Der Limes und die Geometrie der Götter

Limes 01Limes, die Grenze zu den `Barbaren´

Nach mehreren Grenzkorrekturen bei denen die befestigte Linie immer weiter von den natürlichen Wassergrenzen des Rheins und der Donau abgerückt wurden, entstand spätestens in der Mitte des 2. Jahrhunderts nach Christus der endgültige Grenzverlauf des obergermanisch-raetische Limes. Er war bis zur Mitte des 3.Jahrhunderts Teil der nördlichen Grenzlinie des Römischen Imperiums. Der obergermanische Teil des Limes begann am Rhein, nördlich von Koblenz bei Rheinbrohl und Bad Hönningen. Im Anschluss verlief dann durchgehend über die Randhöhen des Westerwaldes, den Taunus und die Wetterau bis zum Main. Bis Miltenberg bildete dann der Fluss eine natürliche Grenze. Von dort führte der Limes dann in geraden Abschnitten bis nach Lorch a. d. Rems. In einem nahezu exakt gradlinigen Streckenverlauf, der wie mit einem Lineal durch die Landschaft gezogen wirkt, führt die Grenzbefestigung bis zum nördlich von Lorch liegenden Kastell Welzheim. Die außergewöhnliche Präzision des 81,2 km langen Streckenverlaufes zeigt sich in einer durchschnittlichen Abweichung von 0,92m, was einem Fehler von knapp 1 Promille entspricht. Damit handelt es sich bei der Befestigungslinie von Walldürn bis Welzheim um das längste geradlinige Bauwerk der gesamten Antike. Da keinerlei militärische Gründe diese Exaktheit rechtfertigen, vermutete man bisher als Motiv, eine Machtdemonstration gegenüber der germanischen Bevölkerung. Allein durch das Verfahren der Triangulation konnte die Geradlinigkeit des Bauwerkes bislang nicht erklärt werden.

römischer Geometerrömischer Geometer

Eine an der Fachhochschule für Technik in Stuttgart erstellte Diplomarbeit von Christian Baier und Ulrich Haupter bestätigte die bisherigen Erkenntnisse einer geringen Abweichung. Doch der Grund für die um 14° vom Meridian abweichende exakte Linie stellte auch die Diplomanden vor ein Rätsel. Der Archäologe und Luftbildarchäologe Rudolf Landauer entwickelte zu dieser Frage eine eigene Theorie. Er vermutete, dass eine Sternpeilung Grund für diese Abweichung sein könnte. Eine Vermutung zielt dabei auf den Polarstern der zu dieser Zeit dicht am Himmelspol kreiste und dessen Peilung für die fragliche Abweichung von 346° in Frage käme. Da Polaris um den Pol kreist, stellt sich sofort die Frage warum ausgerechnet dieser Winkel gewählt wurde. Wichtige Daten ergaben in der Antike Sternsichtungen kurz vor Sonnenaufgang , die Letztsicht, oder kurz nach dem Sonnenuntergang, die Erstsicht. Für beide Bedingungen bietet Polaris mit dem 22. März und dem 28. August keine Daten mit symbolischer Bedeutung für die Mythologie Roms. Ganz anders sieht die Situation beim Blick nach Süden aus, also die Richtung Walldürn-Lorch.

Limes neuLimes und der Schutz der Venus

In dieser Richtung konnte am 1. April, einem der beiden Feiertage der Venus, die Letzt- sicht des Altair beobachtet werden ehe die Sonne aufging. Sein arabischer Name ent- stammt als Kurzform der ursprünglichen Redewendung `Al-Nasr al-Tair´ , Die Flucht des Adlers´. Der Adler war aber nicht nur das Symboltier Jupiters, sondern auch das Emblem der römischen Legionen. Die Geburt der Göttin Venus, die der griechischen Aphrodite entspricht erklären mehrere Legenden. Während der griechische Schriftsteller Homer die Göttin Venus als Tochter des Zeus/Jupiter und der Dione sieht, hat sein Landsmann Hesiod eine andere Erklärung. Während eines Streites soll Kronos, der Anführer des Titanengeschlechtes seinem Vater Uranos die Geschlechtsteile abgeschnitten und ins Meer geworfen haben. Aus einem Blutstropfen soll im Meerschaum dann Aphrodite entstanden sein.

Venus vom Esquilin

Venus vom Esquilin (50 v. Chr.)

Als Göttin des Wachsens und Entstehen wandelte sie sich im Laufe der Zeit zur Liebesgöttin, ehe sie in der ausgehenden Republik mehr und mehr zur Identifikationsfigur des römischen Volkes. Schon zu Zeiten des Sulla und Marius galt sie durch die Aeneas- sage als die Stammmutter der Römer. Aeneas, der Spross eines alten troyanischen Adligen und der Göttin Aphrodite war nach Hektor der stärkste Held Trojas. In letzter Sekunde entkommt der brennenden Stadt und begibt sich auf See. Unter dem Schutz der Götter landet nach einer Irrfahrt in Italien. Dort heiratet er die Tochter des Latinerkönigs Lavina. Ihr Sohn Iulius begründet später die Mutterstadt Roms Alba Longa . Auf ihn und die mythologische Abstammung von der Liebesgöttin berufen sich später auch die Julier, bis hin zu Gaius Julius Caesar und seinem Adoptivsohn Octavian. Diese. dem römischen Religionsverständnis eigentlich entgegenlaufende Sichtweise wurde stark von griech-ischer Sehweise beeinflusst, denn durch die Eroberung des antiken Hellas sickerte die Idee einer Venus Gentrix in das römische Gedankengut ein. Einen wesentlicher Schritt in diese Richtung machte Gaius Iulius Caesar nach der Schlacht von Pharsalos. Dort soll er geschworen haben, nach einem Sieg über seinen Widersacher Gnaeus Pompeius Magnus, einen Tempel zu Ehren der Göttin Venus errichten lassen. Der Bau dieses Tempels war aber mehr als nur ein Ausdruck des religiösen Mäzenatentums. Es war ein politisches Bekenntnis, denn von nun an galt die Venus Genetrix als die Stammmutter der Iulier und mit der Errichtung ihres Tempels betonte Caesar er seine göttliche Ab- stammung.

Aeneas TrojaAeneas flieht aus Troja, Federico Barocci 1598

Als imperiale Geste des Sieges war die Ausrichtung auf den Tag der Stammmutter der Römer also nicht allein Machtdemonstration, sondern ihr Schutz sollte auch die Dauerhaftigkeit der Reichsgrenze garantieren. Doch sind nicht alle Spuren dieser Be- weggründe im Nebel der Geschichte verschwunden. So findet man südwestlich des Klosters Lorch, durch die Landesstraße vom Klosterareal getrennt, noch eine Anhöhe die auf die alte Göttin hinweist: den Venusberg.

Bilder: bayerischer-limes.de, Modell Limes, Wikipedia, Venus vom Esquilin (50 v. Chr.), Jean-Pol Grandmont, Aeneas flieht aus Troja (Federico Barocci 1598), Simulation Stellarium

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