Schlange, Schwan und Baldenstein

Ruine Baldenstein (Altes Schloß), oberhalb des Fehlatals

Einst stand hier die stolze Burg des gewaltigen Raubritters Kunibert. Diese Burg zierten 5 Türme und auf einem von ihnen saß ein sprechender Hahn. Da der Hahn so umsichtig war und alles sah, konnte der Ritter ohne Sorge um seinen Besitz zu neuen Raubzügen aufbrechen. Doch er ahnte nicht, dass ihn einst eine Hexe bei dem Handel mit seinem Sohn betrogen hatte. Tief im Keller von Baldenstein musste seine schöne Tochter Walburga den Schatz hüten. Dabei war sie so schön, dass all der Glanz des Goldes neben ihr verblasste. Eines Tages kam aber ein Königssohn in seinen schönsten Kleidern, verbeugte sich vor der Schönheit und setzte ihr ein goldenes Krönlein auf. Frisch verliebt, gingen beide eng umschlungen durch den Burggarten, doch niemand achte auf die Gefahr. Als Kunibert von seinem Raubzug zurückkehrte schrie er: `Beim Teufel, wie ist das zugegangen? Geht da mein einzig Kind mit einem fremden Manne und trägt ein goldenes Krönlein auf dem Haupt. Das wird aus meinem Schatze stammen, den ich zu hüten ihr geboten! Du Schlange, Du erbärmliche!´, fluchte er in wildem Zorn und zückte sein blutiges Schwert. Mit voller Kraft stieß er es dem Königssohn in den Rücken und tötete ihn. Als Walburga niederkniete erhob ihr Vater das Schwert ein zweites mal und da erfüllte sich ein alter Fluch. Walburga verwandelte sich in eine Schlange mit giftgrünen Augen und zischelnder Zunge. Kurz darauf wurde Kunibert von den Wachhunden der Burg aufge-fressen. Die leere Burg wurde bald darauf von Plünderern verwüstet. So blieb der Ver- wunschenen nur die Hoffnung auf Erlösung von dem Fluch. Den konnte aber nur ein Neugeborenes aus dem Fehlatal bringen. Wird im Tal ein Kind geboren, so soll man noch heute in den Wurzeln, wo die Schlange lebt, einen Jubelschrei hören. Hier hofft sie noch immer dass sie einst von ihrem Bann erlöst wird.

Schlangentöter im Mittelalter

Die Burg Baldenstein, in der die Verwunschene noch immer ausharrt, wurde um 1050 bis 1100 von den Grafen von Gammertingen erbaut und diente ihnen vermutlich als Stam- msitz. Das Dorf am Fuße der Burg gelangte über eine Schenkung in die Hände des Klosters Zwiefalten. Das Geschlecht der Grafen überdauerte kaum 100 Jahre und nach dessen Ende gelangte die Burg in die Hände der Grafen von Veringen. Danach muss sie aufgegeben worden sein und geriet rasch in Vergessenheit. Erst 1933 wurde sie wieder entdeckt und ihre Ruine freigelegt. Ihr Name Balde ist heute in seiner ursprünglichen Bedeutung nicht gebräuchlich. Bereits im Mittelhochdeutschen begann sich die heutige Bedeutung bald , unverzüglich, oder plötzlich durchzusetzen. Doch im ursprünglichen Ge- brauch war es die Kurzform von baldheri, einer Zusammensetzung aus den Worten kühn und Heer. Der Baldenstein kann also als Burg der Kühnen und Wagemutigen gedeutet werden.

Blick ins Fehlatal

Ottonische Königskrone (Domschatz Essen)

Das Goldene Krönlein der Tochter Krone ist mithin auch ein Ausdruck der herrschaftlichen Würde, der Macht und der Weihe. Sie verweist auf die reifartigen Kronen, den Symbolen des Königtums. Hinter der ringartigen Struktur einer Krone steht auch die Symbolik des Kreises, der Aspekte wie Vollkommenheit und Unendlichkeit verkörpert. Sie führen zur alten Verbindung von König und Gottheit. Auch bei deren Darstellungen taucht oft eine Krone in Gestalt einer Sonnenscheibe auf. Sie spielte auch bei der Ausrichtung von Baldenstein eine wichtige Rolle, denn auch im 11. Jahrhundert lebte die vorchristliche Tradition weiter sich mit Hilfe von Ausrichtung den Schutz von himmlischen Mächten zu versichern. In dieser Zeit ist es aber nicht mehr der Zeitpunkt der Sommersonnenwende die sich auf dem Felssporn angeboten hätte, sondern der in unmittelbare Nähe liegende Gedenktag von Johannes dem Täufer. An diesem Abend steht die Sonne in der Burgachse direkt auf der Horizontlinie.

Baldenstein und Schwan

Da in der christlichen Theologie der Erlöser als verus Sol konzipiert wurde , wurde auch dessen Verkünder, der letzte große Prophet mit der Sonne in Verbindung gebracht. Diese Verbindung zur Sonne zeigt sich auch der Lebensgeschichte des Johannes, in der Geburts- und Todesort auf der Linie der Sonnenwenden liegen. Auch sein Tod mit der Enthauptung verweist auf den vorchristlichen Brauch, der rituellen Tötung von Sonnen-göttern. Sie wurden getötet, damit die zur Zeit der Wintersonnenwende wieder neu gebor- en werden könnten. Allein mit Johannes glaubten die Burgherrn wohl noch keinen voll- kommenen Schutz der Burg zu erreichen. Dafür sorgte dann der Schwan als Zeitgeber. Der erinnerte am Morgen des 15. August mit seiner Letztsicht an den Feiertag Mariä Himmelfahrt. Das Motiv des Schwanes führt zurück zum Name der Burg Baldenstein, die Burg der Wagemutigen. Kein Tier verkörperte in den damaligen Vorstellungen Edelmut und Kühnheit mehr als der Schwan.

Bilder: Wikipedia/ Ruine Baldenstein, auch Altes Schloß genannt. Oberhalb des Fehlatals bei Gammertingen, Pentachlorphenol / Ottonische Krone aus dem Essener Domschatz , Martin Engelbrecht / Simulation Sunearthtools, Stellarium

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