Irminsul und der Schwan

Widukind und KarlWidukind und Karl der Große

Das Jahr 772 sollte die Entscheidung bringen. In diesem Jahr brach Karl der Große zu seinem Feldzug gegen den sächsischen herzog Widukind auf. Nach den Erzählungen soll gleich zu Beginn des Feldzuges die Festung Eresburg auf dem heutigen Obermarsberg erobert und das große Heiligtum der Sachsen zerstört worden sein. Damit wollte der Frankenherrscher den Sachsen die Überlegenheit seines christlichen Gottes beweisen. Doch die Zerstörung der Irminsul ließ die Gewalt in den eroberten Gebieten explodieren und es kam zum Kampf zwischen den unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. In der Folge plünderten die Sachsen die neu erbauten Kirchen und steckten viele von ihnen in Brand. Auf Grund der zahlreichen Überfälle entschied Karl der Große 775 den Feldzug in Sachsen so lange weiterzuführen, `bis sie entweder besiegt sich der christlichen Religion unterwerfen oder aber vernichtet sind´.

Nachbildung Irminsul MarsbergNachbildung einer Irminsul in der Kirche St. Petrus und Paulus Obermarsberg

Doch der Standort dieses Hauptheiligtums konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. In einigen Schilderungen des Feldzuges wird sie zwar mit der Festung Eresburg in Verbindung gebracht doch eindeutige Beweise liegen dort nicht vor. Neben diesem Ort wird die Irminsul ebenso auf dem Desenberg bei Warburg, wie auch bei den Externsteinen oder auf dem Tönsberg vermutet. Der Name der Säule kann etymologisch auf die beiden althochdeutschen Worte irmin, groß und sul, die Säule, zurückgeführt werden. Nach Beschreibungen angefertigte Zeichnungen stellen das Heiligtum als Säule mit einem Kopf dar, der Ähnlichkeiten zu Flügelschwingen aufweist. Rudolf von Fulda, beschrieb knapp hundert Jahre nach dem denkwürdigen Ereignis das Heiligtum mit folgenden Worten: `Einen in die Höhe gerichteten Strunk von nicht geringer Höhe verehrten sie im Freien und nannten ihn in ihrer Sprache Irminsul.´Die Geschichte liefert dennoch einen spärlich Hinweis auf die Lage, den das Lager von Karl dem Großen muss sich in der Nähe eines wundersamen Brunnens befunden haben. Die Beschreibungen sprechen von einer plötzlich sprudelnden Quelle, so wie sie noch beim Bollerborn zwischen Kleinenberg und Willebadessen zu beobachten ist.

Irminsul ZeichnungIrminsul von Marianne Klement-Speckner, `“nach der Beschreibung alter Quellen und angelehnt an die Darstellung eines geknickten Baumes im Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen´

Die Lage der Irminsul muss als Kultort von zentraler Bedeutung gewesen sein, denn nach dessen Zerstörung hatte sich die Kirche aller größte Mühe gegeben, den Standort der zerstörten Irminsul über Jahrhunderte hinweg zu verschleiern. In den Beschreibungen wird sie mit dem Weltenbaumes Yggdrasil der germanische Mytholgie in Verbindung gebracht. Yggdrasil in Gestalt der Weltenesche verkörperte die Schöpfung als Gesamtes in Raum Zeit und Gedanke. Er stand im Zentrum der Welt und verband so alle drei Sphären, den Himmel, die irdische Welt und die Unterwelt. Gleichzeitig stand der Baum auch für eine Weltachse die das Himmelsgewölbe stützte. An der Wurzel dieses Weltenbaumes befand sich die Quelle von Urds Brunnen in dem zwei Schwäne lebten. Alles, was mit diesem heiligen Wasser in Berührung kam, so die Mythologie, war rein und mit lichtvoller Energie durchflutet.

Urdbrunnen NornenDer Urdbrunnen und die Schickslasfrauen

Neben dem Symbol des Lichtes, einem Verweis auf die Geschichte des Schwanes als ein Sonnenzeichen und Tier des griechischen Sonnengottes Apollon, stand der Schwan aber auch mit Hel, dem Reich der Toten, in Verbindung. Im damaligen Glauben war er Begleiter der Seelen, oder zeigte dem Totenschiff mit den Seelen von Verstorbenen den Weg. Das Sonnensymbol Schwan deutet aber auch auf eine zweite Eigenschaft der Säule, die Sonnensäule. Sie war Teil eines keltisch-germanischen Brauches, bei dem am 1. Februar hohe Stangen aufgestellt wurden, deren Spitze von der aufgehenden Sonne berührt wurden. Das Christentum übernahm diesen Brauch dann als Lichmesspfahl, oder auch Tin-Pales. So diente dieser Pfahl jedem Ort als eigener Zeitmesser, bis er von den ab dem 16. Jahrhundert gebräuchlichen Kirchturmuhren abgelöst wurde.

Auf dem Tönsberg am Rande des Teuteburger Waldes, ungefähr 27 Kilometer nord-westlich jenes Lagers beim Bollaborn, stehen heute die Reste einer Antoniuskapelle. Un- zählige Wundertaten sollen sich an seinem Grab des Heiligen in Padua ereignet haben, was in zu einem der beliebtesten Heiligen des Christentums machte. Doch nicht allein der beliebte Heilige, der in Rimini mit dem Schwung seiner Rede selbst Fische zum Zuhören brachte, weist auf den Standort eines großen Heiligtums hin.

Tönsberg PlanTönsberg und der Schwan

Es ist die Ausrichtung des Berges die zwei Eigenschaften der Säule perfekt vereint. Die Ausrichtung auf den Sonnenuntergang am 1. Februar, dem Zeitpunkt für das Setzen eines Sonnenpfahles und die Verbindung zur Weltenachse. Sie erfolgte in Gestalt des Schwanes, dessen hellster Stern Deneb um 750 nach seiner nächtlichen Reise in das galaktische Zentrum des Himmels, am 1. Februar zum letzten Mal über dem Horizont zu sehen war. Am eindrucksvolten war sein Bild jedoch zur Wintersonnenwende,  denn dann stand er in Bergrichtung mit seinen ausgebreiteten Schwingen wie ein Kreuz über dem Horizont.

Doch die Sichtung des Schwanes dürfte hier auf eine lange Tradition zurückzufphren sein, denn um 2200 v. Chr., in der Zeit der Lengfeldkultur, ging er am 1.Februar genau in Sonnenrichtung unter. Deshalb könnte Begriff Irminsul auf ein vielschichtiges und weitaus älteres Symbol hindeuten, dass als Symbol Weltenachse und Seelenvogel in einer Einheit verkörperte.

Bilder:Wikipedia, Nachbildung einer Irminsul in der Kirche St.Petrus und Paulus Obermarsberg, Wolfgang Poguntke/Irminsul als Weltenbaum mit neun Ästen./Simmulation Stellarium

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