Sonnenwunder Heidenkapelle

Heidenkapelle Andreas KieserHeidenkapelle, Andreas Kieser – Forstlagerbuch 1683

Bereits im ausgehenden 8. Jahrhundert soll auf der Anhöhe zwischen Mössingen und Belsen eine Kapelle gestanden sein. Doch die heutige Kapelle, die auf Grund der im Mauerwerk eingelassenen Reliefs auch als Heidenkapelle bezeichnet wird, wurde um 1140 erbaut und entspricht dem Bautyp der Chorturmkirche. Die einstige halbrunde Apsis des Chores wurde im 15.Jahrhundert abgerissen und durch einen gotischen Chor ersetzt. Geheimnisvoll wirken hier nicht nur die Reliefs am West- und Südportal die teils noch aus vorchristlicher Zeit stammen sollen, sondern auch das von Dr. Stefan Wintermantel in seinem Buch `Die Belsener Kapelle` ausführlich beschriebene einstige Sonnenwunder in der Kapelle. Leider bleibt dieses Wunder seit 1824 aus, als durch das Dach des zu dieser Zeit errichteten Sakristeianbaues das Loch verdeckt wurde. Auch die zeitgleich eingebaute Empore hätte die Wanderung des Lichtfleckes unterbunden. Zuvor war dieses Loch an der Ostwand des Kirchenschiffes sichtbar und ermöglichte während dem Frühjahrsäquinktion die Wanderung eines Lichtfleckes innerhalb des Halbbogens über dem Haupteingangs. Innerhalb von drei Tagen wanderte dort der kreisrunde Lichtflickfleck, Abbild der Sonne, durch die Mittelachse des Bogens. Das Sonnenwunder, wie auch die Ausrichtung der Kirche gemäß den Feiertagen der Heiligen wurde bei der Heidenkapelle exakt austariert. So wurde der Baukörper wie bei anderen Kirchen durch den Sonnenaufgangswinkel an einem Gedenktag der Kirchenpatrone bestimmt. In Belsen scheint die Baulinie allerdings allein durch den Tag der Auffindung der Kopfrelique von Johannes dem Täufer bestimmt worden zu sein. Dies deutet auch daraufhin, dass Maximin der 2. Kirchenpatron, erst später hinzugefügt wurde.  Ebenso ist Johannes, dessen Gedenktag 2 Tage nach der Sommersonnenwende am 24. Juni stattfindet, ein Indiz dafür, dass sich hier einmal eine frühchristliche Kultstätte befand. Dies unterstützt auch die 1678 erschienene Schrift Theologia moralis des Tübinger Theologen Johann Adam Osiander. Er sah die Ab- stammung des Namens Belsen in dem Wort Beelsamen, einer Abwandlung des phönizischen Sonnengottes Baal, den der Kirchenvaters Eusebius von Caesarea dem Teufel gleichgesetzt hatte.

Heidenkapelle JohannesDie Ausrichtung der Kapelle

Trotz seiner Schlichtheit bietet die Kirche eine Reihe von programmatischen Botschaften, die eine genaue Kenntnis der alten Symbolik erfordert. So weist die Bauachse der Kapelle auch auf eine vorchristliche Bedeutung des Ortes hin, denn sie weist genau zum Höllenloch auf dem Filsenberg. Diese Spur in die Vergangenheit findet sich auch als pro- grammatische Aussage in den figürlichen Darstellungen am Westgiebel. Hier sind in der Mittelachse eine vereinfachte Darstellung des Kindes zu sehen , zwei Bienen und das Kreuz. Die Symbolik wurde sicher bewusst gewählt, denn das scheinbare Sterben der Bienen im Winter wurde schon in der Frühzeit des Christentums zu einem Symbol von Tod und Wiederauferstehung. Zudem verkörperte die Biene auf Grund ihrer typischen Lebensart das Ideal der Jungfräulichkeit und wurde so auch zu einem beliebten Symbol der Maria. In gotischen Tafelbildern wurde dieser Aspekt häufig in Gestalt eines Bienenkorbes dargestellt. Insofern bietet dieses Motiv einen direkten Hinweis auf die Geburt des Kindes das durch Johannes verkündet wurde, aber ebenso für den späteren Tod und die Wiederauferstehung.

steinrelief westgiebelSteinreliefs Westgiebel

tympanon WestportalSymbolik Tympanon Westportal

Stellten die Motive eine klare und für damalige Bevölkerung erkennbare Botschaft dar, gehörte zu Erkennen der Sonnen- und Monddarstellungen im Torbogen einige Kenntnis der Symbolik. Sie verbindet Zeitmessung und die Zahlensybolik der Bibel. Auf der linken Seite befinden sich 7 sonnengleiche Felder mit Strahlenkränzen von 20, 21 und 19 Ein- kerbungen. Dabei hat das oberste Feld 21 Einkerbung und liegt auf einer Höhe mit dem waagrechten Kreuzbalken des Kreuzes das den Halbbogen teilt. Diese Zahl stellt mit dem Produkt aus 3 und 7 die göttliche Trinität und mit der 7 ein Symbol göttlicher Vollkommen- heit dar. Diese Bedeutung der 7 zeigt sich nicht nur in den 7 Schöpfungstagen, sondern bis heute in der Anzahl der Kontinente. Für den geübten Betrachter war also ersichtlich, dass die 21 stellvertretend für einen göttlichen Heilsplan steht. Die Biene, die in der Antike als heiliges Tier von Zeus und der Artemis galt, führt zurück zur besonderen Atmosphäre des Ortes die auch den Dichter Gustav Schwab zu seinem Gedicht `Die Heidenkapelle´ anregte. Hier schreibt er der ersten Strophe:

Es braust der Sturm, es flammt der Blitz,
Der Mutter fehlt ihr Kind,
Da geht sie aus in finst’rer Nacht,
Im Regen und im Wind.

Die Urgewalten, das frühere Sonnenwunder und auch die Mutter in Schwabs Gedicht verweisen auf die antiken Frühlingsfeste. In Mitteleuropa ist das Fest der Göttin Nerthus, der Erdmutter, der auch der römische Schriftsteller Tacitus in seinem Werk Germania ein Kapitel widmet. Nerthus, deren Name sich wohl auch aus dem keltischen Wort `nrthos´, die Kraft ableitete, wurde während der Zeit des Äquinoktiums mit einer Wagenprozession gefeiert. Trotz ihrer einstigen Bedeutung scheinen sich ihre Spuren in der Geschichte verloren zu haben. Nur im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens findet sich ein Hinweis auf den 17. März, der ja in etwa dem astronomischen Frühjahrsbeginn entspricht. An diesem Datum ist der Tag der heiligen Gertrude an dem eine alte Bauernregel sagt: `St. Gertraud führt die Kuh zum Kraut, ’s Roß zum Zug, die Bain (Bienen) zum Flug´.

Heidenkapelle Karte SonneSonnenaufgangspunkte

Zwei dieser fliegenden Bienen sind ja im Westgiebel gut zu sehen und bilden damit eine Brücke zum Glaubensverständnis der vorchristlichen Zeit. Eine weitere Spur in diese Zeit zeigen die Sonnenaufgänge zur Sommersonnenwende und dem 1. Mai. Der erste kann von er Heidenkapelle über der abgegangenen Burg First und der zweite über dem Roßberg beobachtet werden. Doch dieser, einer dreiseitigen Pyramide gleich geformten Berg, ist es wert gesondert betrachtet zu werden.

Bilder: Tymphanon Westportal, Westgiebel, Belsener Kapelle – Stefan Wintermantel / Simulation, sunearthtools

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