Ellwangen und sein Elch

Der heilige Hariolf mit der Stiftskirche von Ellwangen, um 1600

Auch die Gründung der Stadt Ellwangen wird auf ein wundersames Ereignis zurückge-führt. Dieses wird in der Vita Hariolfi, der Lebensbeschreibung des Gründers Hariolf, ge- schildert. Das Dokument, das die Umstände der Gründung Ellwangens erklären soll, zählt zu den wichtigsten Dokumenten der Stadt. Darin wird geschildert wie Hariolf im Virngrund- wald jagte und er und seine Begleiter einen großen Elch entdeckten. Nach langer Jagd gelang es ihm schließlich den Elch zu erlegen und Hariolf schlief darauf ermüdet ein. Doch im Traum hörte er plötzlich den Schall von Glocken. Hariolf erwachte, stand auf und bekreuzigte sich. Anschließend schlief wieder ein, aber der Traum verfolgte ihn erneut. Als er im Traum die Glocken zum dritten Mal vernahm, fragte er einen Mann aus seinem Gefolge: `Hast Du nichts gehört? Doch, ein Aushallen von Glocken vernehme ich.´ Das Erlebnis erschütterte ihn so sehr, dass er von diesem Zeitpunkt an allen Freuden der Welt entsagte und ein Anhänger Christi wurde. Zusammen mit seinem Bruder, einem Bischof, errichtete er schließlich im Jahre 764 an der Stelle, wo er seine Traumvision hatte das Benediktinerkloster Ellwangen.

Elchbulle mit ausgeprägtem Kinnbart

Die Vita wurde vom Ellwanger Mönch Ermenrich, dem Sohn einer schwäbischen Adels-familie, wahrscheinlich in der Mitte des 9. Jahrhunderts verfasst. Emmerich galt als angesehener Schriftsteller, aus dessen Feder mehrere Viten stammten, wie des Sualdo aus Solnhofen und des heiligen Magnus aus Füssen. Hariolf, der später heilig gesprochen wurde, stammte aus einer bajuwarisch-alamannischen Adelsfamilie. In der Vita wird Hariolf als verdienstvoller Bischof der Abtei von Langres geschildert. In der dortigen Bischofsliste ist auch für die Jahre 759-772 ein Bischoff Herulphe, St. Herulphus oder Hanolfus vermerkt. Die deutsche Form des Namens Hariolf setzt sich aus dem althoch-deutschen Wort heri,  das Heer und der Bezeichnung des Wolfes zusammen. Hariolf kann also im übertragenen Sinn, wie der Heerwolf des Glaubens gesehen werden. Er wurde in einer Stadt ausgebildet, die bereits im 4. Jahrhundert christianisiert wurde undgleich mehrere Heilige hervorgebrachte. Hariolf hatte also  die besten Voraussetz- ungen um Ellwangen zu einer Erfolgsgeschichte zu machen.

Alamannen Krieger

Wohl weil es Unsicherheiten in seiner Biographie gab und die Geschichte des Elchs gar zu abenteuerlich klang, verwarfen Historiker schließlich den ursprünglichen Grund der Namensentwicklung. Sei es aus Unkenntnis der örtlichen Situation, oder auch aus mang- elnder Kenntnis der einst verwandten Symbole, ist heute in der offiziellen Darstellung von einer alamannischen Siedlung die Rede. Ein malerisch, abschüssiger Wiesenhang, so wird vermutet, wurde damals Weideland des Alaho genannt. Auf die Erklärung eines Stadtnamens mit einem vermeintlichen Adligen trifft man häufig. Mit ein Grund ist wohl auch das patriarchalische Geschichtsverständnis. Dabei wäre es viel sinnvoller, den Ort und seine Eigenschaften näher zu betrachten. Im Jahr 764 wurde das Benediktinerkloster in Ellwangen gegründet, also nur 18 Jahre nach dem der Merowinger Karlmann beim Blutgericht in Cannstatt die führende Adelschicht der Alamannen beseitigen ließ. Dies lässt erkennen, wie zügig und effizient die Missionierung des süddeutschen Raumes erfolgte.Dass der Ort des Klosters sicher schon vor der Christianisierung eine Bedeutung hatte, zeigen auffällige Sichtbezüge zum Schönenberg, dem Schlossberg, dem Buch- enberg und auch dem im Osten liegenden Galgenberg.

St Vitus und der Sonnenkalender

Während sich vom Klosterstandort die nördliche Mondwende über dem Schönenberg abspielt, ist über dem Schlossberg der Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende an der nördlichen und der am 1. Mai auf der südlichen Seite zu sehen. Ein Tag zuvor, der alpurgisnacht, war von hier aus der Sonnenuntergang über dem Galgenberg zu sehen. Wohl ein Grund warum gerade hier der Stadtgalgen errichtet wurde.Für einen frühgeschichtlichen Sonnenkalender am Standort des Klosters war der Schlossberg also ein idealer Zeitzeiger. Diese solare Beziehung führt zurück zum eigentlichen Ausgangs- punkt der Hariolflegende, dem Elch. In der althochdeutschen Sprache wird der Elch elah* genannt, also eine ähnlicher Lautfolge wie der vermutete alamannische Eigenname Alaho. Das Wort entwickelte sich aus dem germanischen *algi-, *algiz, wobei Algiz ebenso eine Rune bezeichnet. Algiz bedeutet Schutz, doch in der gotischen Bedeutung wurde darin ein Schwan gesehen.

Basilika St Vitus

Der Bezug des Klosters zur Sommersonnenwende lässt auch den heilige Vitus, als Patron der Klosterkirche plausibel erscheinen, denn sein Gedenktag wird am 15. Juni gefeiert, also kurz vor der Sommersonnenwende. Mit St. Veit (Vitus)  verbindet sich auch das Glockenmotiv, denn in einem alten Spruch der Volksfrömmigkeit heißt es: `Heiliger St. Veit / wecke mich zur rechten Zeit; / nicht zu früh und nicht zu spät, / bis die Glocke … schlägt. Auch der Elch lässt sich wie der Hirsch mit dem neuen Glauben in Verbindung bringen. Als Jagdtier war er dem Hirsch gleichgesetzt. Der wurde als einstiges Symbol der Fruchtbarkeit in Gestalt des Cernunnos nun zum Symbol von Christus. Doch der Blick hinauf zum Schlossberg, wo die Sonne an zwei wichtigen Kalenderdaten erscheint, bietet noch eine weitere Erklärung für den Stadtname, das lateinische Wort elevare, erheben.

Wikipedia:Der heilige Hariolf mit der Stiftskirche von Ellwangen, um 1600, Basilika St. Vitus / Elchbulle mit ausgeprägtem Kinnbart / Das ehemalige Jesuitenkolleg und die Stiftskirche / Elch / Simulation sunearthtools

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