Die Esslinger und ihr Teufel

Stadttor Neckarhalde

Die Zeiten in denen der Schrecken regiert erleben wir wieder. Scheinbar zufällig beginnt auch heute der Schrecken den früher der Teufel verkörperte, wieder mit der gleichen Vorsilbe Te, und wird jetzt Terror genannt. Die Reise in die Vergangenheit führt nach Esslingen, dessen Bürger ungestraft, die Zwieblinger, genannt werden dürfen. Der Grund ist in einer alten Sage zu finden, die über den Besuch des Teufels in Esslingen berichtet. Dort soll vor langer Zeit der Teufel durch das Tor an der Neckarhalde in die Stadt gekommen sein. Auf seinem Weg durch die Stadt grüßte er jeden und freute sich, dass ihn keiner in seiner Verkleidung erkannte. Als er auf dem Marktplatz ankam, war dort gerade Wochenmarkt. Hier sprangen ihm die Esslinger Äpfel sofort ins Auge und er fragte eine Marktfrau. `Wollt Ihr einen hungrigen Fremden nicht einen versuchen lassen?´ Die Frau war geschmeichelt, doch sie war wachsam genug um den Teufel am Bocksbein zu erkennen, das unter seinem Mantel hervorragte. Auch durch dessen schwefliger Geruch gewarnt, griff sie zu einer List. Die Esslingerin gab sich freundlich und reichte dem Fremden eine Frucht aus ihrem Korb. Sofort biss der Teufel gierig hinein. Bereits nach dem ersten Biss schüttelte er sich und spuckte voll Abscheu die prächtige Zwiebel aus, die die listige Marktfrau ihm gereicht hatte. `Das sollen eure Äpfel sein!´, schrie er voller Zorn. Spott über euch Esslinger!´ `Künftig sollt ihr nicht mehr Esslinger heißen, sondern Zwieblinger!´ Kaum hatte der Teufel die Verwünschung ausgesprochen, war er wieder verschwunden.

Heiliger Dionysius , Notre Dame de Paris

Die Gründe für die Entstehung der Sage sind bis heute unklar und deshalb vermuten Historiker, dass die Geschichte als eine identitätsstiftende Sage während der Reichs-gründung 1871 erfunden wurde. Natürlich ließe sich die Teufelssage auch als Seitenhieb auf die frühe Entwicklung Esslingens verstehen, die ja ebenfalls mit einer teuflischen Legende verknüpft ist. Abt Fullrad aus dem berühmten Kloster St. Denis vermachte im 8. Jhd. der Stadt Reliquien des heiligen Vitalis und des heiligen Dionysius. Die Reliquen machten den Ort zum Ziel von Wallfahrten und führten dadurch zu einer ersten wirtschaftlichen Blüte der Stadt. Doch gerade im Schicksal des heiligen Dionysius wurde den Bürgern auch vorgeführt, welche Macht der Teufel hatte. Dionysius, vom Papst als Missionar nach Gallien gesandt und bekehrte in Paris viele zum christlichen Glauben. Dort war der Teufel war neidisch auf seinen Erfolg und verklagte ihn höchst persönlich beim römischen Präfekten. Der ließ ihn enthaupten, doch Dionysius marschierte mit dem Kopf unter dem Arm, von einem Engel geführt, noch bis zum Mons martyrium, dem heutigen Montmarte

Tobias Mayer Stadtplan Esslingen 1739

Doch das Tor an der Neckarhalde führt zu einer möglichen Erklärung des Sagenstoffes. Obwohl der Teufel im Mittelalter 28 Tore zum Eintritt in die Freie Reichstadt Esslingen zur Auswahl hatte, musste wohl gute Gründe gehabt haben, ausgerechnet dieses Tor an der Neckahalde zu wählen. Es wurde im 14. Jahrhundert errichtet, also in einer Zeit als die phantastische Ausmalung der Teufelsgestalt ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Das Tor wurde vor die Stadtmauer gesetzt, um am Neckarhang den Zugang nach Esslingen besser schützen zu können. Innerhalb der Ausgestaltung des mittelalterlichen Teufels-bildes spielte der gefallene Engel, der Antagonist Gottes. der das Böse verkörpert, eine immer wichtigere Rolle. Der als `Fürst der Welt´ bezeichnete Teufel´ repräsentierte die Verkörperung der Sünde, die die Kräfte des Menschen auf die Probe stellte und mit ganzer Kraft bekämpft werden musste. Da der Mensch als schwach galt, lebte er in ständiger Angst vom Teufel besiegt, sogar besessen zu werden um ihm dienen zu müssen. Selbst sehr gläubige Menschen waren von der Furcht beherrscht, den Schmeicheleien des Teufels zu verfallen um dann hre Seele für Gefälligkeiten einzutauschen. Parallel zu dieser mittelalterlichen Teufelsbild entwickelte sich auch eine regelrechte Geographie der Hölle, die in Kartenwerken aufzeigte, wo Sünder jeweils nach ihrer Schuld beurteilt und gemart- ert werden. Eine Fülle von Lagepläne und Grundrissen der Hölle wurden angefertigt, um die Menschen immer mehr an die Existenz der Hölle zu gewöhnen, die als Gegenpart zum Himmel diente. Aus diesem Grund wurden Teufelsabwehr und Austreibungen im Mittelalter zu florierenden Geschäftszweigen. Davon war der Schutz vor dem Teufel durch Zwiebeln sicher noch die preiswerteste Möglichkeit.

8. Höllenkreis im 18. Gesang der Göttlichen Komödie, Sandro Botticelli.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Schilderung der Sage zu sehen, wo der Teufel aus- gerechnet über das Tor an der Neckarhalde die Stadt betritt, denn am 1. August ist von hier aus der Sonnenuntergang über der westlichen Kante der Neckarhalde zu sehen. Es ist der Abend, der auf Grund einschlägiger Literatur im Mittelalter als einer der 4 Hexen-sabbate angesehen wurde. Doch wie oft in der Geschichte diente die Furcht vor dem Teufel auch ganz anderen Zielen, denn im 14. Jhd. gab es zahlreiche Abspaltungen von der Amtskirche. Alle Gruppen wurden verdächtigt teuflischen Ritualen zu huldigen. So wurden kirchliche Ab- spaltungen wie Bogomilen, Katharer oder Waldenser bezichtigt mit dem Teufel zu paktieren und dies erlaubte der Obrigkeit und der Kirche sie grausam foltern und töten zu lassen. Die Esslinger Teufelssage und der Name Zwieblinger, der heute für das Ziebelfest steht, erinnert also trotz der listigen Begleitumstände beim Besuch des Teufels in Esslingen, auch an eines der dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte.

Neckarhaldentor, Hexensabbat

Bilder: http://stuttgartwege.blogspot.de/2013/05/stadttore-und-turme-in-esslingen.html, Stadttor Neckarhalde/ Tobias Mayer Stadtplan Esslingen 1739 / 8. Höllenkreises im 18. Gesang der Göttlichen Komödie durch Sandro Botticelli./ Simulation,sunearthtools

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