Die Walser Birne

Birnbaum WalserfeldIm Westen Salzburgs steht ein legendäres Naturdenkmal, der Walser Birnbaum. Einge- rahmt mit einer Steinfassung gibt er ein Zeugnis vom sagenumwobenen Kaiser Karl der mit seinen Getreuen im Untersberg wohnen soll. Die Geschichte führt zurück zu jener Legende des Lazarus Gitschners, eines Knechtes des Stadtschreibers von Bad Reichenhall. 35 Jahre nach seinem Besuch im Berg und dem Kontakt mit den dort lebenden Mönchen liegt er auf dem Sterbebett. Mit seinen letzten Worten erwähnt er den Birnbaum und sagt: `Siehe, dort auf dem Walserfelde steht ein ausgedörrter Birnbaum zum An- und Vorgedenken dieser letzten Schlacht , so schon dreimal umgehauen worden; aber seine Wurzel wurde dermaßen beschützt, daß er wiederum zu grünen anfanget und wieder ein vollkommener Baum daraus werde. Viele Jahre, bevor sich die gräuliche Schlacht auf diesem Walser Feld wird ereignen, bleibt er ausgedörrt dastehn: wenn er aber zu grünen anfanget, wird es schon nahe sein; wenn er aber anfangen wird, Früchte zu tragen, wird das Ereignis bemeldeter Schlacht seinen Anfang nehmen´.

Karl der GroßeKarl der Große mit Gefolge im Untersberg

Während Gitschner die Schlacht noch mit dem bayrischen Kurfürsten in Verbindung bringt,  sieht eine Variation der Erzählung Kaiser Karl als den wahren Retter der Mensch- heit. So wird in der Salzburger Versionder Legende  erzählt, dass der Kaiser beim Anbruch der Schlacht auf dem Walser Feld mit seinem ganzen Heere aus dem Unters- berg herauskommen und sich in das Gemetzel stürzen wird. Dieses wird, so die Erzählung, so furchtbar sein, dass den Kriegern das Blut in die Schuhe hinein rinnt. Doch Kaiser Karl wird siegreich aus der Schlacht hervorgehen und am Ende sein Schild an jenen Birnbaum hängen, der auf dem Walser Feld steht.

Botanisch gehört der Birnbaum zur Familie der Rosengewächse. Er hat weiße Knospen, aus denen später die aromatischen Früchte hervorgehen. Im antiken Griechenland war die Birne der Göttin Hera geweiht, Kultfiguren wurden oft aus dem Holz des Birnbaumes geschnitzt, wie im Heraion, einem der Hera zu Ehren errichteten Heiligtum in Mykene. Auch im Mittelalter wurde das Symbol der Birne wieder aufgegriffen und sie auf die Jungfrau Maria übertragen. Aufgrund ihrer ungewöhnlichen Form, die entfernt an die Taille und Hüften einer Frau erinnert, ordnete man die Birne dem Weiblichen zu. Im Volksglauben verheißt eine üppige Birnenernte folgerichtig einen reichen Kindersegen. Mit dem Bild `Madonna Morelli´, die Madonna mit der Birne schuf der Maler Giovanni Bellini um 1487 ein Motiv das sich in der Folgezeit großer Beliebtheit erfreute und deshalb auch oft  kopiert wurde. Neben den bereits erwähnten Attributen des Weiblichen und dem damit verbundenen Kindersegen waren es auch die schneeweißen Blüten, die die Birne zu einem Symbol der Unschuld und Reinheit werden ließen. Diese Beliebtheit und Verbindung mit der Gottesmutter ließ auch die Zahl der Birnensorten rasch ansteigen. Waren im 4. Jhd. n. Chr. Gerade mal 46 Sorten bekannt, wuchs deren Anzahl bis um 1600 auf 62  und um 1700 gab es bereits 400 bekannte Birnensorten.

Bellini madonnaMadonna col Bambino ,Giovanni Bellini

Warum ausgerechnet die Birne die Brücke zu jenem mythischen Kaiser schlägt, erklärt auch ein Amulett aus dem Besitz Karls des Großen. Dieses Reliquienamulett wird im Reimser Musée du Palais du Tau aufbewahrt und soll heute Partikel vom wahren Kreuz Christi enthalten. Doch eine Legende erzählt hier eine ganz andere Geschichte. Einst soll dieses Amulett Haare der Jungfrau und Gottesmutter Maria enthalten haben und bei der Öffnung des Karlsgrabes im Aachener Dom durch Otto III. im Jahre 1000 am Hals des Frankenkaisers gefunden worden sein. Diese Entdeckung ereignete sich 38 Jahre nach einem weiteren denkwürdigen Datum, denn an Mariä Lichtmess, am 2. Februar 962. wurde Otto I. In Rom zum Kaiser gekrönt und begründete damit den Beginn des Heiligen Römischen Reiches . Einst hatte ja Karl der Große das weströmische Kaisertum erneuert und dieses Erbe wurde damit auf den ostfränkischen Staat übertragen, mit dem es über 800 Jahre verbunden blieb. Wohl aus diesem Grund wurde dieser Marienfeiertag später auch als die Geburtsstunde `Heiligen Römischen Reiches´ genannt. Die Marienverehrung Karls des Großen war auch die Grundlage zahlreicher Kirchengründungen. So wurde 4 Jahre vor seiner Körnung die Capella regia in Aachen vollendet. Eine in der ersten Hälfte des 9. Jhd.`s entstandene mittelalterliche Handschrift, die Chronik von Moissac berichtet über diese Kirche, dass sie wie viele andere Kapellen die im Auftrag Karls des Großen errichtet wurden, der Jungfrau Maria geweiht wurde.

Talismann Karl der GroßeTalisman Karls des Großen

Über die in Aachen während der Herschafft Karls des Großen gesammelten Reliquien berichtet die Zeitschrift Gartenlaube 1874 in ihrer 33 Ausgabe aber in ganz andrem Tenor. In dem Artikel wird ein Curiositätenkabinet geschildert, in dem Knochen Edelsteine und Gewänder buntgemischt zur Schau gestellt wurden. Dieser unermessliche Schatz an gesammelten Reliquien diente Karl dem Großen auch zum Ausbau seiner Macht. Unter den Sammelstücken befand sich zu seinem besonderen Stolz auch die Kleiderkammer des Herrn, in der sich nicht nur das Unterkleid der Maria, sondern auch ihr Gürtel und Schleier befanden . Ebenso fanden sich hier die Windeln, das Lendentuch, der Gürtel und das Schweißtuch des Erlösers.

Dass sich ausgerechnet dieser Birnbaum bei Salzburg auch noch zum Symbol einer endzeitlichen Schlacht wird, Mariä Lichtmess und die alte Legende des dürren Baumes mit dem Untersberg verknüpft, macht wohl einen weiteren Ausflug in die Geschichte notwendig.

Bilder: Wikipedia, Birnbaum Luckyprof /Madonna col Bambino ,Giovanni Bellini (1430 circa–1516) – from ruwiki /Sog. Talisman Karls des Großen, Musée du Palais du Tau, Vassil

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s