Das Fenster zum Himmel – Gnadenkapelle in Altötting

altoetting-oktogonGnadenkapelle von Osten

Mariä Himmelfahrt und die Gnadenkapelle in Altötting

Die Westfassade der Gnadenkapelle von Altötting beherrscht den weiträumigen Kapellen-platz. Ihre Keimzelle besteht aus einem Oktogon, der wie die folgende Darstellung der Ausrichtung der Gnadenkapelle noch zeigen wird, um 700 entstanden sein muss. Damit stellt das Oktogon den ältesten Zentralbau Deutschlands dar. Dieser Achteckgrundriss weist auch auf seine ursprüngliche Funktion einer Taufkapelle hin, denn einer örtlichen Legende gemäß, hat hier der heilige Bischof Rupertus von Salzburg den ersten christ-lichen Bayernherzog getauft. Das Achteck als Ausdruck einer besonderen Bauform gründet jedoch auf einer langen Tradition. Der wohl erste Bau mit dieser Geometrie war der Athener Turm der Winde, der aus dem 1. Jhd. v. Chr. stammt. Er steht für 8 Wind- richtungen die jeweils durch 8 Öffnungen symbolisiert wurden, über denen Reliefs mit männliche Gestalten und ihren charakteristischen Attributen abgebildet waren. Mit einer im Turm verborgen Mechanik stellte der Turm der Winde einen Vorläufer heutiger Planetarien dar.

turm-der-windeTurm der Winde von der Nordseite

Die zweifach achsensymmetrische Form eines Achteckes wurde zur beliebten Bauform des frühen Christentums. Sie steht für die Vollkommenheit und die göttliche Perfektion. Im Christentum steht die Acht aber ebenso für die Auferstehung Jesu Christi als auch für die Teilhabe an Christus in der Taufe. Deshalb wurden häufig Baptisterien und Taufbecken in dieser Achteckform erbaut. Wie in Altötting, ist in vielen Kirchengebäuden des frühen Mittelalters diese Taufkapelle als ein eigenständiger Zentralbau zu finden. Allgemein wird vermutet, dass die oktogonale Form über das griechische Vorbild und die spätere byzantinische Architektur nach Südeuropa gelangte, wo sie bei Kirchen wie San Vitale in Ravenna zum ersten Mal auftauchte. Berühmtestes mitteleuropäisches Beispiel ist wohl die Aachener Pfalzkapelle, die Karl der Große im 8. Jhd. nach dem Beispiel von Ravenna errichten lies.Im Rahmen der Karlsverehrung wurde dieser Bautypus rasch zum Vorbild weiterer frühmittelalterlicher Kirchen im Heiligen Römischen Reich, wie etwa bei der Mettlacher Grabkirchem, oder der Abteikirche Ottmarsheim. Doch zunehmend verdrängte die Basilika mit dem ab der Otonischen Epoche verwendete kreuzförmige Grundriss diese frühchristilche Bauform.

votivtafelnVotivtafeln im Umgang der Gnadenkapelle

Mit zwei Heilungswundern im Jahr 1489 erhielt die Geschichte der Gnadenkapelle eine entscheidende Wende. Das kurz darauf erbaute Langhaus ergänzte das bisherige Oktogon und wurde dann mit zwei Türmen abgeschlossen. Spätestens ab diesem Zeit- punkt wurde das um im Jahr 1330 in Burgund oder am Oberrhein entstandene früh- gotische Bild einer stehenden Muttergottes mit dem Kind zum Wallfahrtsziel zahlreicher Pilger.

altoetting-gnadenkapelleAltötting Gnadenkapelle. Ausrichtungen

Dazu passend wurde das Fest Mariä Himmelfahrt als Patrozinium der Kirche gewählt. Durch den ersten, in ottonischer Zeit entstandenen Bauteil hatte die Kirche in östlicher Richtung geschlossene Flächen, so dass nun der westliche Teil der Kapelle die Sonnen-symbolik aufgreifen musste. So lässt sich an den unterschiedlichen Bauteilen Oktogon und Langhaus auch die Verschiebung des Sonnenaufgangspunktes im Laufe der Jahr- hunderte bis zum Endzustand des Bauwerkes feststellen. Gleich zwei Richtungen waren dabei für die Errichtung des Oktogons maßgebend. Der bereits erwähnte Sonnen-unter- gang zu Mariä Himmelfahrt und beim Ausgang der Sonnenuntergang am Tag von Johannes dem Täufer. Der Bau war auch passend zum damaligen liturgischen Ritus aus- gerichtet, denn die Feiern am Tag von Mariä Himmelfahrt konzentrierten vor allem im süddeutschen Raum und Tirol auf die in den Abendstunden abgehalten feierlichen Ponti- fikalämter mit anschließenden Prozessionen.

gnadenbild-altoettingGnadenbild Altötting

Der Tag Mariä Himmelfahrt, der in der kirchlichen Bezeichnung Maria Entschlafung heißt, hat eine längere Vorgeschichte. Eine ihrer Spuren führt auf die Feiern des Kaisers Augustus, der vom 13.bis 15. August seine Siege über Marcus Antonius und Kleopatra bei Actium und Alexandria in einen dreitägigen Triumph feierte. Diese Feiern galten auch der offiziellen Eroberung Ägyptens. In Rom galt der 15. August auch als heißester Tag des Sommers, also auch ein Wendepunkt des Jahres. Eine weitere Spur des Himmelfahrts-bildes führt zum Astraea Mythos, jener himmlischen Jungfrau, die als gerechte Herrscher- in während des Goldenen Zeitalters über die Menschen herrschte. Während des im Mythos als ehernes Zeitalter beschriebenen letzten Stadiums der Menschheit, in dem sittlicher Zerfall und Krieg herrschen, fährt sie in den Himmel auf. Genau dieses Schau- spiel, das zugleich aber auch an eine Wiederkehr der Jungfrau erinnert, war in der Zeit um den 15. August in Rom zu beobachten. Nur in diesem Zeitraum war der Aufstieg des Sternbild Jungfrau, dem Symbol der Astraea, zumindest ideell, zusammen mit der Sonne zu sehen. Nur dann legte sich beim Aufstieg des Sternbildes der Strahlenkranz der Sonne um das Haupt der Jungfrau/Astraea.

Bilder: Wikipedia/ Gnadenkapellevon Osten(Oktogon) ,Heather Cowper , http://www.heatheronhertravels.com. / Turm der Winde von der Nordseite, Georg Zumstrull / Altötting, Votivtafeln im Umgang der Gnadenkapelle, Bbb / Gnadenbild der Gnadenkapelle in Altötting, S. Finner , Simulation, sunearthtools

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