Das Fenster zum Himmel – Kaiserdom Aachen

kaiserdom-o1Kaiserdom Aachen, Blick vom Katschhof

Der im Jahr 794 begonnene Bau übertraf an Größe alle Kirchen zu jener Zeit. Mit dem Zentralbau des Oktogons orientierte sich an byzantinischen und italischen Vorbildern wie San Vitale in Ravenna. Reste römischer Bauwerke, wie Baumaterial und Spolien aus dem gesamten ehemaligen römischen Reich wurden verwendet, um die Vision Karls des Großen zu realisieren. Die Maria geweihte Kirche bildete schließlich die Keimzelle eines völlig neuen Regierungsstiles, denn in den Jahren zuvor pflegte der junge König mit seinem Gefolge noch von Pfalz zu Pfalz zu reisen und verfügte so über keinen Mittelpunkt für seinen Hof. Doch Aachen war Knotenpunkt von Verkehrswegen und bot neben einem angenehmen Klima auch eine große Anzahl von Heilquellen. Ab 788 reifte deshalb Karls Entschluss hier den Mittelpunkt seines Reiches zu schaffen.

karlsschrein_karl_der_grosseKarl der Große, Darstellung auf dem Karlsschrein

Nicht nur das baukünstlerische Programm mit seiner durchdachten Symbolik, auch die Ausrichtung des Domes bietet einen Einblick in die Kirchen- und Machtpolitik von Karl dem Großen. So ist er doch fast genau nach Osten ausgerichtet, der Richtung in der sich im Orient die heiligen Stätten der Christentums befanden. Doch die winzige Abweichung von einem Grad zeigt die vielschichtige Heilskonzeption des Bauwerkes. Obwohl Maria geweiht, zielt die Gebäudeachse keinesfalls auf einen der Marienfeiertage. Wie beim Kaiserdom in Speyer, dienen auch hier zwei Patrone dazu, den Schutz der Kirche zu gewähren. Zum einen ist aus guten Gründen die Hauptpatronin Maria, deren Hochfest Annunziata zur Ausrichtung des Domes mit herangezogen wurde und zum anderen ist dies der heilige Michael. Frühzeitig hatte Karl der Große ihn zum Schutzpatron seines Reiches erkoren und ihm war auch ein Altar geweiht der sich hinter dem Kaiserthron befand.

pfalzkapelle-plan-01Ausrichtung des Domes

marienschrein01Marienschrein, für die Heiltumsfahrt geöffnet

Während der Errichtung des Domes und auch in der Folgezeit hatte Karl eine Menge Reliquien in seinen Besitz gebracht. Neben seinem Talisman, der laut einer Legende eine Haarlocke der Jungfrau Maria enthalten soll, hatte der Dom aus Jerusalem vier wichtige Relquien zu seiner Eröffnung erhalten. Die fränkischen Reichsannalen berichten, dass zur Eröffnung das Kleid Mariens, die Windeln Jesu, sowie sein Lendentuch und das Enthauptungstuch von Johannes dem Täufer ausgestellt wurden. Heute werden diese Reliquien, die alle mit einem farbigen Seidenband umwickelt sind, im Marienschrein aufbewahrt, der sich in der gotischen Chorhalle des Domes befindet. Schon zu Zeit Karls des Großen stieß dessen Reliquenbegeisterung keinesfalls auf ungeteilte Zustimmung. Einer seiner der wichtigsten Berater, der frühmittelalterliche Gelehrte Alkuin schrieb damals an Erzbischof Ethelhard von Canterbury, dass er den aufkommenden Brauch, Reliquien um den Hals zu tragen, unterbinden möge. Seiner Auffassung zufolge sei es besser, die Vorbilder der Heiligen mit dem Herzen nachzuahmen, als nur ihre Knochen in Säckchen herumzutragen. Die Worte des Gelehrten verhallten ebenso, wie die anderer Kritiker, denn die Reliquenschau erfreute sich rasch großen Zuspruches unter den Gläubigen. Bereits zu Karls Zeiten kamen die ersten Pilger nach Aachen und während des Mittelalters entwickelte sich die Aachener Heiltumsfahrt zur bedeutendsten Wallfahrt im deutschsprachigen Raum. Nach der Heiligsprechung Karls des Großen stand dabei der Karlskult und die Verehrung des Gnadenbildes im Vordergrund. Im Laufe des Mittelalters rückten dann die erwähnten textilen Reliquien immer mehr in den Vordergrund. Auch spöttische Beschreibungen über die in Aachen ausgestellte Kleiderkammer des Herrn taten der religiösen Begeisterung keinen Abbruch. Während der Reformation ließ das Interesse an der Heilstumsfahrt spürbar nach und wurde im 18. Jhd. sogar verboten. Doch heute steigt die Pilgerzahl wieder unaufhörlich an.

michael-raffaeloRaffael, Der heilige Michael tötet den Dämon

Beide, Maria und Michael erwiesen sich auch in der Zukunft noch als prägende Gestalten der Geschichte. Nach der Teilung des Frankenreiches wurde Michael der Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches und lebt heute als Spottbezeichnung im Deutschen Michel weiter. Marias Rolle in der Einigungsgeschichte Europas wurde an den Rand gedrängt. Nur noch wenige Orte, wie Wallfahrtskapelle Maria, Mutter Europas, auf dem Großen Heuberg über dem Bärenthal im Schwarzwald, erinnern noch an ihre einstige Rolle. Ganz entgegen ihrem heutigen Bild erfüllte sie in den knapp ein Jahrtausend anhaltenden Kriegen gegen den Islam die Funktion einer antiken Schlachtengöttin die den Sieg garantieren sollte. Bestärkt im Glaube an sie gelang die Rückeroberung Spaniens und sie verhalf ebenso zu den wichtigen Siegen bei den Schlachten in Lepanto und am Kahlenberg bei Wien. Im Zeichen Europas lebt sie aber bis heute fort, denn das Blau ihres seit dem Mittelalter beliebten Schutzmantels wurde zum Blau der europäischen Flagge und der in vielen Bildern auftauchen Sternenkranz mit den 12 Sternen lebt in den 12 Stern- en der Flagge weiter. Insofern folgt der Staatenverbund antiken Traditionen, wo Städte oder auch ganze Staaten einer weiblichen Schutzgottheit unterstellt wurden.

Bilder: Wikipedia / Blick vom Katschhof am Abend, 2007 א (Aleph) / Karl der Große auf der Frontseite des Karlsschreins, ACBahn / Raffael, Der heilige Michael tötet den Dämon/ Simulation, sunearthtools

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