Das Tal des Rulaman

Hohenwittlingen südseiteRuine Hohenwittlingen Südseite

David Friedrich Weinland. veröffentliche 1878 seinen bis heute berühmten Jugendroman Rulaman. Er verfasste den Roman im Hofgut Wittlingen, unweit der Höhle die das Zent- rum einer Sippe von Urzeitjägern war. Doch der Roman war ursprünglich gar nicht für die Öffentlichkeit, sondern für seine beiden Söhne gedacht.

Schillerhoehle-Schillerhöhle – die Tulkahöhle

Das Schreiben gestaltete sich eher als eine Notlösung um das durch ein Halsleiden jäh beendet Forscherleben zu überbrücken. Doch vor dem Hintergrund des 1856 entdeckten Skelettes eines Neandertalers und den in den 1850-er Jahren ausgegrabenen Pfahlbauten am Bodensee gab es eine Zeitströmung, die wie geschaffen war für dieses Historien- drama aus der Frühgeschichte der Schwäbischen Alb. Zugute kam Weiland, dass er als Zoodirektor und Naturforscher nicht nur Kenntnis zahlreicher Tier- und Pflanzengattungen hatte, sondern sich auch mit Anthropologie und Sprachen beschäftigte. Geschickt be- nannte er die unterschiedlichen Tierarten in seinem Roman in unbekannte Sprachen, so dass sie wie selbstverständlich Teil der urzeitlichen Sprache der Aimats erschien. Weinland versetzte die Urbewohner der Alb aber völlig ahistorisch in eine Zeit als die Eisenzeit einen gravierenden kulturellen Wandel mit sich brachte. So prallten in seiner Erzählung die Eizeitjäger der Tulkahöhle, der heutigen Schillerhöhle unterhalb der Burg- ruine von Hohenwittlingen, auf keltische Einwandrer, den Kalats. Zwischen beiden Völkern liegen etwa 30000 Jahre Geschichte und so konnten die Unterschiede in den Leb- ensvorstellungen nicht größer sein.

Rulaman der AngekkoDer Angekko vor seiner Zauberhöhle, Illustrotion von Theodor Knesing

Auch der Name Tulka ist nicht einfach aus der Fantasie geboren der tibetischen Sprache entliehen wo er hochrangige Lamas bezeichnet die ihre Wiedergeburt selbst bestimmen können. In der Tat lässt Weinlands lebendige Sprache eine Zeit auferstehen, deren Spuren nur noch im Museum zu sehen sind. Das Vorbild für die Urzeitjäger, den Aimats sah Weinland im Volk der Lappen. Damit folgte er der wissenschaftlichen Sicht seiner Zeit, das die Besiedelung Mitteleuropas durch einwanderte Stämme aus dem Norden postulierte. Das Leben der Aimats, einer vom Matriarchat bestimmten Jägersippe schildert er in seinem zweiten Kapitel, wo er schrieb: `Da das Wild in der Nähe ihrer Wohnstätte natürlich selten war, manchmal auch ganz verschwand, mussten sie weite Jagdzüge unternehmen und die Beute oft tagelang mühsam nach Hause schleppen. So kamen auch an jenem Abend die Männer der Tulkahöhle von einem fernen Jagdzug nach Hause. Von ihnen erscholl der schrille Ruf, der das Tanzen der Kinder unterbrach´. Was Weinlands Buch so faszinierend macht ist nicht nur einstige Tulkahöhle, sondern auch das vor dem Bergsporn liegende Ermstal mit der Ruine Hohenwittlingen. Dieses Tal entspricht auch der Sonnenuntergangsrichtung zur Sommersonnenwende, jenem Fest der Kalats an dem das grausame Ende der Aimats begann. Auch beim Ort des Sonnenfestes verwendet der Autor eine Ortsbezeichnung die einen tieferen und doppeldeutigen Sinn offenbart, denn das mörderische Fest der Kalats findet auf dem Nufaberg statt. Was auf den ersten Blick wie ein Kunstwort klingt, offenbart sich aber in der isländischen Sprache als das Wort für Stute. In antiken Mythen gilt sie als ein solares Symbol und deshalb zogen auch Pferde den Wagen des Sonnengottes.

Über Pferdeopfer zu Sonnenfesten sind Berichte der beiden griechischen Schriftsteller Stabon und Xenophon überliefert. Strabon schreibt über den Satrap von Armenien der dem persischen König zur Wintersonnenwende alljährlich 2000 Fohlen opferte. Xenophon geht in seiner autobiographischen Schrift Anabasis sogar noch weiter ins Detail, in dem er die Prozession mit weißen Pferden und dem Sonnenwagen schildert, der Priester mit einem Opfertisch folgten. Trotz aller kulturellen Veränderungen hat das Bild des von Pferden gezogenen Wagens des Sonnengottes bis heute überdauert.

HohenwittlingenBurg Hohenwittlingen und das Tal der Erms

Steht man auf der Ruine Hohenwittlingen öffnet sich das Ermstal zwischen den beiden Sonnenaufgangspunkte am 1. Mai und der Sommersonnenwende. Dabei scheint der Be- deutung des Sonnenunterganges am 1. August eine besondere Bedeutung zuzu- kommen. Nicht nur die Talmitte entspricht dieser Richtung, sie bildet auch die Symmetrieachse für die Höhenlinien des Bergspornes auf dem die Ruinie steht. Am 1. August, dem früheren 1. Erntefest, gab es einst den Brauch den Sonnenkönig zu töten, damit er zur Wintersonnenwende neu geboren werden konnte. War also am Ende Hohen-wittlingen Vorbild für die Sonnenkultstätte im Buch, jener Nufaberg, auf dem der Aimathäuptling mit einer Sippe sterben musste?

Selbst beim Bau der Burg im 12. Jahrhundert wurde die Sonnenrichtung noch beachtet, doch nun im Julianischen Kalender und zum Sonnenaufgang hin. Bei gleichem Winkel deutet dies dann auf den Tag des heiligen Vinzenz hin. Vinzenz, dessen Legende sich in Saragozza entstand, zählte zu den meist verehrtesten Märtyrer Spaniens und wurde auch im süddeutschen Raum rasch zu einem der beliebtesten Heiligen jener Zeit. Er ist unter anderem Patron der Winzer und Weinbergwächter, einem Gewerbe das im Mittelalter in der Region weit verbreitet war.

Bilder: Wikipedia, Ruine hohenwittlingen Südseite, MacElch /“Der Angekko vor seiner Zauberhöhle, Theodor Knesing – Original-Illustration zu „Rulaman“ von David Friedrich Weinland (1878) / Simmulation sunearthtools

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