Die Kalenderbauer von Ippesheim

feldbearbeitung-indienFeldbearbeitung mit Zugtieren in Indien

Das 5. Jahrtausends war eine Ära der Innovation. So wie dies im Übrigen in allen Epochen in der Folgezeit festzustellen ist, in denen das Klima die sonst gemessenen Mittelwerte deutlich überschritt. Zu diesem Zeitpunkt waren runde 7000 Jahre seit dem Ende der Würmeiszeit vergangen und die Erwärmung hatte für einen raschen Anstieg des Meeresspiegels gesorgt. Gut sichtbar sind diese einstigen Verläufe der Küstenränder noch heute auf Google Maps, wo sich die Flussmündungen am küstennahen Meeresboden noch immer abzeichnen. In diesem Zeitraum, so die heutige Sicht, beginnt auch die Entwicklung der Landwirtschaft. Dies führt zur Bildung größerer Stadtstaaten, wie sie bis heute aus Mesopotamien bekannt sind. Zur gleichen Zeit wird in den Steppen Eurasiens das Pferd domestiziert und im vorderen Orient der Ochse als Zugtier eingesetzt. Zusammen mit dem Einsatz des Hakenpfluges ermöglicht dies alles wesentlich höhere Ernteerträge. Während Mesopotamien als Wiege der Kultur gilt, finden aber ganz ähnliche Entwick-lungen in Mitteleuropa statt.

pfahlbau-unteruhldingenPfahlbauten in Unteruhldingen, Bodensee

Größere Ansiedlungen in diesem Zeitraum sind durch Erdwerke geschützt oder wurden auf Wasserflächen gebaut, wie die Pfahlbauten am Bodensee. Vorherrschend war der Holzbau, der allein auf Grund des mitteleuropäischen Klimas nur wenig Spuren hinterlässt. So kann die Konstruktionsweise, Stämme in Vertiefungen zu stellen um so ein Tragwerk für Gebäude aufzustellen, nur in Bodenveränderungen abgelesen werden. Doch das plötz- liche Aufblühen der Landwirtschaft förderte nicht nur einen Bauboom in Mitteleuropa, sondern erforderte auch eine exakte Zeitberechnung. Um das Überleben einer großen Anzahl von Menschen zu garantieren, waren verlässliche Ernteerträge notwendig. Die konnten aber nur durch eine genaue Bestimmung von Aussaat und Bearbeitungszeiten der Felder erzielt werden. Um diese Daten exakt zu bestimmen, wurden ab dem 5. Jahr- tausend Kreisgrabenanlagen verwendet.

goseck-kreisKreisgrabenanlage Goseck

Mit geradezu grotesk anmutenden Zaghaftigkeit gestehen Archäologen dieser Kultur zu,  dass sie fähig war Daten mit Hilfe der Himmelsbeobachtung zu ermitteln. Einer dieser Himmelskalender war der Kreisgraben in Ippesheim. Er bestand aus mindestens einer Palisade mit einem tiefen umlaufenden Graben und einem davorliegenden Wall. Über Erdbrücken und mehrere Tore konnte die Anlage dann betreten werden. Eine genauere Betrachtung der Anlage zeigt jedoch, dass sie keinen exakten Kreis darstellt, sondern die Grundfläche aus zwei Kreisen zusammengesetzt wurde. Vier der Tore lassen sich unzweifelhaft den Sonnenauf- und Untergängen während den Sonnenwenden und den Untergängen während der Äquinoktien zuordnen.

ippesheim-planKreisgrabenanlage Ippesheim, die Bedeutung des Arktur für den Kalender

2 Tore, eines im Südosten und eines im Nordwesten, liegen aber nicht im Pendelbogen der Sonnenauf- und Untergänge. Doch die breiten Öffnungen weisen auf eine bislang unbeachtete Eigenschaft der Kreisgrabenanlagen hin. Sie musste neben der Sonnen- auch der Sternbeobachtung gedient haben um die jährliche Verschiebung des Kalenders zu berechnen. Dabei erwies sich die Holzkonstruktion zur Peilung von Sonnen- und Sternpositionen durch ihre leichte Veränderbarkeit wohl viel flexibler, als beispielsweise der Steinkreis von Stonehenge. Verschoben sich im Laufe von Jahrhunderten die Visurpunkte, konnte die Palisade einfach geändert werden. Damit war es möglich, sie ab 5300 v. Chr. r über einem längeren Zeitraum als Kalender zu nutzen.

caldera-des-tamboraCaldera des Tambora

Zwischen 5. und 4. Jahrtausend endete diese kulturelle Blütezeit. Die Kultur verschwand, was für reichlich Diskussion unter den Wissenschaftler sorgt. Ausufernde Gewalttätigkeit, die der Ur- und Frühgeschichtler Jörg Petrasch bei Knochenfunden feststellte, führte ihn zur Annahme dass dies die Symptome einer zusammenbrechenden Gesellschaft waren. Eine der Ursachen wird in einer Resourcenverknappung gesehen, die durch den techno-logischen Fortschritt nicht kompensiert werden konnte. Ein gewaltiger Vulkanausbruch in jener Zeit könnte diesen Vorgang noch beschleunigt haben. Mit der Entstehung der Kikai-Caldera im Norden Japans, die heute Teil des Pazifischen Feuerrings ist, wurden weit über 150 Kubikkilometer an Gesteinsmassen ausgeworfen und damit war diese Eruption mit der des Tambora 1814 zu vergleichen. Sie hatte auch schwere klimatische Aus- wirkungen auf der Nordhalbkugel hervorgerufen, deren Auswirkungen dem Jahr 1816 die Bezeichnung `Jahr ohne Sommer´, eingetragen hatten. Bei dem Begriff `Wiege der Zivilisation´ blicken wir sofort nach Mesopotamien. Doch die Kalender der Kreisgrabenan-  lagen deuten darauf hin, dass diese Wiege viel breiter angelegt war als es die Ge- schichtswissenschaft heute wahrhaben will.

Bilder: Wikipedia, Rekonstruktion der Pfahlbauten im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen am Bodensee, H. Zell /Kreisgrabenanlage von Goseck, Einsamer Schütze / Calderaboden des Tambora, Blick Richtung Norden , Georesearch Volcanedo Germany / Simulation Stellarium, sunearthtools

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