Das Fenster zum Himmel – Chartres Teil 2

chartres-west Kathedrale Notre-Dame de Chartres

Die Kathedrale Notre-Dame von Chartres wurde zum Vorbild zahlreicher gotischer Kathe- dralen Doch sie hatte einige Vorläufer, denn bereits im Jahr 876, also knapp 4 Jahr- hunderte vor der Fertigstellung der Kathedrale weihte Karl der Kahle hier eine Kirche. Dabei übergab er der Kirche eine der bedeutendsten Reliquien aus seinem Besitz: La Sancta Camisia. Diese Tunika soll laut einer Erzählung die heilige Jungfrau Maria bei der Verheißung der Geburt ihre Sohnes durch den Erzengel Gabriel getragen haben. Da Karl der Große einige wichtige Kleidungsstücke von Jesus und Maria in seinen Besitz gebracht hatte, wurde diese Sammlung später von Spöttern auch abfällig als Kleiderkammer des Herrn bezeichnet. An dem Ort, an dem ein früheres keltisches Heiligtum gestanden haben soll, werden mehrere Kirchen errichtet, ehe in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1194 ein Stadtbrand die romanische Kirche fast vollständig zerstörte.

sancto-camisiasancto camisia

Der Neubau von Notre-Dame von Chartres begann noch im gleichen Jahr. Laut den Auf- zeichnungen soll das Kirchenschiff und der Chor bereits 1220 eingewölbt gewesen sein. Doch die Fertigstellung der zahlreichen Glasfenster und Skulpturen dauerte noch bis zum Jahr 1260, ehe dann die Kirche geweiht wurde. Im Vergleich zu den meisten anderen Kirche der Isle de France ist das Kirchenschiff auch nicht annähernd geostet , sondern weicht mit 43°von der Ost-Westachse ab. In machen Büchern wird vermutet, dass dieser Winkel als Referenz an die bereits erwähnte Kultstätte gewählt wurde und mit dem Mond in Verbindung stehen könnte. Doch um mit der nördlichen Mondwende in Verbindung zu stehen, fehlt der Baulinie noch rund 5°. Zudem hätte der Mond ja das Bedürfnis zur Ins- zenierung des Lichtes in keiner Weise unterstützt. So muss man sich zur Erklärung der Baulinie mit ihrer ungewöhnlichen Ausrichtung nach Nordordost wieder in die Geistes- strömung zur Zeit der Errichtung der Kirche hineinversetzen.

chartres-chorChartres Chorapsiden

Sie gründete auf eine lange Entwicklung, die mit den Schriften des im 3. Jhd. lebenden neuplatonischen Mystikers Plotin begann, der die antike Vorstellung von der vergötttlichten Sonne mit der christlichen Lehre verband. Plotin sagte, dass Gott der Urquell des Lichtes sei und alle sichtbaren Dinge ihre ureigene Existenz eben der Ausstrahlung dieses Gottes-lichtes zu verdanken haben. Im 4. Jhd. entwickelte Gregor von Nyssa in seiner Gotteslehre diese Vorstellung weiter, in der er die christliche und griechische Philosophie verband. Dort schreibt er unter anderem über die Mauer, dass sie bildlich ausgedrückt den Mensch umschließt und die Erkenntnis Gottes verhindert. Doch die Providentia, die Voraussicht Gottes sorgt für das Aufbrechen dieser Mauer und für das Hineinströmen des Lichtes, also der Erkenntnis. Der im 6. Jhd. lebende unbekannte Schriftsteller Dionysius Areopagita legte mit seinen Werken dann die Grundlage eines mystischen Glaubens in dem Gott der Vater des Lichtes ist, dessen Abglanz auch in den niedersten Dingen zu finden ist . Ihm wird die neue Theologie des Lichtes zugeschrieben und Dionysius sagt dazu: `Gott ist Licht, Licht versetzt die Welt in den Zustand der Ordnung. Über die sichtbaren Dinge gleitet es hin bis zum Unsichtbaren, strömt in Kaskaden herab, bringt jedes Wesen an seinen Platz in der unveränderlichen Hierarchie der Kreaturen und Dinge´. Seine Texte, wie die anderer Kirchenväter, gelangten im 9. Jhd. in die Abtei St. Denis bei Paris, wo sie von Johannes Scotus Eriugena übersetzt und kommentiert wurden. Dort erkannte der im 11. Jhd. lebende Abt Suger deren großes Potential für einen völlig neuen und revolution- ären Baustil. Sein bedeutendes Werk ist die Kirche von Saint Denis wo durch das Auf- brechen der Wände und eine völlig neue lichtdurchflutete Baustruktur der geschlossene Charakter romanischer Kirchen überwunden wurde. Dieser lichtdurchflutete Raum bildete jene nun Gedanken ab, die Jahrhunderte zuvor nur als sprachliche Bilder existierten.

kapelleumgang-chartresKapellenumgang Chartres

Der Raum war nun die Theaterbühne um dieses göttliche Licht zu inszenieren. Eine im gotischen Stil erbaute Kirche hatte dazu 3 Möglichkeiten. Das Licht der Morgensonne schien in den Chor, oder das der Abendsonne durch die Rosette der Westfassade. Ebenso war so die Ausrichtung des Querschiffes auf einen bestimmten Sonnenstand möglich, wo es durch die Rosette in die Vierung schien. Der Winkel dieser Baulinie folgte nun aber einem Konzept das bei den meisten Kirchen angewandt wurde, eine Kombin- ation zweier Kirchenpatrone. Ein Teil dieses Winkels wird durch dem Sonnenaufgang am Tag des heiligen Michael am 29. September bestimmt. Eines der wichtigsten französ-ischen Heiligtümer war seit 709 die unter Bischof Autbert von Avranches und angeblich nach einer Vision des Engels entstandene Kirche auf dem ehemaligen Monte Tombe, Saint Mont Michel. Michael war der Drachenkämpfer der Apokalypse der aber nun auch andere Rollen einnehmen konnte. So wandelte sich im Laufe des Mittelalters sein Bild in der abendländischen Kunst vom Drachenkämpfer zum Seelenwäger mit Waage und Schwert. Den gewichtigen Anteil des Winkels steuerte allerdings der Feiertag der unbe- fleckten Empfängnis bei. Neun Monate vor Mariä Geburt feiert die katholische Kirche damit die Empfängnis der Gottesmutter. Das Fest entstand im 7. Jhd. und verbreite sich über Italien bis nach England. Besonders durch den Orden der Franziskaner wurde der Tag propagiert und fand bald allgemeine Verbreitung.

chartres-planAusrichtung der Kathedrale

Beide Winkel zusammen ergeben nun den Winkel der Baulinie. Als ersten Effekt bietet sie das Eindringen des Sonnenlichtes zur Weihnachtszeit über die Rosette des Querschiffes, wo es ein damals in der Mitte der Vierung hängendes Kreuz beleuchtete. Eine weitere Lichterscheinung gab es am Abend, wenn das Sonnenlicht über die Rosette der Westfassade bis zum Altar schien. Gotische Kathedralen sind gebaute Symbole, wo jedes Teil seine Bedeutung hatte und damit stellen sie auch eine gebaute Erzählung dar. So ist auch die Ausrichtung als eine Art Gleichnis zu verstehen. Dieses wird auch im Südportal des Querschiffes in Gestalt des jüngsten Gerichtes dargestellt. Dort ist Michael, dessen Name `Wer ist wie Gott´ bedeutet, mit Waage und Schwert ein Hinweis auf den Tod, doch durch das Licht das Maria in Gestalt ihres Sohnes in die Welt brachte, kann er überwunden werden.

Bilder: Wikipedia/ Die Kathedrale Notre-Dame de Chartres,Schorle / Chorapsiden, Westerdam / Kapelleumgang Chartres, MathKnight / Fotobucket , sancto camisia, Marisa829/Simulation Sunearthtools

Nächste: St. Baptist auf dem Bussen

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