über dem Dünsberg der Untergang des Mondes und über dem südöstlich gelegenen Kirchberg dessen Aufgang zu beobachten. Zugleich liegen die drei Anhöhen Buch- enberg, Schiffenberg und Anneberg auf einer Visurlinie die mit dem Sonnenaufgang- am 1. August übereinstimmt.

Kloster Schiffenberg PlanKloster Schiffenberg und die Mondwende

In der Literatur gilt die Bedeutung des Namens Schiffenberg, der sich aus den erst- en Bezeichnungen Skephenburcaus dem Jahr 1129 und Sefphenberchaus dem Jahr 1139 entwickelte als nicht gesichert. Einhellig wird eine mögliche Entstehung   in dem althochdeutschen Wort sceffin(o) und dem mittelhochdeutschen schepfe, scheffe gesehen das, den Frühformen des Schöffen. Doch die auffällige Beziehung des Ortes zu den beiden extremen Mondständen lässt auch eine andere Deutung  zu. Das ähnlich klingende althochdeutsche Wort skepfen, oder skephen, bedeutet die Schöpferin. In der Form skepfārin bezeichnet es auch eine Schicksalgöttin.
Man und Frau hatten in der altnordischen Sprache noch eine ganz andere Bedeut- ung. So stand das Wort man dort für die Bezeichnung der Frau. Bei den nordischen Völkern wurde mit man auch der Mond, die Schöpferin aller Wesen, oder auch die Große Mutter und Mondgöttin bezeichnet. Doch das Wort hat einen viel älteren Ur- sprung denn etymologisch leitet sich Mond vom indoeuropäischen manas, mana oder men ab, was sinngemäß `das weise, vom Mond regierte Blut der Großen Mutter´ bedeutet. Die Worte Göttin und Mond, Frau und Mutter kommen in sehr viel- en Sprachen aus demselben Wortstamm. So wurde der Begriff nicht von ungefähr zum Ma oder Mama, denen ersten Silben, die ein Kind sprechen kann. In nahezu allen Kulturen gibt es also ein Wort wie man, men oder mana, das immer weibliche Kraft, Mond-Geist, Magie, übernatürliche Kräfte und Göttin bedeutet. Mana stand im alten Europa für die Mondmutter, die nach den mythologischen Vorstellungen das Geschlecht der Menschen hervorbracht hatte Die Große Göttin wurde deshalb auch mit der Himmelskönigin gleichgesetzt, was der natürlichen Rolle des Mondes ange- messen war, denn er steigt am Himmel höher als die Sonne. Im Zuge der Christ- ianisierung verbot die katholische Kirche den Kult der Mondgöttin, doch viele ihrer Eigenschaften leben in der vielschichtigen Gestalt Marias weiter deren Namen ja ganz ähnlich klingt. Spätestens seit dem Aufkommen des Motives der Mondsichel-madonna wurde ihre Verbindung zu den alten Vorbildern ganz offensichtlich.

MondsichelmadonnaMondsichelmadonna aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg

Das Mondmotiv spielte auch eine wichtige Rolle bei rituellen Gegenständen der frühen Bronzezeit . Bekannt dafür sind die zahlreichen Mondidole, die auch als Mondhörner bezeichnet werden und aus der Zeit von 1300 bis 800 v. Chr. stam-  men. Viele dieser Mondhörner waren aber weit mehr als nur die Symbole eines Mondkultes, denn sie dienten auch als Messinstrumente. Die auf Mondhörnern eingravierten Skalen sind den kalendarischen Aufgangsazimuten der Sonne ent- sprechend nicht linear aufgetragen, sondern infolge der elliptischen Erdumlauf- bahn unsymmetrisch geteilt. Damit ist das Mondhorn ein sehr einfaches und zu- gleich präzise Visierein-richtung, deren Komplexität in der Skala verborgen ist. Sie bestand aus der leicht gebogenen Skala, dem Lotfaden und der Sonne als Ziel.

Mondhorn WintersonnenwendeMondhorn zeigt die Wintersonnenwende an

Ein Lotfaden wird mit geringem Abstand vor dem Mondhorn positioniert und das Horn in die Ostwestachse ausgerichtet. Über den Schattenwurf des Lotfadens ist dann das exakte Datum bis zu den jeweiligen Sonnenwenden auf der Skala abzu- lesen. Bei i sorgfältiger Ausrichtung war das Mondhorn also einfach zu bedien- endes Messinstrument das zugleich eine geringe Messunsicherheit aufwieß. Die auffällige Landschaftbezüge des Schiffenberges zur Mondvisur könnten also die letzten Hinweise für einen Mondkult sein, der letztendlich auch den Grund für den Flurnamen lieferte.

Bilder:Wikipedia,CC BY 3.0, Kloster Schiffenberg, Silke Koch/ 4.000 Tulpenbecher Michelsberger Kultur anagoria/ Mondsichelmadonna aus Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (12. Jahrhundert) / M ondhorn, Geomatik Schweiz 2/2007,M. Kerner.

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