Das große Jahr der Keltenfürstin

bettelbuehlBettelbühl – flacher Grabhügel neben dem Bettelbühl-Bach

Der Name des Flurstückes Bettelbühl südsüdöstlich der Heuneburg wird auf die alte Bezeichnung für einen nährstoffarmen Boden zurückgeführt, den Bettel. Ebenso scheint es eine Verbindung zum Gesöd zu geben, dem Begriff für sumpfige und morastige Wiesen. Keinesfalls deutet diese Ausgangslage auf eine Nekropole hin, in der das Grab einer Keltenfürstin gefunden wurde. Der namensgebende Hügel der Bettelbühl ragt etwa noch 3,7 Meter über das Gelände und besitzt einem Basisdurchmesser von 50 Meter. Er war der einzig sichtbare Rest der Nekropole, deren Hügel durch die im Laufe der Jahrhunderte betriebene Landwirtschaft verflacht wurden.

Das Grab stammt aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., also aus der späten Hallstattzeit die auch als eine Blütezeit keltischer Machtzentren wie der weiter nordwestlich gelegen Heuneburg gesehen wird. Die Adelige, von Archäologen als Keltenfürstin bezeichnet, trug zahlreiche Schmuckstücke von hoher handwerklicher Qualität. Darunter waren 7 Ringe aus Gagat, dem schwarzer Bernstein, an ihren Armen und je zwei Bronzeringe an den Füßen. Auch der Bernstein ist ein Beweis der weitreichenden Handelsbeziehungen der Stadt an der Donau, denn er stammt wie die Bernsteinkugel des aufwendig gearbeiteten Gürtelbleches wahrscheinlich aus dem Nord- oder Ostseeraum.

schmuckSchmuck aus dem Grab der Keltenfürstin

Eine Parallele zu den aufwendigen Grabbeigaben zeigt sich auch in der Positionierung des Hügelgrabes. Auf den ersten Blick erscheint die Wahl des Ortes willkürlich getroffen worden zu sein, doch bei näherer Betrachtung hat es eine auffällige Sichtbeziehung zu zwei markanten Orten, der Heuneburg und dem Bussen, dem heutigen heiligen Berg Oberschwabens. Diese Sichtbeziehung weist auf eine ganz bewusste Planung der Nekropole Bettelbühl hin, die zugleich auch einen symbolischen Hintergrund besitzt.

Beide Sichtlinien sind die Schenkel eines Dreieckes die einen Winkel von 72° einschließen der zugleich auch 1/5 des Vollkreises darstellt. Die Zahl 72 ist eine bedeutende Zahl, denn sie taucht nicht ohne Grund in vielen Mythologien auf. Sie entspricht nicht nur dem Innenwinkel des Pentagrammes, Der Figur in der der Goldene Schnitt 12 mal sichtbar wird ist auch Bestandteil der Zeitrechnung. Daraus resultierende Bilder, wie die 72 Ältesten der Bibel, die 72 Stufen die zum Himmel führen, oder auch die Legende, dass 72 Übersetzer an 72 Tagen in 72 Häusern die Thora übersetzten, sind eine direkte Folge ihrer Bedeutung. Diese Bedeutung wird auch im neuen Testament aufgegriffen, wo Jesus analog zu den 72 Ältesten insgesamt 72 Apostel in die Welt sendet. Es kann wohl auch kein Zufall sein, dass  spirituelle Lehrer wie Konfuzius oder Mahavira exakt 72 Jahre alt wurden, oder dass die Heilige Schnur im Zoroastrismus aus genau 72 Fäden besteht.

keltenfuertsin-planLage des Grabes

Mit 720 Minuten, der Hälfte eines Tages, taucht die 72 als Element der Zeitrechnung zum ersten Mal auf. Einen wesentlich größeren Zeitraum gliedert sie jedoch im Platonischen Jahr. Dieser Zeitraum entspricht dem Zyklus der Präzession, also einem Zeitraum von 25700-25900 Jahren. In dieser Zeit pendelt die senkrecht auf der Ebene der Ekliptik stehende Erdachse durch den Erdmittelpunkt, wodurch der Frühlingspunkt einmal durch alle Tierkreiszeichen wandert. Wird dieser Zeitraum minimal einem Idealmodell angeglichen, so entsteht folgende Rechnung: 25920/360=72. Anders ausgedrückt, rückt der Frühlingspunkt an dem die Sonne durch ein Sternbild wandert alle 72 Jahre um 1 Grad weiter. Dabei entspricht die Dauer des Platonischen Jahres ebenso dem Produkt der Urzahl des Hexagesimalsystems, der Zahl 6. So ergeben 6x6x6! (Faklutät), also 6x6x1x2x3x4x5x6 die 25920 Jahre die es dauert bis der Tierkreis wieder an seinen Ausgangspunkt zurückgekehrt ist.

praezessionSchematische Darstellung der Präzession

Natürlich stellt sich die Frage ob dieses Phänomen der keltischen Kultur überhaupt bekannt sein konnte. Doch wer Schmuck aus dem Mittelmeerraum und Bernstein von der Ostsee bezog, der wurde auch zwangsläufig mit dem Wissen anderer Kulturen konfrontiert Zwar sind exakte Erkenntnisse zur Präzession, dem Pendeln der Erdachse erst von Hipparchos von Nicäa aus dem 2. Jhd. v. Chr. überliefert, doch der Astronom berief sich bei seinen Überlegungen auf Arbeiten von Astronomen des 4. Jhd`s. Aus dieser Zeit existieren wiederum auch babylonische Keilschrifttexte, die von der Entdeckung der Präzession durch den Astronomen Kidinnu berichten. Auch der im 5. Jahrhundert lebende Platon, auf den der Name des Jahres zurückgeht, berichtete bereits von einer Verschiebung der Stern, von der er bei seinem Aufenthalt in Ägypten erfahren hat.

Die 72° und weitere Details der Einmessung des Grabes bieten ein wichtigen Hinweis auf dessen exakte Planung, sei es nur der Verweisauf die Zahl 5, oder auch der Verweis auf die weitaus komplexere Bedeutung der Präzession. Beide Ansätze und auch die zahlreichen Grabbeigaben sind auch ein Indiz für das zyklische Denken, das vom  Weiterleben des Menschen geprägt war.

Bilder: Wikipedia, Bettelbühl – flacher Grabhügel neben dem Bettelbühl-Bach, Regina U. Schreiber / Projekt Keltenblock , Schmuck / Schematische Darstellung der Präzession, NASA, Mysid – Simulation Stellarium.

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3 Gedanken zu „Das große Jahr der Keltenfürstin

  1. Bettelbühl deutet insofern auf eine Nekropole als das Wort „Bethel“ seine Wurzel im Begriff „Stein“ hat. Nach Ansicht von Kurt Dehrungs haben Orte mit Bet, Bed, Beth und Bod einen Zusammenhang mit vorgeschichtlichen Steinsetzungen

    • Ableitungen von Worten folgen doch oft dem eigenen Glauben. Betrachtet man das Wort Bettel genauer, liegt darin wohl ein kulturelles Gedächtnis verborgen Bedeutet im Althochdeutschen betabür ein Bethaus und betti der Sarg, so wird das Mittelhochdeutsche schon präziser. Bette heißt hier sowohl Liegestatt oder auch Acker. Grimms Wörterbuch mag bei der zeitgenössischen Interpretation wohl den entscheidend Einfluss ausgeübt haben. Hier wird Bettel als wertlose Dinge beschrieben.und mit dieser Bedeutung wurde die Erinnerung überschrieben. Dre Schritt zum wertlosen Sumpf war also nicht zu groß. Im übertragenen Sinn hat Derungs sicher Recht, denn eine Liegestatt war eine Kultstätte, die je nach Epoche mit Steinen konstru- iert, oder markiert war.

      • Es ist schwer zu sagen, aus welcher Zeit sich die Bedeutung der Orte abzuleiten ist. Es gibt viele Deutungen, die sich vielleicht nie, vielleicht einmal durch andere Hinweise erhärten.
        beth-l: das biblische Beth-El, alt bait-ilu) ‚Haus Gottes‘, wo Jakob einen „Hinkelstein“ als Kennzeichen aufrichtete. Phönizisch-griechisch baitylos war ein heiliger Stein als „Haus“ (bait) einer Gottheit. Schrifltich überliefert durch die Bibel.
        Ich finde an fast allen bet- und bod- Orten Hinweise auf Steinmonumente.

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