Kultort Heidentor

Heidentor bei Egesheim

Der Begriff Heide lebt heute noch im Wort Heidenangst weiter. Angst war auch der Tenor mit dem der Begriff ab dem 14. Jahrhundert gebräuchlich wurde, denn Heide war zu dies- er Zeit jeder, der nicht an den Gott der christlichen Lehre glaubte, sondern eigenen Glaubensvorstellungen huldigte. Zur Entstehung des Wortes gibt es vielfältige Interpretat-ionsansätze. Einer unter ihnen sieht eine Entwicklung des mittelhochdeutschen Wortes heidan aus dem gotischen haiþno, das fremde Volk, als Ursprung des Begriffes. Die Zuordnung zu einer fremden Gruppe, von der sich das Christentum abgrenzte, erfolgte bereits in der Spätantike. So wurde nach der Konstantinischen Wende diese Gruppe der Fremden in gentiles, den Heiden aus Schicksal und den paganus, den Heiden aus eigener Schuld differenziert. Kirchenväter suchten früh, durch dogmatische Schriften eine klare Position gegenüber den Heiden zu beziehen. So legitimierte Augustinus in seiner Schrift `De civitate Dei´, den Kampf gegen Heiden, wenngleich er auch die Meinung vertrat, ihre Bekehrung könne nur freiwillig geschehen. Thomas von Aquin versuchte einen anderen Weg, er glaubte mit rationalen Argumenten die Heiden von ihrem Irrglauben befreien zu können. Nach allgemeiner theologischer Auffassung ermöglichte aber nur die Taufe es dem Heiden ihn aus seinem Schicksal zu erlösen.

Taufe der Heiden , Andrea del Sarto

In zahlreichen Flurnamen scheint dieses Wort noch durch, wenngleich auch oft die karge Wiesenlandschaft als Ursprung zu sehen ist. Doch der Felsbogen am Oberen Heuberg bei Egesheim hat wohl auf Grund der zahlreicher Funde aus keltischen Zeit eine Ver- bindung mit der als Heiden bezeichneten Gruppe bekommen. Früheste Berichte über den Felsbogen stammen bereits aus dem Jahr 1861. Zusammen mit einer heute eher be- scheidenen aussehenden Wasserquelle, dem Millbrönnle, wurde das Heidentor als Teil eines keltischen Opferplatzes gesehen. Zahlreiche hier gefundene Fibeln, Glasperlen, Bronzenadeln, Keramik und Schmuck aus der Hallstatt- und Latènezeit lassen darauf schließen, dass es sich hier um Opfergaben handelte. Vervollständigt wurde dieses Bild durch Tierknochen und kleinteilig zerscherbte Tongefäße, die zum Teil Miniaturgröße hatten. Die Funde wurden als Teil eines Brauches betrachtet, der im 6.Jhd. v. Chr aufkam und beim dem nach einem gemeinschaftlichen Speise- und Trankopfer die Gegenstände zurückgelassen wurden. Gerade auf Grund der unterschiedlichen Funde kann aber davon ausgegangen werden, dass das Heidentor ein überregional bekanntes und bedeutsames Naturheiligtum der keltischen Kultur war.

Heidentor Talseite

Der Opferbrauch am Heidentor beginnt im 6. Jahrhundert vor Christus und dauerte 400 Jahre lang an. Nur zwei vergleichbare Fundplätze wurden bislang nördlich der Alpen identifiziert. Dazu zählen die Brodelquelle bei Bad Pyrmont und die Riesentherme bei Dux (Duchcov, Tschechien). Beide Orten zeichnen sich auch heute noch durch ihre Heilquellen aus. Da auf der nahen Oberburg ein ausgedehntes Gräberfeld mit einem großen Anteil von Frauengräbern gefunden wurde, gibt es die Vermutung, dass es sich bei dem Ort um ein bedeutendes frühkeltisches Frauen- und Fruchtbarkeitsheiligtum gehandelt haben könnte. Doch die Geländeformation am Heidentor darf nicht allein auf den steinernen Torbogen reduziert werden, denn sie bietet wesentlich mehr Aspekte. Auffällig ist hier zum einen die Ausrichtung der Geländeformation auf den Sonnenuntergang zur Sommer-sonnenwende über dem Buchbeg und zum anderen die tropfenförmige Gestalt der Oberburg. Nahezu perfekt passt sie sich in die beiden Richtungen der großen Mondwende Süd und dem Sonnenaufgang am 1. Februar ein, der an diesem Tag über dem lang- gestreckten Rabenfels am Tal er Bära erfolgt.

Landschaft des Heidentores

Ein Bär taucht auch im sprechenden Wappen der unweit des Rabenfelsen gelegenen Stadt Bärenthal auf. Wenngleich es erst 1947 verliehen wurde, verweist es doch auf den Fluss Bära und dessen Namensverwandtschaft zum Bär. Für den Namen gibt es mehrere Erklärungen: Die schlichte Beere könnte ebenso der Ursprung sein, wie das althochdeutsche Wort ber, das tragen oder eben der Bär heißt. Gerne wird der Bär auch als Sinnbild einer keltischen Bärengöttin Artio gesehen.  Maßgeblich trug dazu ein aus dem 2.Jhd. stammender Fund aus Bern bei, der einen Bär mit einer Frauengestalt zeigt. Daraus entstand das Bild einer keltischen Göttin des Waldes, gleich der römischen Diana. Nur in den Pyrenäen erinnert noch am 2. Februar ein Volksbrauch an die längst ver- gangenen mythologischen Vorstellungen. An diesem Tag wird eine Puppe, die Rosetta genannt wird, mit einem Bären, einem in Bärenfell gehüllten Bauernburschen rituell verheiratet. Das Ritual erinnert an auch an die in dieser Zeit aus dem Winterschlaf er- wachenden Bären, die als ein Symbol der Fruchtbarkeit betrachtet wurden. Mit der Geländeausformung der beiden Berge Oberberg und Buchenberg auf den Sonnenunt- ergang zur Sommersonnenwende, dem Visurpunkt Rabenfelsen am 1. Februar und am 31. Oktober stellten die beiden Berge einen geformten Kultort dar, dessen Zugang wohl das Heidentor war.  Wie es scheint, ist es der Rest einer Anlage die einst die beiden Berge umgab.

Fotos: Wikipedia/ Heidentor fotografiert von der Talseite, Jürgen.Erdmann / Eine der frühesten Darstellungen einer Taufe in der Calixtus-Katakombe (3. Jh.) / Taufe der Heiden / Andrea del Sarto / Heidentor Talseite, EmaMA / Simulatipon Sunearthtools

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