Landschaftstempel Kapellenberg

kapellenberg-von-hofheim-1930Kapellenberg von Hofheim aus, um 1930

 Mit dem Namen Kapellenberg bei Hofheim im Taunus wird die dort Ende des 17. Jahr- hunderts errichtete Wallfahrtskapelle verbunden. Sie wurde nach dem Gelübde des Hofheimer Pfarrers erbaut der damit den Ort vor einer Pestepidemie verschonen wollte. Der große Anzahl von Gläubigen bei Wallfahrten auf den Kapellenberg erforderte bereits 1. Jahrhundert später einen Ersatz des Fachwerkgebäudes durch ein Seingebäude, Mit der Dankeskapelle verlor sich auch der frühere Flurnamen, wo der Berg noch Rab- oder auch Räuberberg genannt wurde. Sie machte den Berg wieder zu einem sakralen Ort, wie ihn die Menschen wohl schon 6000 Jahre zuvor betrachtet hatten. Wohl zurecht kann er als einer jener Landschaftstempel betrachtet werden, die in der Vergangenheit Siedlung und Heiligtum zugleich waren.

kapelle-marienfigur Marienfigur an der Außenwand der Kapelle

Die Höhensiedlung auf dem Kapellenberg, die auch den Namen `das Pompeji der Steinzeit´ trägt, wird seit 2008 von mehreren archäologischen Forschungseinrichtungen untersucht. Während diesen Forschungen konnte auch das Alter der ausgedehnten Wallanlage bestimmt werden. Zuvor war ihr alter der Eisenzeit oder gar noch jüngeren Epochen zugeordnet worden. Tatsächlich ist sie aber über 6000 Jahre alt und fällt damit in die Epoche der Michelsberger Kultur. Als erster beschrieb August von Cohausen den Wall in dem er auch Ähnlichkeiten mit Fundstücken der Michelsberger Kultur bei Bruchsal erkannte. Bei späteren Forschungen wurden dann auch die im Zentrum der Anlage liegenden Grabhügel durch den Archäologen Diewulf Baatz entdeckt. Sie bieten auch einen guten Ausgangspunkt zur Betrachtung der Siedlung Kapellenberges.

ringwall-kapellenbergRingwall auf dem Kapellenberg

Auch hier scheint auf den ersten Blick der Verlauf von Wall und Palisaden der Hang- geometrie angepasst worden zu sein. Doch er nördliche Verlauf wirkt keinesfalls mehr so selbstverständlich wie der südliche, wo die Begrenzung mehrere Versprünge aufweist. Gleicht man die Geometrie jedoch mit einem der markantesten Sternbilder, dem Bärenhüter, oder auch Rinderhirten ab, offenbart dies eine Erklärung für die Geometrie. Während der Michelsberger Kultur konnte er als idealer Zeit und Richtungszeiger dienen. So stand er am Abend der Wintersonnenwende exakt über dem Nordmeridian den seine Sichel zu diesem Zeitpunkt umfasste. Doch erst die viel später fassbaren griechischen Mythen bieten eine Erklärung für die Sichel des Rinderhirten. Sie galt nicht nur als Symbol der Ernte, sondern auch der Zeit. Gaia hatte sie ihm einst geschmiedet, um damit den Titanen Chronos zu entmannen, der seine Kinder in den Tartarus gestoßen hatte. Später wurde er selbst von seinem Sohn Zeus mit Hilfe eines Blitzes niedergeworfen und so wurde die Sichel zu einem Symbol von Vergänglichkeit und Tod. Verfolgte man jedoch zur Zeit der Michelsberger Kultur die Bewegung des Rinderhirten am 31.10., so hatte er kurz vor Sonnenaufgang die Stellung, die auch die Geometrie des Walles und die Lage der Hügelgräber erklären kann. Sie liegen genau dort, wo zu diesem Zeitpunkt der Stern Arktur, stand, ehe sein Licht verblasste. Im Laufe seiner Geschichte trug das Sternbild zahlreiche Namen, wie Arktophylar, aber auch Uros der Wächter, die alle seine Bedeutung als Zeitzeiger ausdrückten.

kapellenberg-plan-baerenhueterKapellenberg mit Bärenhüter

Cicero bezeichnete das Sternbild im 1. Jahrhundert als Astrophylax, der Wächter des Bären. Damit bezog er sich wieder auf die griechischen Namen arktouros, den Bären- hüter dessen Versetzung an den Himmel die Legende der Nymphe Kallisto erklärt. Doch sein späterer arabische Name āris as-samā‚ der Wächter des Himmels, führt wieder zurück in jene Zeit der Michelsberger Kultur. Zu dieser Zeit markierte er Tage, die auf einen in 8 Abschnitte geteilten Kalender verweisen. Dabei dürften zwei Sichtungen des Arktur auch die Wahl des Kapellenberges als wichtigen Ort bestimmt haben: Seine Letztsicht am 1. August und die Erstsicht am 1. Februar erfolgten in der gleichen Richtung. Verbindet man diese Richtung mit der Letztsicht des Sternes Sirius zur Zeit des Herbstäquin- oktiums, so entsteht eine Linie die auch als Mittellinie des Kapellenberges betrachtet werden kann.

bootes-stichSternbild Bärenhüter, Rinderhirte, Bootes

Die ursprüngliche Betrachtung des um den Weltenbaum kreisenden Rinderhirten ist auch noch im späteren Namen Hofheim zu erkennen. Dessen erste urkundliche Erwähnung erfolgte im Jahre 1263 unter dem Namen Hoveheim. Allzuleicht wird ihr die Brücke zum Gehöft oder zum Hof geschlagen, was ja auch das später erbaute Wasserschloss nahe legt. Verfolgt man aber den Ursprung des Wortes zurück, ändert dies recht bald seine Bedeutung. Während es im Althochdeutschen tatsächlich noch Hof, Haus oder Fürsten- sitz bedeutet, bezeichnete es in der altnordischen Sprache noch den Tempel. Doch der Ursprung des Wortes im germanischen Begriff, ħufam  ‚das gewölbtes Dach‘ , führt wied- er in jene Zeit der Michelsberger Kultur zurück, wo Menschen im Bauen ein Spiegelbild des Kosmos sahen.

Bilder: wikipedia/Der Nordwall mit vorliegendem Graben, Frank Winkelmann /Simulation Stellarium

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