Das Fenster zum Himmel – der Dom zu Speyer

speyer-dom-chor Ostseite des Kaiser- und Mariendoms zu Speyer

Die präzise Ausrichtung des Domes offenbart nicht nur einen Blick auf die Heiligenver-ehrung jener Zeit sondern, auch die machtpolitischen Zielsetzungen ihrer Herrscher. Inner- halb der romanischem Architektur nimmt der Kaiserdom in Speyer eine ganz besondere Stellung ein, da er durch seine konstruktiven und stilistischen Ansätze neue Impulse für die kommende Raumentwicklung im Kirchenbau gab. Zum ersten Mal wurde hier wieder die Überwölbung großer Räume versucht, eine Kunstfertigkeit, die ja im Laufe der Spät- antike verlorenging. Dieses völlig neue Raumgefühl prägte fortan den Kirchenbau. Der Bau begann vermutlich im Jahr 1025 unter dem salischen König und späteren Kaiser Konrad II. Er hatte das wagemutige Ziel in Speyer die größte Kirche des Abendlandes zu errichten. Knapp ein Jahr vor dem eigentlichen Baubeginn fand am 8. September 1024, dem Ge- denktag von Mariä Geburt seine feierliche Krönung statt. Sie war mit einem Umzug zum Mainzer Dom verbunden, wo Konrad sichtbare Beweise seiner Fähigkeit in den wichtigen Herrschertugenden, der clementia (Milde), der misericordia (Barmherz-igkeit) und der iustitia (Gerechtigkeit) leisten musste. Nach dieser Krönungszeremonie folgte der Königsumritt Konrads von Mainz über Köln nach Aachen. Dort nahm er Platz auf dem Thron Karls des Großen, um sich damit bewusst in die Nachfolge der karolingischen Tradition zu stellen.

aachen-thron-karl-der-grosseSeitenansicht des Thronsitzes Karls des Großen

Dieser Thron ruht auf einem von vier Säulen getragenen steinernen Podest, die die Vor- stellung einer vom Weltenherrscher regierten Erde repräsentierten. Dabei erinnerte die vier an die Lehre der vier Elemente, wie an die vier Himmelsrichtungen der Erde, oder die vier biblischen Paradiesflüsse. Hinter diesen Thron vermutet man, dass hier einst ein dem hl. Michael geweihter Altar gestanden hat. So durfte der hier Gekrönte auf dem Königsstuhl Platz nehmen und darauf vertrauen, dass ihm der Erzengel wortwörtlich `den Rücken stärkte´. Diese Vorstellung passt auch zu einer Weihehandlung die Karl der Große im Jahr 813 durchführte. In diesem Jahr endete das Konzil in Mainz, wo Karl seine Staaten und seine Banner dem Erzengel Michael mit dem Spruch weihte: ` Von nun an trägt das Reichsbanner das Bildnis des Erzengels und die Inschrift: Ecce Michael, Princeps magnus, venit in adiutorium mihi´ (Das ist Michael, der große Fürst, er kommt mir zu Hilfe).

michael-und-der-dracheDer Erzengel Michael erschlägt den Drachen (spanische Illustration aus dem späten 14. oder frühen 15. Jahrhundert), unbekanner Maler

Der Sonnenaufgang an beiden Tagen, dem Gedenktag Michaels als einer der ideellen Stützen des karolingischen Reiches, sowie Maria Geburt, ein wichtiger Feiertag und Krön- ungstermin Konrads erklärt nun auch die Ausrichtung des Kirchenschiffes. Zwar glaubt der österreichische Ingenieur Reidinger, dass allein das Datum des Michaelitages dafür ausreicht, doch dieses Datum würde nur beim Sonnenstand im gregorianischen Kalender zutreffen. Ein interessantes Detail in der langen Ausführungszeit des Domes zu Speyer stellt der Achsknick innerhalb der Vierung und des Chorabschlusses dar. Fast scheint es, dass hier Unentschlossenheit oder auch ein Messfehler vorliegen könnte. In einer großen Dokumentation von Hans Erich Kubach , Walter Haas und Dethard von Winterfeld (Der Dom zu Speyer, 3 Bände, Berlin 1972) wurde die Meinung vertreten, dass dieser Knick bereits in den Fundamenten der Krypta erfolgte und somit zu diesem Zeitpunkt Teil eines Gesamtplanes war. Da das Patrozinium St. Maria und St. Stephan also seit Anbeginn bestand musste dieser, seit der Spätantike beliebte Heilige auch in das Gesamtkonzept integriert werden. Sein Feiertag wird aber am 26. Dezember gefeiert und so bedurfte es eines spätren Kunstgriffes um diesen Sonnenaufgang in den Plan zu integrieren. Der Gedenktag des heiligen Stephanus ist der 1. Feiertag nach dem Weihnachtsfest und zugleich der Gedenktag des ersten christlichen Märtyrers. Er galt als Mann der Wunder, der in seiner Bedeutung an die Apostel heranreichte. Stephanus war der erste von sieben Diakonen der urchrist- lichen Gemeinde in Jerusalem. Gemäß den Überlieferungen wurden sie von den Aposteln durch Handauflegung geweiht,

stephanusDer hl. Stephanus, Altartafel von Hans Memling, um 1480

Eine seiner Predigten brachte Stephanus in Konflikt mit den hellenistischen Juden in Jerusalem. Als er während seiner Verteidigungsrede dem hohen Rat seine Vision mitteilte, dass er Jesus zur Rechten Gottes sehe, wurde er als Gotteslästerer beschuldigt. Eine empörte Menge soll ihn dann vor dem Damaskus-Tor gesteinigt worden sein. Mit der 484 durch Kaiserin Eudokia erbauten Stephanuskathedrale begann sich seine Verehrung im römischen Reich auszubreiten. Wundersame Ereignisse gab es im Leben des Stephanus ebenso, wie bei der Auffindung und die Wanderung seiner Relikte von Jerusalem über Konstantinopel, 1104 nach Venedig und dann später nach Speyer. Schon bei Stephanus zeigte es sich, dass die Vielzahl seiner Reliquien, von denen allein drei Arme überliefert sind, der Machtpolitik von Adel und Kirche dienten. Zudem bildeten sie für alle Kirchen und Klöster in denen sie aufbewahrt wurden, einträgliche Geldquellen durch die Pilger.

speyer-dom-ausrichtungAusrichtung des Domes (umger. Jul. Kalender)

Zur Zeit des Baubeginns des Domes waren die Reliquien allerdings noch in Konstantin- opel, so dass der Stephanustag als einziger Anhaltspunkt einer Ausrichtung dienen konnte. Betrachtet man nun den Sonnenaufgang an diesem Tag, so weist die Winkelhalbierende des Chores den Punkt am Horizont, wo die Sonnenscheibe genau über dem Gelände steht. Diese Richtung teilt den südlichen Teil es Chores in zwei gleiche Teile mit dem symbolischen Winkelwert 33°.

Bilder: Wikipedia/ Ostseite des Kaiser- und Mariendoms zu Speyer, Alfred Hutter / Seitenansicht des Thronsitzes Karls des Großen , Torsten Maue / Der Erzengel Michael erschlägt den Drachen (spanische Illustration aus dem späten 14. oder frühen 15. Jahrhundert), unbekanner Maler, Metropolitan Museum NY / Simulation, Sunearthtools

 

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