Villa Longuich, der Traum vom Landleben

Blick auf die Villa urbana in Longuich

Der bürgerliche Traum vom beschaulichen Leben im eigen Refugium am Stadtrand hat seine Wurzeln im Römischen Reich. Dort vollzog sich im 2. Jahrhundert v. Chr. ein kult- ureller Wandel, dessen Sehnsüchte auch die Baukunst späterer Epochen immer wieder beeinflusste. Schriftquellen aus dieser Zeit bezeichnen Scipio Africanus, den großen Feldherr des 2. Punischen Krieges, als den ersten Patrizier der sich den Zwängen der politischen Präsenz in Rom durch das Leben auf seinem Landgut in Kampanien entzog. Dies war aber kein Rückzug aus der Gesellschaft, ähnlich den späteren Einsiedler-mönchen, sondern der Ort des Rückzuges bildete gleichzeitig einen gesellschaftlichen Mittelpunkt. Unter den Einflüssen der hellenistischen Kultur wurde der Aufenthalt auf dem Lande für immer mehr Römer der Oberschicht zu einem festen Bestandteil ihrer Lebens-kultur. Infolge dessen entstanden fernab der Machtzentren luxuriöse Landhäuser, in denen dieser neue Lebensstil gepflegt wurde. Dort konnte jetzt der Muße, dem otioum, gehuldigt werden. Sie wurde als Gegensatz des von geschäftlichen und politischen Zwängen be- stimmten Alltages, dem negotium, angesehen.

Villa des Plinius, Rekonstruktion Karl Friedrich Schinkel, 1842

Die Villa urbana spiegelt somit das gesellschaftlich-kulturelle Selbstverständnis ihrer Be- sitzer wieder. Da auch es in der Lage und in dem zur Verfügung stehendem Raum keine Beschränkungen im neu eroberten Land gab, hat sich hier kein einheitlicher Bautyp her- ausgebildet. Der Bauherr konnte mit der Wahl des Platzes auch seine subjektiven ästhet-ischen und klimatischen Ansprüche erfüllen. Villen, die dem Sommeraufenthalt dienten wurden daher eher in der Nähe von Bachläufen angelegt, während Gebäude die dem Auf- enthalt in der kälteren Periode dienten, eher bei heißen Quellen lagen. Für die ästhetische Komposition der Gesamtanlage waren aber nicht nur die Architekturelemente entscheid- end, sondern ebenso die Sichtachsen, die das Gelände mit der umgebenden Landschaft verbanden. So wurde dies bereits bei der inneren Raumdisposition berücksichtigt, wo der Aussichtsraum und die Terrassen gestaffelte Raumfolgen ergaben, die den Blick auf die Sichtachse freigaben. Um diese Verbindung von Innen- und Außenraum zu unterstreichen, entstand so das Peristyl, ein von Säulenhallen umgebener Innenhof, der seinen Ursprung in der griechisch-hellenistischen Baukunst hat. Der Peristyl zählte bereits in den Anfängen der Villa urbana zu einem der wichtigsten Elemente der gehobenen Villenarchitektur und ist in Longuich in Gestalt eines Arkadenumgangs verwirklicht worden.

Kopie der Villa dei Papiri in Los Angeles, Blick vom großen Peristyl auf das Hauptgebäude

Das sich diese Achsen nicht allein durch die Landschaft erklärten, zeigt auch die Anlage der Villa in Longuich. Sie liegt heute an der `Römischen Weinstraße´ und wurde ungefähr 400 Jahre nach dem eingangs beschriebenen kulturellen Wandel erbaut, also im 2. Jhd. n. Chr. Die Villa hat eine Ausdehnung 110 mal 28 Metern, und soll auf Grund ihrer Größe Alterssitz eines höheren Beamten aus dem nahen Augusta Treverorum (Trier) gedient haben. Ihre Sichtachse folgt in etwa dem Verlauf der Mosel. Sie kann aber weder durch den Flussverlauf, noch durch die südöstlich gelegene Anhöhe begründet werden. Auch hier spielte der Sonnenaufgang und die Peilung von Sternen eine entscheidende Rolle bei der Ausrichtung. Gerade sie verweisen hier auf die spezifische kulturelle Identität einer Weinbauregion.

Villa Longuich, Ausrichtung

So zielt die nach Südosten weisende Sichtachse auf den Sonnenaufgang am 24 Nov- ember, dem Beginn der Brumalien. Dieses Fest dauerte in der Regel bis zur Winter- sonnenwende und ist auf altrömische Festtage zu Ehren der Götter Saturn, Demeter und Dionysos zurückzuführen. Der Legende zufolge, sollen sie von Romulus, dem Stadt-gründer Roms auf den 24. November gesetzt worden sein. Neben Theater- und Musikauf-führungen bestand ein Teil des Festes auch in nächtlichen Gelagen und Unterhaltungen. Erst im Laufe des 7. Jahrhunderts wurden die Brumalien im Zuge der Christianisierung endgültig verboten. Nun wurde der heiligen Katharina von Alexandria, der weisen und keuschen Frau der Spätantike, einen Tag später gedacht. Mit diesen neuen Idealen sollten die ausschweifenden Rituale verdrängt werden. Dass der Bauherr der Villa von Longuich wohl eine Vorliebe für fröhliche Feste besaß, zeigt auch der Blick nach Nordwesten. Doch diesen Fluchtpunkt der Achse bestimmte nicht mehr die Sonne, sondern die Erst- und Letztsicht der Sterne Arktur und Capella, die beide exakt die Dauer des Festes Ludi Plebeii markierten. Sie wurden im Gedenken an die Kapitolinische Trias gefeiert, aber hauptsäch- lich zu Ehren des obersten Gottes Jupiter. Diese Spiele des Volkes sind seit dem 2. Jhd. v. Chr. Nachzuweisen und ihre Entstehung der Spiele soll auch eng mit der Einrichtung des Circus Flaminius in Zusammenhang stehen. Damit verbanden die Sichtachsen der Villa  Gebäude, Landschaft und den Himmel zu einem Gesamtkunstwerk, in dem sich der landestypische Charakter einer Weinbauregion spiegelte.

Bilder: Wikipedia/ Blick auf die Villa Urbana in Longuich, Areks / Tuscum, Villa des Plinius (Rekonstruktion von Schinkel), / Nachbau der Villa dei Papiri in Los Angeles, Blick vom großen Peristyl auf das Hauptgebäude, Bobak Ha’Eri / Simulation Sunearthtools, Stellarium

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