Der blutige Himmel über der Rotonda

Rotonda PortikusLa Rotonda

La Rotonda, wie eines der Meisterwerke des Renaissance Architekten Andrea Palladio genannt wird, entstand in der Zeit zwischen 1567 und 1591. Auf einer sanft ansteigenden Anhöhe erbaut, verkörpert der zentralsymmetrische Bau mit seinen vier Achsen und streng geometrischen Gestaltung die humanistischen Ideale jener Zeit. Doch das Gebäude entstand in einer Zeit, dessen Stil der amerikanische Architekturtheoretiker Venturi mit Komplex und widersprüchlich bezeichnete. Dies trifft auch den Baustill der Rotonda zu, bei dem sich Beweggründe widerprüchlicher Geisteswelten überlagerten.

Hinter diesem Bauwerk, das Landschaft und Architektur auf eine bis dahin unbekannte Weise verband stand der Auftraggeber, Bischof Paolo Almerico. Er war ein hoher päpstlicher Beamter des Papstes Pius IV. Mit ihm teilte er auch dessen sprichwörtliche Begeisterung zu bauen. Der Kampf für eine neue Frömmigkeit und das Errichten von Bauwerken, die diesen Kampf unterstützen sollten, waren die größten Leidenschaften von Pius IV. Dieser Kampf für eine neue Frömmigkeit sollte aber nicht nur den sich ausbreitenden Idealen des Humanismus entgegenwirken, sondern auch der Ausbreitung des Islam, mit dem sich die Kirche seit dem 8. Jhd. in einem permanenten Kriegszustand befand. Wie die Betrachtung der Rotonda zeigt, bietet auch sie, ebenso wie das Schloss in Rastatt, eine Erinnerung an diese blutigen Kämpfe.

Pius_IVBartolomeo Passarotti, Papst Pius IV.

Eine der  bedeutendsten theologischen Errungenschaften von Pius IV war das berühmte Trientiner Glaubensbekenntnis, das mit der Bulle `Iniunctum nobis´ am 13. November 1564, also drei Jahre vor dem Bau der Rotonda publiziert wurde. Wesentlicher Bestandteil der päpstlichen Bulle war die erneute Bestätigung von Maria immaculata, einer der wicht-igsten Titel Mariens in kirchlicher Marienverehrung. Dies fand auch ihren Niederschlag im Text des Glaubensbekenntnisses wo steht: `….Ich behaupte fest, dass man die Bilder Christi und der allzeit jungfräulichen Gottesgebärerin, sowie anderer Heiliger haben und beibehalten und ihnen die gebührende Ehre und Verehrung erweisen soll.´ Einer der ersten prominenten Kirchen mit Maria als Patronin war das Pantheon in Rom. Das unter Hadrian im Jahr 113 errichtete Bauwerk besaß bis zum 17. Jahrhundert die größte Kuppel. Nach dem Untergang des römischen Reiches drohte das Bauwerk zu verfallen, doch 608 schenkte es der oströmische Kaiser Phokas Papst Bonifatius IV. Dieser ließ dort viele Gebeine von Märtyrern beisetzen die aus den Katakomben Roms stammten. Am 13. Mai 609 weihte er dann das Pantheon dem Patrozinium Sancta Maria ad Martyres, dem Gedächtnis Mariens und aller Märtyrer. Dieses Datum war auch gleichzeitig der Ursprung des seit dem Jahre 835 begangenen Allerheiligen Festes.

Doch nicht nur die Kuppel, sondern auch Maria verbindet das Pantheon mit dem Werk Palladios. Auf den ersten Blick erscheinen die Achsen einem um 45° Grad gedrehten Achsenkreuz zu entsprechen, dass das Bauwerk mit landschaftlich reizvollen Punkten verbindet. Da diese Sichtachsen aber auf keine wichtigen Punkte treffen, mussten sie der Rolle des kirchlichen Auftraggebers angemessen, auf ein mahnendes himmlisches Schauspiel ausgerichtet sein. Außerhalb des Sonnenpendelbogens liegend, konnte dieses Schauspiel aber nur am nächtlichen Himmel zu sehen sein.

VerklärungRaffael, Transfiguration, 1520

Himmlischen Beistand erhofften sich in dieser Zeit auch die Bewohner zahlreicher Mittel-meerstädte die unter den muslimischen Piratenüberfällen zu leiden hatten. Christliche Rachefeldzüge folgten umgehend, so dass die Küstenbewohner in einem ständigen Klima von Angst und Schrecken lebten. So nimmt es kein Wunder, dass sich die Thematik des Kampfes gegen Andersgläubige auch in der Ausrichtung der Rotonda niederschlug. Die heute auf das Gebäude zulaufende Wegeachse wird als Sichtachse durch den südöst-lichen Portikus weitergeführt. Dort war, umgerechnet in den julianischen Kalender, am 6. August die Letztsicht des Sternes Sirius zu sehen. An diesem Tag wurde das Fest der Verklärung Christi gefeiert, das sich im Zusammenhang mit einer von Kaiserin Helena auf dem Tabor gestifteten Kirche entwickelte und schon seit dem 5. Jahrhundert als Metamorphosis begangen wurde. Als im Mittelalter die einzelnen Stationen des Leb- ensweges Jesu in den Blick genommen wurden, fand das Fest Eingang in die Liturgie der lateinischen Kirche. Dies wurde auch durch die Lehren Kirchenvaters Gregorios Palamas begründet. Nach dem bedeutenden Sieg über die Türken bei der Belagerung von Belgrad im Jahre 1457 durch Papst Callistus III, wurde das Fest endgültig in den liturgischen Kalender der lateinischen Kirche aufgenommen .

Belagerung BelgradDie Belagerung von Belgrad, Cosmographia von Sebastian Münster aus dem Jahr 1545

Blickte man jedoch am 26. April in die Gegenrichtung, so war dort am Abendhimmel die Erstsicht des Sternes Capella zu sehen. Auch er markierte ein wichtiges Datum im Zusammenhang mit dem seit Jahrhunderten andauernden Kampf der beiden großen Weltreligionen: Das Fest der Frau vom guten Rat. Das Gnadenbild Mutter vom Guten Rat soll sich den Überlieferungen zufolge ursprünglich in Jerusalem befunden haben. Um es vor Entheiligung oder Zerstörung durch das angreifende Heer der Muslime zu schützen, sollen Engel das Bild um 1260 nach Skutari/Shkodra in Albanien übertragen haben, wo an einem 26. April auf den Mauern zum ersten mal das Bild der Frau erschien. Auf ebenso wundersame Weise gelangte es schließlich nach einer erneuten Bedrohung durch ein muslimisches Heer in den Ort Genazzano, in der Nähe Roms, wo sich am gleichen Datum ein ähnliches Wunder ereignet haben soll. Innerhalb kurzer zeit entwickelte sich hier das Heiligtum zu einem vielbesuchten Pilgerzentrum. Erst im Jahr 1969 wurde der Feiertag wieder abgeschafft und ist inzwischen längst vergessen.

Rotonda Plan SterneDieser Verweis macht die Rotonda zum einem Kunstwerk der Komplexität und des Wider-spruches zugleich. Zum einen verweist ihre Gestaltung auf die neuen Ideale des Hum- anismus und zum anderen weisen ihre Achsen der Erinnerung auf die Gegenwelt der Religion. Seit Jahrhunderten war sie im blutigen Kampf mit dem Islam verstrickt und gewann dadurch auch ihr Lebenselexier.

Bilder:Wikipedia/La Rotonda, Stefan Bauer/ Papst Pius IV., Gemälde von Bartolomeo Passarotti , unbekannt/ Raffael: Transfiguration, 1520 ,xiquinhosilva from Cacau / Die Belagerung von Belgrad (Kriechisch W(e)yssenburg), Cosmographia von Sebastian Münster aus dem Jahr 1545, unbekannt/ Simmulation, stellarium

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