Jenseitsberg Mutteristock

mutteristock-b Mutteristock

Der Mutteristock liegt im Kanton Schwyz, dem wichtigsten der drei Urkantone der Schweiz. Mit einer Höhe von 2294 m ist der Mutteristock der höchste Berg des Wägitales und bietet eine herrliche Aussicht über die Kantonsgrenzen hinweg. Im Jahr 1846 wird der Berg noch Rädertenstock, aber bereits auch Mutteriberg genannt. Mit dem letzteren Namen ist er ab 1854 auf den topographischen Karten des Landes zu finden. Auf den ersten Blick scheint der Name sich aus dem Wort Mutter entwickelt zu haben. Eine der Erklärungen für den Namen ist seine Lage mit den landwirtschaftlich genutzten Hochlagen die auf eine nähernde Funktion des Berges verweisen. In der althochdeutschen Sprache gab es das Wort mutti, das sich aus dem germanischen mudjuz, der Scheffel entwickelte. Auch das Kornmaß des Scheffels verweist hier auf den Aspekt des Nähernden. Das Wort wurde in der gleichen Bedeutung auch noch im Mittelhochdeutschen als mutte benutzt. Zusätzlich gab es die beiden gleichbedeutenden Verben mutter und mezzen, wobei im letzteren bereits das heute gebräuchliche messen durchscheint. Mezzen hatte aber auch noch die Bedeutung richten an, oder wenden an. Gerade diese Haltung führt wieder zur Bedeutung des Berges zurück.

kailash-nordseiteNordseite des Kailash

Auch das Christentum hat die Tradition heiliger Berge aus vorchristlichen Zeiten übernom- men. Dafür gibt es wohl plausible Gründe. Zum einen assoziiert die Höhe eines Berges eine größere Nähe zu himmlischen Mächten und zum anderen hatten Berge wie bereits geschildert seit jeher eine nährende Funktion. Meist entspringen Wasserquellen an ihren Abhängen die für das Gedeihen von Feldfrüchten notwendig sind. Zudem bieten diese Abhänge oft Weide- und Jagdgründe. Darüber hinaus bergen sie in vielen Fällen Boden-schätze die den Reichtum eines Landes ausmachten.

bussenBlick von Heudorf zum Bussen, der heilige Berg Oberschwabens

In ihrer Rolle als Wetterscheiden stellten Berge darüber hinaus auch optisch immer eine Verbindung mit göttlichen Mächten dar. Wohl auch deshalb wurden sie wie der Mount Kailash in Tibet zeigt, oft mit Muttergottheiten in Verbindung gebracht. So bietet der Name Mutteristock also doch eine Spur zu jenen Muttergottheiten, die heute in Gestalt weiblicher Heiliger verehrt werden. Doch bislang verweisen dort keine Funde auf einen solchen Bezug hin. Einzig das im Südwesten des Mutteristockes, bei Unterlunkhofen liegende Feld von Hügelgräbern, bietet hier einen Bezugspunkt. Mit seinen 63 Grabhügel im Bärhau ist die Anlage der größte bekannte Friedhof der Hallstattzeit der Schweiz. In den im 8. Jahrhundert v. Chr. errichteten Grabhügel wurden jeweils einer oder auch mehrere Tote bestattet. Mehrheitlich wurden sie kremiert und in tönernen Urnen beigesetzt. Zusätzlich erhielten sie, wie es in dieser Zeit üblich war, Gefäße aus Keramik mit ins Grab, in denen sich Speisen und Getränke befanden. Dass die Anlage gerade hier errichtet wurde zeigt die Verbindung zum Mutteristock, denn vom Gräberfeld aus ist der Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende über dem Gipfel des Mutteristock zu sehen. Eine Auffälligkeit kelt- ischer Hügelgräberfelder in ihrer Richtung zu kultischen Orten war schon dem Heiden-heimer Forscher Dr. Gottfried Odenwald aufgefallen. Er publizierte seine Untersuchung in den 1930-er Jahren in der Ausgabe 8 der geographischen Hefte. Bei der statistischen Auswertung von Hügelgräbern entdeckte er eine Abhängigkeit zu benachbarten Kelten-schanzen, die zu dieser Zeit noch mehrheitlich als Kultorte identifiziert wurden.

unterlunkenhofen-huegelgraeberHügelgräber und Mutteristock

Während Odenwald eine geringe Zahl von Hügeln im Nordwesten der Schanzen fest- stellen konnte, fand er aber eine große Häufung von Grabhügel im Südwesten und im Südosten der Keltenschanzen. Sie hatten also klare räumliche Bezüge, die auf eine Ausrichtung zum Sonnenauf- und Untergang zur Wintersonnenwende hindeuteten. Heutigen Archäologen scheinen diese Erkenntnisse vollkommen gleichgültig zu sein. Doch der Sonnenaufgang war an diesem Tag nicht das einzige Schauspiel am Himmel, denn kurz nach Sonnenuntergang stieg dort der das Sternbild des Orion auf. Der war dann über dem Mutteristock zu sehen, wenn auch der ihm nachfolgende Stern Sirius sichtbar war. Auf Orion könnten auch die Anhänger hinweisen die in Grab 62 gefunden wurden. Sie stellen androgyne Figuren dar die bislang als Fruchtbarkeitssymbole gedeutet wurden. Damit könnte der Mutteristock das Relikt eines kulturellen Gedächtnisses sein, das in den Kantonsallegorien des 17. Jahrhunderts weiterlebt. Ähnlich den Stadtstaaten des Vorderen Orients, in den Göttinnen den Schutz garantierten, waren dies Frauenge-stalten die den einzelnen Kantonen zugeordnet wurden. Alle zusammen werden von der Helvetia vertrete, die erstmals im 17. Jahrhundert auftauchte und zur Identifikationsfigur der Eidgenossenschaft wurde. So könnte der Ursprung all dieser Vorstellungen wohl im Bild einer vorchristlichen Berggöttin liegen, die im Mutteristock wohl auch den Zugang zu einer Anderswelt verkörperte.

Bilder: Der Mutteristock aka. Mutteriberg 2294m Cyrill / Wikipedia/ ie Nordseite des Kailash, I, Ondřej Žváček/ Blick von Heudorf zum Bussen, Andreas Praefcke / Simulation: Sunearthtools, Stellarium

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