Der Spatz, St. Georg und das Münster in Ulm.

Ulmer Münster WestfassadeUlmer Münster, Westfassade

Der Legende zufolge hat ein Spatz die Ulmer Bürger beim Bau des Münsters davor bewahrt ein Stadttor einzureißen. Voller Verzweiflung sollen diese mit einem quer liegenden Balken auf ihrem Karren vor dem Tor gestanden sein und überlegt haben wie sie ihn so durch das geöffnete Tor zeihen könnten. Als sie den Spatz sahen, der einem Zweig in Längsrichtung in seinem Schnabel hatte, kam ihnen der rettende Gedanke. Rasch drehten sie den Balken und transportierten ihn so durch das Tor. Den Spatz auf dem Münster gibt es tatsächlich, allerdings sieht er nur aus der Ferne so aus. Aus der Nähe betrachtet, ist er eine Taube mit Ölzweig, die von einem reichen Ulmer Bürger gespendet wurde. In dieser Darstellung verkörpert die Taube den Heiligen Geistes und verweist damit auch auf die Kirchenpatronin Maria. Damit bekommt die Taube auf dem Ulmer Münster eine doppelte Bedeutung die einige Fragen aufwirft.

Ulmer SpatzDer Ulmer Spatz

Die Geschichte des Münsters begann am letzten Junitag des Jahres 1377 als Ulmer Bürger den Grundstein für das Bauwerk legten, das als Ersatz für die vor den Toren der Stadt gelegenen Marienkapelle dienen sollte. Wer heute die Baugeschichte liest, findet die Erwähnung Marias nur noch am Rande. Damit wiederholt sich was bereits im Text der Gründungsurkunde festzustellen ist, der an diesem Tag verlesen wurde. In ihm wurden zwar der Rat und der Bürgermeister erwähnt wurden, doch kein Wort weist auf die Kirchenpatronin Maria hin. In der spirituellen Glaubensauffassung des Mittelalters bildete Maria aber ein Zentrum des Glaubens und jahrhundertelang zerbrachen sich Theologen an Einzelfragen ihrer Gestalt die Köpfe.Eine der zentralen Fragen war die jungfräuliche Geburt, die fragenden Laien ja plausibel erklärt werden musste. Dabei war es in der Antike ja durchaus normal, dass Gottheiten auf diese Weise geboren wurden. Doch Maria war in zahlreichen Bildern des Mittelalters eben hautnah als menschliche Gestalt zu erleben, deshalb bedurfte es auch einer besonderen Erklärung, wie der göttliche Same ohne menschliches Zutun in sie gelangte.

maria-empfaengnisMaria Empfängnis. Lewoca, Pfarrkirche St. Jakob

Eine der theologischen Deutungen erklärte dies mit Hilfe einer Taube die mit einer Lilie im Schnabel diesen Samen überbrachte. Da Maria als Patronin der Kirche erwähnt wird, stellt sich nun die Frage der Ausrichtung. Zwar ist das Kirchenschiff, gemäß den landläufigen Vorstellungen geostet, aber eben doch um 1.4 Grad aus der Ostrichtung abweichend. Dass Heinrich Parler, dem ersten Baumeister der bereits das Gmünder Heilig- Kreuz-Münster errichtet hatte, dieser Messfehler unterlief, ist kaum zu vermuten. Auf Grund des damals gültigen julianischen Kalenders kann aber weder der Festtag Maria Empfängnis, noch ihre Geburt am 8. September als Sonnenaufgangspunkt herangezogen werden. Es musste also noch einen anderen triftigen Grund geben, der diese winzige Abweichung erklären kann.

Ulm SchwörfeierSchwörrede in Ulm

Diese Abweichung führt zurück in die Ulmer Geschichte. Das Münster ist ein Bauwerk, dass das selbstbewusste Bürgertum aus eigenen Mitteln errichtet hatte und kein geistlicher, oder weltlicher Potentat ihnen dabei unter die Arme gegriffen hat. Doch die eigentliche Macht lag damals in der Hand mächtiger Patrizierfamilien, denen der wachsende Einfluss der Zünfte ein Dorn im Augen war. Dadurch wuchs die Unzu- friedenheit unter der Bevölkerung wächst. Als die in den Zünften vereinigten Handwerker eine Beteiligung am Rat der Ulmer Stadtregierung erzwingen.wollen kam es in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, bei denen es Tote und Verletzte gibt. Erst im Jahr 1345 kommt die Stadt zur Ruhe. Im Kleinen Schwörbrief wurde den Zünften nicht nur die Mitwirkung am politischen Geschehen eingeräumt, sondern ihnen gelingt es sogar die Mehrheit im Rat der Stadt zu erhalten. Von 31 Sitzen fallen künftig 17 an die Ulmer Zunftmeister. An diesen wichtigen politischen Prozess in Ulm erinnert der alljährliche Schwörtag, der bis 1548 immer am Tag des heiligen Georg, einem der 14 Nothelfer abgehalten wurde. Östlich des Münster gibt es noch einen er einst 32 Stadtbrunnen der dem Heiligen geweiht ist. Die ursprüngliche Georgsfigur auf der Brunnensäule stammt noch aus dem Jahr 1580. Dass 50 Jahre nach Einführung der Reformation in der Stadt ausgerechnet eine Heiligenfigur wieder auf die Brunnensäule gesetzt wurde, ist nur mit der Bedeutung Georgs für das Ulmer Verfassungsgeschehen zu erklären.

Hl. Geeorg, Hans AckerGlasfenster St. Georg von Hans Acker, um 1440

Der Heilige hatte zwei Seiten. Seine kämpferische galt als Vorbild für die Ritter bei den zahlreichen Schlachten die das Christentum gegen die Ausbreitung des Islam führte. Doch in seiner Rolle als Nothelfer schütze er vor Krieg, Vergiftungen, Versuchungen , Pest und Lepra. Aber gleichzeitig sollte der Heilige auch für gutes Wetter sorgen. Als Schutzpatron wachte er auch über zahlreiche Berufsstände wie Sattler, Schmiede, Waffenschmiede, Böttcher und auch Artisten.

Ulmer Münster BaulinieBaulinie des Ulmer Münsters

Doch er half auch den Ulmer Bürgern das Kirchenschiff des Münsters wieder in die Richtung zu bringen die als Symbol des Ausgleichs gilt, die Ost-West Richtung. Nicht nur graphisch wird dies sichtbar, sondern eben auch am Datum der Tag- und Nachtgleiche und damit beinhaltet die Ausrichtung des Münsters eben die politische Aussage des Schwörtages die alljährlich wiederholt wird. Wird nun gemäß dem julianischen Kalender der Sonnenaufgangswinkel am Georgstag, dem 23. April, mit dem am Tag von Mariä Lichtmess verrechnet, entsteht genau die minimale Abweichung, die es auch bei einem best möglichem Ausgleich von Gegensätzen, einem Gleichmaß, geben muss.

Bilder: Wikipedia, Ulmer Münster Westfassade, Martin Kraft / Ulmer Spatz, Joachim Köhler/St. Georg“ von Hans Acker, um 1440/ Schörfeier Ulm, Eugen Löhle / Simulation. Sunearthools, orthelius kalenderumrechner

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