Die Baumeister vom Hegelesberg

Siedlung Hegelesberg

Die Erschließung eines Gewebegebietes in Kirchheim-Teck war der Anlass für die Unter-suchung eines Siedlungsgebietes am Rande der Alb. Die Lage, die Bezugspunkte, aber auch die Ausrichtung der Gebäude offenbaren trotz der zwischen Gewerbebauten eingezwängten Situation ein längst verloren gegangenes mythologisches Verständnis. Die Lage der Siedlung ist leicht erhöht über dem Lautertal und mit guter Sicht zum Albtrauf. Die Prospektion des Geländes offenbarte mehrere Zeitepochen, wobei die entscheidende Siedlungsperiode einen Zeitraum um 5400 Jahren v. Chr. umfasste. Es ist die Zeit des Überganges von der Mittelsteinzeit zur Jungsteinzeit. Dieser Kulturwandel ging mit Veränderungen der Erdoberfläche einher die weitreichende Auswirkungen hatten. Der Wasserspiegel der Weltmeere war seit der letzten Eiszeit so weit angestiegen, dass Britannien endgültig vom europäischen Kontinent abgetrennt wurde und über die Enge des Bosporus das erste Salzwasser in das noch viel tiefer liegen Schwarze Meer eindrang. Das Klima des Atlantkiums, ein in der Geschichte zyklisch auftauchendes Klimaopitmum, dessen mittlere Temperatur 2° höher war als heute, begünstigte die Ausbreitung einer neuen Kultur, die der Brandkeramiker. Vergleichbare Kulturen, wie die Vinča-Kultur gab es zu dieser Zeit auf dem Balkan. Deren Charakteristikum waren Keramikfiguren die Misch- wesen darstellten und unbemalte Keramik mit Zeichen die heute als Schriftzeichen ge- deutet werden.

Sitzende Vinča-Figur

Allein die Bezeichnung der Kultur an Hand ihrer Keramik wird jedoch der Leistung im Bereich des Bauens keineswegs gerecht. Betrachtet man die von Archäologen auf- gelisteten Werkzeuge wie Silexbeile und Grabstöcke, sind die am Hegelesberg gefund- enen Gebäude geradezu erstaunlich groß. Sie entsprechen dem Typ der Langhäuser, die noch in der knapp 1000 Jahre später existierenden Michelsberger Kultur errichtet wurden. Kräftige Baumstämme dienten als Tragwerk. Sie wurden mit einem Gemisch aus Kasein und Rinderblut isoliert, in Gruben versenkt und mit Stampflehm fest im Boden justiert. 3 oder 5 so eingespannte Stützen bildeten je eine Hausachse mit einer Breite von bis zu 13m. Diese Langhäuser konnte Seitenlängen von bis zu 40m erreichen. Die Baukultur jener Epoche brachte aber nicht nur die ersten Großbauten in Gestalt von Wohnhäusern hervor, sondern auch die bislang nur in zentral und Mitteleuropa gefundenen Kreisgraben-anlagen. Diese Sonnenkalender zeigen ein bereits weit entwickeltes astronomisches Ver- ständnis, das ebenso mythologische bestimmten Ritualen diente.

Ausrichtung Gebäude, Siedlung

Blick von der Limburg zum Erkenberg

Diese Verbindung von Bauen und Mythologie bestimmte auch die Siedlung am Hegel-esberg. Allein die Lage kann nicht nur durch die Anhöhe, oder Verbindungswege zu weiter südwestlich gelegen Siedlungen begründet werden. Sie wurde sicher auch durch die Sicht zur südöstlich gelegenen Limburg bestimmt, die von hier aus in einer Linie mit dem höh- eren Erkenberg zu sehen ist. So bilden die beiden Berge am 1. Februar einen Zeitzeiger, denn an diesem Morgen steht die Sonnenscheibe auf der Spitze des Erkenberges. Wie zur Limburg, weist der Siedlungsort auch einen Bezug zum Hohenstaufen auf, wo auf einer Wiese an dessen Südseite ähnlich dimensionierte Hausgrundrisse zu finden sind. Obwohl hier keine Sichtverbindung besteht, erfolgt vom Hegelesberg aus betrachte dort der Sonnenaufgang am 1. August, einem weiteren Datum eines 8-teiigen Kalenders. Wie die Lage der Siedlung astronomischen Gesichtspunkten folgte, ist dies auch bei der Ausrichtung der Gebäude zu erkennen. Ihre Ausrichtung wurde keinesfalls durch das Ge- lände oder die Sonnenrichtung bestimmt, sondern durch die Sichtung von Sternen. Das diese bevorzugte Richtung nicht nur am Hegelesberg gewählt wurde, sondern auch noch an anderen Orten, soll die nähere Betrachtung zeigen.

Siedlung Wallerstein

Zwei wesentliche Sternbilder bestimmten die Ausrichtung der Langhäuser, der Bärenhüter und der Schwan. Auch hier wurden aber nicht willkürliche Daten gewählt, sondern die Tage nach rituellen Gesichtspunkten bestimmt. So sind bei den Hausrichtungen 2 Daten zu identifizieren, die letzte Sicht des Sternes Deneb während des Herbstäquinoktiums und die erste Sicht des Sternes Arktur am 1. August. Da beide Daten mit der Ernte in Ver- bindung stehen, könnte die Hausrichtung mit den Feiern von Fruchtbarkeitsgottheiten in Zusammenhang stehen. Dass diese Ausrichtung nicht allein auf den Hegelesberg be- schränkt war, zeigt sich auch bei der neolithischen Siedlung die in der Nähe von Wallerstein im Nördlinger Ries gefunden wurde.

Lepenski, Hausgrundrisse

Eine vergleichbare Siedlung ist Lepenski Vir auf dem Gebiet der serbischen Gemeinde Majdanpek am Eisernen Tor an der Donau. Auch sie weist astronomische Bezüge auf die erst in jüngster Zeit von Wissenschaftlern des Departments of Physiks der Universität von Novi Sad untersucht wurden. Auch hier bilden die Sonnenwenden und die Äquinoktien über wichtigen Geländepunkten die Bezugspunkte, ebenso die Letztsicht der Plejaden am 1. Mai. Sie erklären auch die ungewöhnliche trapezförmige Gestalt der Häuser, denn ihre Geometrie deckt sich mit den Sternen des Asterismus. Die Zeit der Brandkeramik war wohl ie erste Epoche, in der das Bauen auch den Bezug der Menschen zu himmlischen Mächten zum Ausdruck brachte.

Wikipedia:Grundriss Hegelesberg, Landesdenkmalamt Württemberg, Sitzende Vinča-Figur, British Museum, London, Michel wal / Blick ins Neidlinger Tal(Erkenberg) R.kaelcke Simulation Sunearthools, Stellarium

 

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