Sagenhafte Orte – Teil 4

Der Titisee und die verschwundene Stadt

titisee-1930Titisee um 1930

Eine der zahlreichen Sagen des Titisees erzählt von einer mächtigen Stadt mit einem Kloster. Einst hat sie dort existiert wo sich heute der See erstreckt. Ihre Einwohner waren reich, doch dabei verloren sie denn Glauben an die Gesetze Gottes und die Ehrfurcht vor dem Brot. In ihrem Übermut höhlten sie Brotlaibe aus und nutzen sie als Schuhe, während sie den Rest an ihre Tiere verfütterten. Der Frevel forderte den Zorn Gottes heraus, erzählt die Sage. Der Himmel öffnete sich und eine Sintflut überschwemmte die Stadt mit Mann und Maus. Die Wassermassen ließen die prächtige Stadt mit all ihren Türmen und Toren in einem unergründlichen See versinken. Doch wenn man an einem stillen Sonntag-morgen auf den See hinaus rudert, soll man dort die Turmspitze des versunkenen Klosters in der Tiefe des Titisees erkennen können und dabei den dunklen Klang der Kirchenglocken hören. Die Erzählung endet mit der Prophezeiung, dass sich die Stadt und das Kloster wieder aus der Flut des Titisees erheben werden, wenn das Kloster in Friedenweiler in das Reich der Tiefe sinkt.

hirschbuehl-titiseeHirschbühl Titisee

Die Erzählung mit den ausgehöhlten Broten erinnert an einen Osterbrauch. Gerade in dieser Zeit gibt es das Gründonnerstagsbrot, das Karfreitagsbrot und dann das Osterbrot. Aus dem nahen Frankreich ist aber auch ein Brauch bekannt, bei dem ausgehöhlte Brote an Zweige gehängt werden. Diese Brote gelten als Sinnbild der Fruchtbarkeit und verweisen ebenso auf den Wunsch nach reichem Kindersegen. Eine Erklärung für die Entstehung dieser Sage bietet der nahe den Titisee gelegene Hirschbühl, der fast genau in Ostwestrichtung liegt. Ausgemittelt liegt dessen ellipsengleiche Form so, dass die Achse auf den Sonnenaufgangspunkt während der Tagundnachtgleiche zielt. Im Frühjahr und Herbst waren dies früher dr zeitpunkt von Fruchtbarkeits- und Erntefesten.Dass der geometrisch geformte Hirschbühl bereits in frühen Zeiten eine kultische Bedeutung hatte, zeigt auch der Schalenstein der am westlichen Ende des Berges liegt. Dessen Entsteh- ung wird in einem Zeitraum zwischen 5000 und 1500 v. Chr. vermutet.

blutstein-titisee-2Blutstein (Kultstein) am Hirschbühl

Auch der Name selbst bietet einen Hinweis auf diese Feste. So hatte der auch der keltische Gott Cernunnos als Attribut des Hirschgeweih. Als Geweihgott war er Herr über die Natur und stand für deren Fruchtbarkeit . Zwar gibt es keine literarischen Erwähnungen des Geweihgottes, doch seine bildliche Darstellungen wurden in ganz Europa gefunden. Seine wohl berühmteste Darstellung ist auf dem Kessel von Gundestrup zu finden. Um 5500 v. Chr, also im vermuteten Zeitraum der Entstehung des Schalensteins bot diese Ostrichtung des Hirschbühl aber noch ein besonderes Schauspiel. Mit der Erstsicht des Sternes Capella konnte hier der Sonnenkalender abgeglichen werden.

titisee-hirschbuehl-sonneAusrichtung Hirschbühl

Die Ausrichtung auf das in irisch-keltischen Kultur gefeierte Frühlingsfest bietet auch eine neue Deutung des Namens Titisee Die ersten Aufzeichnungen aus dem Jahr 1050 in denen der Name erwähnt wird, stammen vom Kloster Allerheiligen in Schaffhausen. Zwar belegen historische Dokumente dass ab 1750 der Name des Sees in seiner heutigen Form benutzt wurde, dennoch gibt es unterschiedliche Erklärungen zu seinem Ursprung. Eine Erklärung sieht den Ursprung im römischen Feldherr Titus der während eines Lagers von der Schönheit des Sees so begeistert war. Andre Erklärungen sehen den Ursprung in einem Herr Titini der hier im 12 Jahrhundert gejagt haben soll, oder im Aronstab dem sogenannten Tittele. Sieht man jedoch den Hirschbühl als wichtigen Ort an, taucht noch eine weitere Erklärung auf die mit dem Frühlingsfest in Zusammenhang steht. Der Hase ist neben dem Ei eines der heute noch gebräuchlichen Symbole des Osterfestes. Doch gerade das Ei verweist auf einen früher ebenso gebräuchlichen Bezeichnung des Frühlingsfestes während der Tagundnachtgleiche, das Vogelfest. Das Fest fällt in den Zeit der Rückkehr der ersten Zugvögel, wie der Star oder die Bachstelzen. Sie sind die Boten des Vorfrühlings. Erst dem den Eintreffen von Mauersegler und Kuckkuck ist die Rückkehr der Zugvögel Ende April abgeschlossen. Bald nach ihrem Eintreffen beginnen die Vögel mit der Balz die mit eifrigem Zwitschern verbinden ist. Dafür findet sich nun auch das passende Wort in der damals gebräuchlichen lateinischen Amtssprache: titiare – zwitschern. So könnte der Name Titisee ein Relikt jenes alten Kultortes Hischbühl sein, auf dem einst das wichtige Frühlingsfest gefeiert wurde. In keltischer Zeit passte dessen  Ausrichtung, wie auch des Sees perfekt in die mythologischen Vorstellungen. So spiegelt sich ein Abschnitt des Mondlaufes, die Richtung dre großen Mondwende Süd in dessen Ausrichtung. Der Hirschbühl lag also am Schnittpunkt wichtiger Himmelsrichtungen. Insofern dürfte ihn in keltischer Zeit auch eine größere Ansiedlung umgeben haben. Das Bild von der einst im See versunkenen Stadt entspriingt also keiner allzu weit hergeholten Vorstellung.

Bilder. Wikipedia / badische Seite/Hirschbühl Simulation/ sunearthtools, stellarium

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