Kultort Heiligenberg

HeiligenbergHeiligenberg

Selbst wenn der Bodensee unter einem nebelverhangenem Schleier liegt, ragt das Plateau von Heiligenberg über die Wolken und liegt noch im Sonnenschein. Erst mit der Christianisierung durch St. Gallus im Jahr 600 wird die Geschichte dieses besonderen Ortes fassbar, doch Spuren und Funde belegen, dass das Gebiet seit der Steinzeit besiedelt war. Die Geschichte der frühen Christianisierung führte auch zur Bezeichnung Mons Sanctus, die erstmals 1083 urkundlich erwähnt wurde. Der wachsenden Bedeutung des Ortes angemessen, errichteten die Linzgauer Landgrafen dort im 13. Jahrhundert eine Burg, die zum Sitz des Grafen von Heiligenberg wurde. Unter der Herrschaft der Grafen und späteren Fürsten von Fürstenberg wurde die Anlage in den Jahren 1560 – 1575 im Renaissancestil umgestaltet.

HelenaStatue von Andrea Bolgi: Helena mit dem Kreuz Christi in der Peterskirche in Rom

Ein sage die Thomas Lyrer von Rankweil niederschrieb, versucht die Entstehung des Mons Sanctus noch weiter zurück, in die Zeit der Missionierung zu verlegen und erklärt sie im Zusammenhang mit dem Altheiligenberg, einer nordwestlich gelegenen Anhöhe. So soll der Legende zufolge der Edelmann Emerius aus Trier die Kaiserin Helena im Heiligen Land besucht haben. Sie bat ihn in deutschen Landen einen Ort für die Heiligtümer Palästinas zu finden. Als er nach erfolgreicher Suche wieder zurückkehrte, übergab ihm Helena ein großes Stück des heiligen Kreuzes und ebenso Teile der Dornenkrone, der Geiselungssäule und noch Gold- und Silberstücke. Emerius zog zurück an den Ort in Schwaben, wo er am gefundenen Ort eine Burg baute. Doch kaum hatte er sie erbaut, befiel die Menschen schweres Siechtum und viele starben. Aber auf einem Feld am nahen See wohnte die heilige Frau Clareta die ihm beistand. In einem Traumgesicht sah sie das Ende des Siechtums sobald die Menschen zur Wallfahrt auf den Berg pilgerten. Der große Zulauf dieser Wallfahrten führte dann dazu, dass die Feste des Emerius der Mons sanctus oder später, Heiligberg genannt wurde.

Linde 2Die Linde

Eine Suche nach frühen Spuren eines Kultortes führt zur 800 Jahre alten Gerichtslinde auf dem Postplatz. Seit frühen Zeiten war die Linde nicht nur das Symbol einer Muttergottheit, sondern auch der Mittelpunkt bei Gerichten und Tanzveranstaltungen. Der Tanz unter der Linde geht auf einen sehr alten europäischen Brauch zurück, dessen älteste Darstellung in dem 1508 entstanden Stundenbuch der Königin Anne von Bretagne zu finden ist. Einige seltene und sehr alte Tanzlinden finden sich auch heute noch in mehreren Gegenden Deutschlands, Belgiens und den Niederlanden. Im deutschen Kulturraum entwickelte sich der Brauch auch oft an Stellen, an denen noch die alten Gerichtslinden standen. Meist waren Tanzlinden stufenförmig in drei Teile beschnitten und symbolisierten damit auch den Sonnenlauf mit Winter– und Sommersonnewende, sowie der Tag- und Nachtgleiche. Dieser Zyklus sollte auch das Sein des Menschen, von der Geburt bis zur Wiedergeburt darstellen. Gleichzeitig schlug die Linde damit auch eine imaginäre Brücke zwischen dem Himmel, dem Lebensraum der Menschen und der Erde und ermöglichte so eine Erinnerung an die Gesetze der ewigen Kreisläufe.

TanzlindeTanzlinde

Bevor die Linde nur noch Ort des Tanzes wurde, war sie ein Zentrum der Gemeinschaft an dem die kleinräumige Verwaltung keltisch-germanischer Stämme tagte. Dort wurde die Versammlung, das Thing, abgehalten. Sie zählte wohl auch zu den wichtigsten und mächtigsten Institutionen im germanischen Raum. Wie bei vielen kleinteilig organisierten Stammes-Gesellschaften, zeigte das thing bereits Anzeichen einer basisdemokratischen Organisation. Sie stand im Gegensatz zur übrigen Welt, die autokratisch, von Kaisern und Königen regiert wurde. So ist auch im Wort selbst der Zweck enthalten, denn es geht auf das germanische Wort  *þenga- , das Übereinkommen oder Versammlung zurück. Da es über die Einberufung des thing keine Überlieferungen gibt, wird vermutet, dass sie nach bestimmten Mondständen erfolgte. Nur das viel seltenere Allthing, bei dem über sehr wichtige Fragen wie Krieg oder Frieden beschlossen wurde , fand während der Sommer-sonnenwende statt.

Germanische-ratsversammlungGermanische Ratsversammlung – Relief der Marc-Aurel-Säule zu Rom

Neben der Ratsversammlung hatte das Thing auch eine zeremonielle Funktion, denn hier wurde ein Junge, der das Mannesalter erreicht hatte im Beisein der Männerschaft zum echten Mann erklärt. Während dieser Zeremonie übergab ihm der Vater oder auch ein Pate seinen Schild und Speer. Gleichzeitig wurde ihm der Eidring angelegt, der Armreif, den jeder Mann trug und der seine Mündigkeit und Reife bekundete. Mit dieser Zeremonie wurden aber auch Schwüre auf diesen Ring oder auf die Waffen abgelegt, die jeder bei sich trug. Die Thingstätte war also wesentlich mehr als nur ein reiner Versammlungsort und musste damit auch besondere Eigenschaften aufweisen.

Heiligenberg PlanWintersonnenwende, Untergang über Altheiligenberg

Auch in Heiligenberg steht diese Linde an keinem beliebigen Ort, denn der Zeitpunkt der Sommersonnenwende kann von hier aus über dem Altheiligenberg beobachtet werden. Ist also die Erinnerung an diese Zeit der selbstbestimmten Gemeinschaft, die mit dem Vordringen des fränkischen Reiches ein abruptes und gewaltsames Ende nahm, jener goldene Schatz auf den die alte Legende von Heiligenberg hinweisen möchte?

Bilder: Gemeinde Heiligenberg, Ortsansicht/Wikipedia, Statue von Andrea Bolgi: Helena mit dem Kreuz Christi in der Peterskirche in Rom, Hermannjack /Germanische Ratsversammlung – Relief der Marc-Aurel-Säule zu Rom ,Wolpertinger /Simulation Sunaerthtools

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