Der Schiffenberg und Lubentius

Schiffenberg Klosterkirche NOKlosterkirche aus Nordost

Die jüngere Geschichte des Schiffenberges begann mit dem Bau des Klosters, dessen Gelände Gräfin Clementia von Gleiberg, die Witwe Konrads I. dem Erzbistum Trier stiftete.
Die Auflage dort ein Kloster zu bauen wurde bald darauf erfüllt. In zwei Bauabschnitten wurde dort von 1130 bis 1150 die Klosterkirche errichtet, die der Jungfrau Maria geweiht wurde. Unterstellt wurde die Kirche anschließend dem Archidiakonats St. Lubentius Dietkirchen. Zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich, wurde die schmale romanische Pfeiler- basilika exakt in die Ost- Westrichtung gebaut.

Kirche Innen GießenKirchenraum

Damit entsprach sie der heute weit verbreiteten Auffassung, dass Kirchen immer nach Osten ausgerichtet sind. Doch diesem Schema entsprechen nur ganz wenige Kirchen- gebäude. So hat sich im Laufe der Geschichte, wie gerade das Beispiel Schiffenberg zeigt, ein kompliziertes System der Ausrichtung entwickelt um die Symbolik des Lichtes auszudrücken.
Bereits in frühen biblischen Texten ist die Rede vom Licht. So steht in der Genesis XII, 31.59. ‚Ein anderes aber ist das Licht, durch das die Seele erleuchtet wird, damit sie alles entweder in sich selbst oder in diesem Licht als wahrhaft verstanden erblickt. Verschied- ene Kirchenlehrer, wie Bernhard von Clairvaux, Dionysius von Paris oder Augustinus führten diese Sicht weiter, bis in der Gotik ein einzigartiger Höhepunkt der Lichtmystik erreicht wurde. So war Bernhard von Clairvaux der Auffassung, dass `Die Vereinigung der menschlichen Seele mit Gott ist ein Eintauchen in das unendliche Meer ewigen Lichtes und leuchtender Ewigkeit´ sei. Dionysius von Paris, der mit seinen Schriften der Gotik zum Durchbruch verhalf, sah im Licht eine Brücke zwischen himmlischer und irdischer Welt. Dazu schrieb er: `Alle Wesen streben zur Sonne hin, begehren in irgendeiner Weise nach ihrem Licht – sei es zur eigenen Erleuchtung oder Bewegung oder nur aus Sehnsucht, sehen zu können, sei es zur eigenen Erwärmung oder überhaupt zur Erhaltung der eig- enen Gegenwart´  Das Licht in Gestalt der Sonne verkörperte Christus und war damit auch das Symbol der Wiederauferstehung.

Hl DionysiusHeiliger Dionysius um 1460

Um die Baulinie einer Kirche festzulegen, musste die Ausrichtung auf den Sonnenauf- gangspunkt bestimmt werden. Da die Sonne während des Jahres einen Pendelbogen von ungefähr 78° durchläuft, zielt die Linie naturgemäß nur auf 2 mögliche Sonnenaufgänge. Die Lösung dieses Problems boten die zahlreichen Gedenktage von Heiligen die seit der Spätantike bekannt waren und als Schutzpatrone für Kirchen dienten. So hätte eine Aus- richtung der Kirche auf einen der Feiertage Marias keine exakte Ausrichtung nach Osten ergeben. Auf Grund der Zeitverschiebung des julianischen Kalenders wäre die Baulinie am Gedenktag Maria Geburt immer noch um 6° von der Ost- Westachse abgewichen und am Tag der Aufnahmen in den Himmel um 17°nach Nordosten. Eine Erklärung für die jetzige Ausrichtung bietet Lubentius, der Schutzpatron der Mutterkirche in Dietenkirchen.

Kopf lubentiusKopfreliquiar des hl Lubentius

Seine Geschichte ist eng verknüpft mit der von Martin von Tours. In seinem Auftrag missionierte er im 4. Jahrhundert das Gebiet im Raum Kobern an der unteren Mosel. Während über sein Leben nicht, wie bei zahlreichen anderen Heiligen, wundersame Ge- schichten berichtet werden, änderte sich dies nach seinem Tode. Niemand konnte den Sarkophag bewegen in dem Lubentius bestattet war. Als nach mehreren ergebnislosen Versuchen der Entschluss gefasst wurde ein Gottesurteil herbeizuführen, gelang es den Sarkophag zu bewegen. Das Wasser sollte entscheiden wohin der Leichnam des Mis- sionars gelangen sollte. Deshalb wurde der Sarkophag auf einen Kahn gebracht und sich selbst überlassen. Die Lubentiussage berichte wie der Kahn flussabwärts trieb, bis zu Rhein und dann auf wundersame weise wieder flussaufwärts, bis er in Dietenkirchen sein endgültiges Ziel erreicht hatte. Die dortigen Ordensleuten deuteten dies als Zeichen und errichteten später über seinem Grab eine Basilika. Er wurde so nicht nur der Schutzpatron der Kirche, sondern auch der der Lahnschiffer.

Schiffenberg planAusrichtung Klosterkirche

 Werden nun die beiden Sonnenaufgangswinkel, Maria Aufnahme und der Gedenktag des Lubentius am 13. Oktober addiert, so ergibt sich unter Einrechnung der Zeitverschiebung im Julianischen Kalender und der Gelände-erhebung am Anneberg die heutige Linie der Ost-Westrichtung.Diese Konstruktion steht auch beispielhaft für die theologische Befind- lichkeit. An die Stelle der alten Matronenkulte trat Maria, doch in einer patriarchial regierten Religion, benötigte sie auch bei der Ausrichtung eines Kirchengebäudes eben einen männlichen Beistand.

Bilder: Wikipedia, Klosterkirche von Nordost, Cherubino, Innenruam Gießener Zeitung/ hl. Dionysius, Anagoria/ Kopfreliquiar, Dommuseum,Simmulation Sunaerthtools

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