Langenenslingen und das Fenster zum Himmel

Kelten basteln im Freilichtmuseum

Mit vereinten Kräften prägen Archäologen zusammen mit Keltengruppen das Bild einer beschaulichen bäuerlichen Welt. Deren Volk kleidete sich in bunt gewebte Gewänder und gibt sich fröhlich dem Handwerk hin. Ein bescheidenes Leben in den Urwäldern des Nordens, dem auch die Fähigkeit zur eigenen Schrift bis heute abgesprochen wird. Hin und wieder verteidigte sich diese bunt zusammengewürfelte Volk, was Keltengruppen malerisch in Szene zu setzen wissen, doch der römischen Kriegsmaschinerie hatte es scheinbar wenig entgegenzusetzen.

Römerrömische Schildkrötenformation

Dennoch mussten die Römer während ihrer Landnahme auf ein heute unbekanntes Wissen gestoßen sein, was sie zu einer ungewöhnlichen Machtdemonstration veran-lasste. Von Walldürn bis Welzheim bauten sie den Limes auf einer Länge von 82 Kilometern mit einer Abweichung von nur 90cm. Damit ist dieser Abschnitt das längste geradlinige Bauwerk der Antike. Waren es vielleicht Bauwerke der Kelten die die Römer zu dieser Demonstration ihres Ingenieurwissens veranlassten?

Langenenslingen LuftLuftbild, Laserscan

Die alte Burg bei Langenenslingen, die heute zum Einflussbereich der Heunburg gezählt wird, scheint so ein Bauwerk zu sein. Mehr zufällig fanden dort Archäologen vom Unterholz überwucherte Mauerreste die sich als Teil einer großen Stützkonstruktion für eine gewaltige Plattform entpuppten. An dem Bergsporn bei Langenenslingen wurde der gebankte Fels teilweise abgetragen und um den Kern des Spornes eine neue Konstruktion aus Trockenmauerwerk aufgetragen. Trotz der beträchtlichen Fläche des Plateaus mit einer Länge von 340m und und einer Breite zwischen 55 und 65m wurden aus einem Schacht und Kleinfunden aus der Latènezeit keinerlei Siedlungsspuren gefunden.

LangenenslingenÜberwucherte Mauern

Eine genauere Betrachtung des Laserscans ergibt einen Azimut der Anlage von 34°. Die Ausrichtung nach Nordosten liegt also außerhalb der Beobachtung möglicher Son- nenaufgangspunkte. Doch allein die Zahl 34 weist wie die Längenverhältnisse der Plattform von 100 zu 16 zu 19 auf eine kultische Bedeutung des Bauwerkes hin. Noch bis in das 19. Jahrhundert hinein lässt sich die Faszination für die magische Wirkung der glücksbringenden Zahl 34 verfolgen. Auch die Fassade des von 1856 bis 1860 errichten Königsbau in Stuttgart wurde von der Glück und Wohlstand verheißenden Zahl bestimmt, denn der königliche Hofbaumeister Christian Friedrich von Leins konzipierte das Gebäude mit einer Kolonnade aus 34 Säulen. Seit der Antike gab das aus 16 Zahlen bestehende Jupiterquadrat, dessen Zahlen in jeder Richtung addiert, jeweils die Summe 34 ergeben. Sie stellt die Verbindung der Dreiheit, der göttlichen Trinität, mit der Erde in Gestalt der 4 Himmelsrichtungen dar. Die Verbindung mit dem Himmel erscheint an dieser Stelle geradezu perfekt, denn die Ausrichtung der Plattform bot ideale Voraussetzungen für die Beobachtung von Sternaufgängen, die gleichzeitig mit Sonnenaufgängen abgeglichen werden konnten.

Langenenslingen PlanLangenenslingen – Teil der Sichtungen

Mit der Letztsicht des Sternes Capella, einem bereits in der Megalithikum häufig ange- peilten Stern, konnte das Frühjahrsäquinoktium bestimmt werden und mit dem Aufgang des Arkturus das Herbstäquinoktium. Eine wichtige Zäsur bildete die Wintersonnenwende mit dem Aufgang des Sternbildes Schwans. Die Sicht auf dessen hellsten Stern Deneb bildete dann einen rechten Winkel mit dem Sonnenaufgang über den Alpen zwischen den beiden Gipfeln des Sorgschrofen und des Edelsberges bei Pfronten. Der Schwan verkörpert ein Seelentier das mit seiner Anmut die Menschen schon früh inspirierte. Als markantes Sternbild, das bei entsprechender Stellung ein über dem Horizont stehendes Kreuz darstellt, wirkt seine Symbolkraft bis in die Reformation, wo er zum Sinnbild Luthers wurde. Der weiße Schwan galt als Symbol des Lichtes und der Reinheit, der Reifung und Vollendung. Deshalb taucht seine Gestalt auch in der Religionsgeschichte vieler Völker auf.

Sternbild SchwanSternbild Schwan

Er ist das Tier Apollons, Brahmas und auch des Zeus, der seine Fähigkeit zur Ver- wandlung nutzte. In Gestalt eines Schwanes näherte er sich Leda, der Tochter des ätolischen Königs Thestios und der Eurythemis. Doch die Gestalt des Schwanes ist wesentlich vielschichtiger und seine Bedeutung reicht zurück bis ins Neolithikum. Zu dieser Zeit wurde viele Kultanlagen nach Norden ausgerichtet, zur Spitze des Welten-baumes wo auch das Reich der Götter lag. Eine Vorstellung die sich im Glauben der Schiiten noch erhalten hat, denn sie sehen dort den Ort des Paradieses. Erste Hinweise dass an der Spitze des Weltenbaumes ein Vogel wohnt, finden sich Lasceaux. Ähnliche Vorstellungen tauchen auch bei den Indianern Nordamerikas auf, auf deren Totempfählen ein Donnervogel sitzt. Auch das in Zentralasien lebende Volk der Tungusen errichtete ähnliche Pfähle. Sie waren zwar weniger ausgeschmückt, doch auf deren Spitze thronte ein Schwan. Diese Tradtion hatte seinen Grund, denn wo sich heute der Polarstern des kleinen Bären dicht um den Himmelspool drehte war vor rund 15000 Jahren das Sternbild Schwan. Damals markierte er mit seinem hellsten Stern Deneb die Himmelsachse.

Langenenslingen RekonstruktionDie Plattform mit Altar

Mit seiner Visur auf die Sternsichtungen bot das Plateau von Langenenslingen also eine theatralische Bühne für Kulthandlungen. Hier könnte die Sicht der Rekonstruktion tatsächlich zutreffen könnte. Mit dem Altar an der Nordostspitze stiegen die Sterne über einem Feuer in den Himmel, oder verschmolzen man schließend mit dem Licht der aufgehenden Sonne. Jedenfalls lohnt sich ein Besuch der heute eröffneten  Sonderausstellung auf der Heuneburg.

Bilder: Wikipedeia, Graben und Wälle auf der Alten Burg bei Langenenslingen. Thilo Parg , Luftbild, Fürstensitze/Simulation Stellarium

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