Rastatt und das Erbe des Türkenlouis

Ludwig Wilhelm von BadenLudwig Wilhelm, Markgraf von Baden

Bereits im Alter von 22 Jahren hatte Ludwig Wilhelm, Markgraf von Baden so um- fangreiche militärische Erfahrungen gesammelt, dass die ihn auch für größere Aufgaben empfahlen. Sie warteten für ihn, der 1679 zum General befördert wurde, im Osten Europas. Dort belagerte seit dem 14. Juli 1683 das Heer der Osmanen mit einer Stärke von mehr als 100000 Mann erneut die Stadt Wien. Dies war bereits die 2. Belagerung der Stadt und alles sah danach aus, dass dieses mal das letzte Bollwerk und Tor zum Zentrum Europas gestürmt würde. Mit seiner hervorragenden Artillerie hatte der Großwesir Kara Mustafa, bereits zahlreiche Breschen in die Mauer der Stadt geschossen, die durch unterirdische Sprengungen seiner Mineure noch vergrößert wurden. 4 Tage nach dem Feiertag von Maria Geburt, am 12. September begannt die alles entscheidende Schacht zur Befreiung Wiens: Die Schlacht am Kahlenberg. Sie brachte die Wende innerhalb des europäischen Kampfes gegen die Expansion des Osmanischen Reiches und stoppte endgültig das weitere Vordringen des Islam.

Belagerung WienSchneise in der Stadtmauer

Unter Führung von Herzog Karl von Lothringen und dem polnischen König Jan Sobieski hatte das Entsatzheer Wien gerade noch rechtzeitig erreicht. Das Überraschungs-moment, sowie ein starker Regenfall bescherten dem Heer einen totalen Sieg. Dabei zeichnete die Infanterie des linken Flügels unter Befehl Markgraf Ludwig Wilhelm ganz besonders aus. Unter seiner Führung drang sie als erste in die feindlichen Laufgräben ein und leistete damit einen großen Beitrag für den Zusammenbruch des osmanischen Heeres. Während die Befreiungsarmee nur 600 Tote zu beklagen hatten die Osmanen fast 10.000 Männer bei den Kämpfen verloren. Doch der Sieg war dennoch teuer erkauft, denn die Osmanen hinterließen auf ihren Rückzug eine blutige Spur innerhalb der Zivilbe-völkerung.

Schlacht am Kahlen Berg 1Das Entsatzheer fällt in die osmanischen Stellungen ein( Józef Brandt)

Für den Markgraf und seinen Einsatz im Kampf gegen die Belagerer folgte die Belohnung umgehend, als der Kaiser den erst 23- jährigen zum Feldmarschall ernannte. In dieser Funktion entschied er mit seiner Kavallerie am 12. August 1687 auch die Schlacht von Mohács. Aber auch in den folgenden Schlachten bewiesen erneut sein Talent als Feldherr. Aus diesem Grund hatte er inzwischen auch im Volksmund den Beinamen Türkenlouis erhalten.

Als er 1689 bei der serbischen Stadt Niš ein weiteres Türkenheer schlägt, scheint die Macht der Osmanen endgültig gebrochen zu sein. Deshalb wird er im März 1690 unter großem Jubel in seiner Badischen Heimat empfangen, wo er umgehend eine junge Prinzessin heiratet und sich kurz darauf erneut auf das Schlachtfeld zu verabschieden. Am 19. August 1691 kommt es bei Slankamen zu einer weiteren Schlacht, aus der der Markgraf wieder siegreich hervorgeht. Nachdem es ihm mit seiner Armee gelang das feindliche Heer vollständig zu zerschlagen, erhält er vom Kaiser für diese militärische Leistung den höchsten Orden des Reiches, den Orden vom `Goldenen Vlies´.

Collane eines Ritters vom Orden vom Goldenen VliesCollane eines Ritters vom Orden vom Goldenen Vlies, Schatzkammer (Wien)

Doch diese militärische Leistung wäre aber ohne die Stärke des Glaubens wohl kaum möglich gewesen. So galt das osmanische Reich bis ins 17. Jahrhundert hinein als de Personifikation des Antichristen. Dieses Reich des Bösen, dass das christliche Europa in seinen Grundfesten bedrohte musste mit aller Macht bekämpft werden. Seit der Niederlage während des letzten Kreuzzuges dauerte dieser Kampf an und führte zu großen Opfern unter der Zivilbevölkerung. Osmanische Piraten überfielen die Küsten der Mittelmeerländer, die sich in dieser Zeit immer mehr entvölkerten. Bei diesen Überfällen gerieten viele in die gefürchtete osmanische Gefangenschaft und hatten dort ihren Dienst als Galeerensklaven abzuleiten. Im Gegenzug kämpften christliche Orden wie die Johanniter gegen die Piraterie auf dem Mittelmeer, wobei es ihnen oftmals gelang christliche Sklaven wieder zu befreien.

Jakobus der Aeltere                                          Jakobus der Ältere, der Mauerentöter                                          Erscheinung in der Schlacht von Clavijo, um 1630/1640

Einer der Vorbilder im Kampf gegen die Osmanen war Jakobus der Ältere, einer der Apostel dessen Legende im 9.Jahrhundert zur Gründung des Wallfahrtsortes Santiago de Compostella geführt hatte. Die im gleichen Zeitraum beginnende Reconquista, die Rück- eroberung Spaniens von den Mauren machte aus dem Jünger Jesu eine Art von Nationalheiligen und Schlachtenlenker. So führte der im 9. Jahrhundert lebende König Alfons III. von Asturien auch seine ersten wichtigen Siege gegen das maurische Heer auf die angebliche Unterstützung des Jakobus zurück. Auch danach soll er beim Kampf geg-en die Mauren noch mehrmals auf der Seite der Christen eingegriffen haben. Dadurch erhielt er auch seinen heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Namen `Matamoros´, der Maurentöter. In dieser Funktion wird er in der mittelalterlichen Kunst Spaniens zu einem beliebten Bildmotiv. Als eine der eindrucksvollsten Dar- stellungen des Matamoros-Motives gilt das große Relief über dem Hauptportal der Santiagokirche von Logrono, die Jakobus auf seinem Pferd darstellt, wie er über die toten Köpfe der besiegten Mauren reitet.

Obwohl die Jakobswallfahrt im 15. Jahrhundert an Zugkraft verloren hatte, wird er angesichts der Bedrohung durch die Osmanen auch in Österreich wieder zu einer Leitfigur. Als Maurentöter mausert er sich hier zum Türkentöter. Auch die Fresken im Dom zu St. Jakob in Innsbruck zeigen ihn, wie die Bilder aus dem mittelalterlichen Spanien, auf einem weißen Pferd, auf dem er das Schlachtenglück entschied.

Jakob auf weißem PferdJakobus auf dem Schlachtroß als Türkentöter  ( Dom Insbruck)

Doch der Apostel war nicht nur für das Schlachtenglück zuständig , sondern stand auch für das Seelenheil der Markgrafen von Baden. Als Bernhard Markgraf von Baden anlässlich eines Feldzuges zur Unterstützung des Herzogs von Lothringen sein Testament aufsetzte, bestimmte er die Pfarrkirche einer Heimatstadt Baden zur Grablege des Geschlechts und bedachte sie mit umfangreichen Pfründen zu Ehren des heiligen Jakobus. Gleichzeitig ordnete er auch an, dass dort ein ewiges Licht für ihn brennen möge. Ebenso sollte sich sein erstgeborener Sohn nach Santiago zur Wallfahrt begeben.

Aus diesen Gründen ist auch die Erinnerung an diese Epoche der Kämpfe gegen die Türken im Schloss von Rastatt zu erkennen. Es wurde im Auftrag des Markgrafen von seinem Baumeister Domenico Egidio Rossi 1697 als ein Jagdschloss errichtet. Doch um seinen Machtanspruch auch baulich zu unterstreichen, als ordnete er an dieses Bauwerk als eine Residenz zu errichten. Nur die bereits errichteten Flügelbauten wurden für das weitere Vorhaben erhalten, das ganz nach dem französischen Vorbild von Versailles errichtet wurde. Schon im Winter 1701 bezog der Markgraf das noch unfertige Schloss und der restliche Hofstaat folgte ihm 1705 nach Rastatt.

Rastatt PlanAusrichtung des Schlosses

In der Literatur wird die Ausrichtung des Schlosses mit einer gedachten Verbind-ungslinie zwischen dem elsässischen Fort Louis und dem markgräflichen Schloss in Ettlingen erklärt. Doch die Verbindungslinie lässt wirkliche baulicher Anknüpfungs-punkte vermissen, zumal diese auf Grund ihrer Entfernung für eine Sichtachse ohne jegliche Bedeutung wären. Viel mehr scheint hier der Gedenktag des Jakobus eine Erklärung zu bieten, dessen Verehrung das Fürstenhaus pflegte und der als Schlacht-enhelfer ebenso bewährt hatte. So ist an diesem Tag des Jakobus der Sonnenaufgang in der Sichtachse des Schlosses zu sehen und lässt so die gebaute Landschaft zu einem Zeichen der jährlichen Erinnerung an eine tragische Epoche Europas werden. Ebenso erinnert die Sichtachse aber auch an eine Rolle des Apostels, die heute, im Zeichen der Völkerverständigung, nur noch ungern erwähnt wird.

Bilder: Wikipedia/Das Entsatzheer fällt in die osmanischen Stellungen ein( Józef Brandt) , Mathiasrex /dienachtderlebendentexte.wordpress.com, Schneise in der Stadtmauer / Collane eines Ritters vom Orden vom Goldenen Vlies, Schatzkammer (Wien) , PeterGerstbach /heiligenlexikon Meister VBL: Die Schlacht von Clavijo, um 1630/1640, im Museum für Angewandte Kunst in Köln/ Simulation, sunearthtools

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