Ellwangen und der Jagesgouwe

Schloss Ellwangen

Eine um 1200 von Abt Kuno I erbaute Burg wurde zur Keimzelle des Schlosses ob Ellwangen. Sie wird im Jahr 1266 als castrum Ellwangen erstmals in Urkunden erwähnt. Ab der Renaissance änderte sich jedoch der Zweck der Burg , denn im Jahr 1460 wurde sie zur Residenz der Fürstpröpste, die den Rang von Reichsfürsten einnahmen. Eine grundlegende Änderung der Bausubstanz nahm Fürstpropst Johann Christoph von Westerstetten vor, denn er ließ von 1603 bis 1608 die Anlage als Renaissance-Schloss umgestalten. Aus dieser Zeit stammt auch der Arkadeninnenhof und die vier Ecktürme. Die trapezförmige Anlage schafft Raum für einen spannungsvollen Innenhof, der ganz auf eine theatralische Inszenierung ausgerichtet ist. Doch in der dieser Zeit wurde die Komposition des Raumes nicht allein dem Gefühl überlassen. Jeder Effekt wurde klar kalkuliert und wies darüber hinaus symbolische Bezüge auf. Sie spiegeln die Zeitge-schichte wieder, denn Luthers Thesen hatten die Welt des Glaubens radikal verändert und eine entschiedene Reaktion der Katholischen Kirche herausgefordert.

Schloss Ellwangen Innenhof

17 Jahre nach Luthers Thesenanschlag gründete 1534 Ignatius von Loyola den Jesuiten-orden. Von Papst Gregor XIII. entschieden gefördert, hatte er einen bedeutenden Anteil an der Gegenreformation, zu deren künstlerischem Ausdrucksmittel später der Barockstil zählte. Der im Kirchenbau auch als Theatrum Sacrum bezeichnete Stil beeinflusste genauso auch die Palastbauten des Adels. Die Gegenreformation förderte auch tatkräftig den am Ende des Mittelalters wieder abgeflauten Marienkult. Maria wird nun gerne als hoheitsvolle Herrscherin, Regina Coeli, oder als Immaculata, die Unbefleckte dargestellt. Während das Kreuz zum Symbol der Evangelischen Kirche wurde, wurde das Altarsakrament, die Hostie und deren Verehrung zu einem abgrenzenden Kennzeichen der katholischen Lehre. Die Verehrung des Sakramentes, wie die der Maria, wurde in aufwendig inszenierten Prozessionen gefeiert. In der damaligen Vorstellung zertrat sie den Kopf der Schlange, des Satans, und galt auch als die Siegerin aller Schlachten Gottes. Ganz deutlich ist hier die Auffassung einer Schlachtenlenkerin zu spüren, deren Hilfe ja bei der Reconquista und der Eroberung Südamerikas von Erfolg gekrönt war. Ihrer Bedeutung angemessen, floss auch ein wichtiger Gedenktag Marias in die Konzeption des Schlosses mit ein. So wurden die Schrägen nicht durch das subjektive Raumgefühl bestimmt, sondern ganz passend zu den geistlichen Schlossherrn und deren Marienverehrung vom Sonnenauf- und Untergang zu Mariä Geburt.

Ausrichtung des Schlosshofes in Ellwangen

Die Lage des Schlosses weist aber noch auf eine Verbindung auf, in die frühe Geschichte der Region zurückreicht. So bestimmt der Sonnenaufgang am 2. Februar eine Linie, die vom Einkorn bei Schwäbisch Hall. über den Schlossberg in Ellwangen, zum Schloss Baldern, bis zum Hexenfelsen auf der Marienhöhe bei Nördlingen führt. Die Geschichte des Einkorns, der bis zum18.Jahrhundert für das Wallen auf den Einkorn bekannt war , begann bereits in der Steinzeit. Zahlreiche hier gefundene Werkzeuge deuten auf eine rege Siedlungstätigkeit zur dieser Zeit auf dem Berg hin. Der Endpunkt der Linie, eine einst unbewaldete Kalksteinstruktur im Süden Nördlingens, diente im Mittelalter als Galgenberg und als Brandstätte während der hier intensiv betriebenen Hexenverfolgung. Später bekam der Ort anlässlich der Hochzeit von Kronprinz Maximilian von Bayern mit Marie von Preußen im Jahr 1834 den gefälligen Namen Marienhöhe.

Sicht auf Capella am Tag Epiphanias ( 8. Jhd.)

 

Der Schlossberg ragt in das Flusstal der Jagst, deren Name von der einstigen Land- schaftsname Jagesgowe stammt. Der wurde erstmals 768 in Urkunden erwähnt. Auch hier wurde ein keltischer Ursprung des Namens gesehen, doch deren Epoche lag zum   Zeitpunkt der Namensentstehung schon gute 1000 Jahre zurück. In der mittelhoch-deutschen Sprache gab es das Wort jagōn*. Das entwickelte sich später im Hoch- deutschen zu jagen, mit den Bedeutungen jagen oder verfolgen. Damals waren aber auch noch die Bedeutungen `in die Fluchtschlagen´ oder `vertreiben´durchaus  gebräuchlich. Neben dem bereits in keltischer und auch in römischer zeit gerühmten Heilmittel Wasser wurden Wasserläufe einst auch als Gottheiten verehrt. Dadurch bekamen sie auch eine mythologische Bedeutung für die Landschaft. Ein letzter Rest der alten Vorstellungen ist heute wohl im Fluss als Sinnbild für das Verfließen der Zeit enthalten. Während der Entstehung des Namens Jagesgowes wurde die auch in Fließrichtung der Jagst gezeigt. Am Ende der 12 Rauhnächte, als die Dämonen des alten Jahres endgültig vertrieben waren und dem neuen Jahr Platz gemacht hatten, markierte der Stern Capella den Tag Epiphanias.  In Fließrichtung der Jagst war er an diesem Morgen zum letzten mal sehen.

Bilder: Wikipedia/ Ansicht des Schlosses ob Ellwangen (1627) / Innenhof (2014) Grzegorz1964 / Simulation Stellarium, Sunearthtools

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