Das Erbe der Vogelherdhöhle

Welterbe Vogelherdhöhle.

Die Vogelherdhöhle bei Niederstotzingen im Lonetal gilt heute als reine Karsthöhle, die durch Auspülungen des Kalksteins entstand. Wie mehrere andere Höhlen im Lone- und Achtal ist auch sie ein bedeutender Fundplatz des Jungpaläolithikums in Mitteleuropa und liegt heute im Archäopark Vogelherd. Etwa 90 % der dort gefundenen Werkzeuge aus Stein, Knochen, Elfenbein und Geweih wurden den Schichten des Aurignacienzeitalters zugeordnet, darunter auch die Kleinplastik eines Mammuts.

Mammutfigur, Proportionen im Goldenen Schnitt

Es war die Zeit, in der die Eisgrenze der letzten Kälteperiode bereits auf der Höhe des Baltikums, Dänemarks, dem Doggerland und Mittelengland verlief. Ein karger Tundra-bewuchs überzog die Landschaft im Norden, die zum Teil noch aus Permafrostböden bestand. Trotz der kargen Lebensumstände wurde in der Zeit des Aurignacien, also zwischen 37000 und 28000 v. Chr. bereits präzise gearbeitet. Betrachtet man die winzige Mammutfigur aus dem Vogelherdhöhle mit ihren Proportionen des Goldenen Schnitts fühlt man sich sofort an die heutige, schwäbische Präzisionsarbeit erinnert. Doch die An-wendung dieser Proportion keinesfalls nur auf diese Figur beschränkt, sondern ist auch bei zahlreichen Werkzeugen, wie Faustkeilen aus dieser Epoche erkennbar. Eine Grafik zeigt, dass die Maße der meisten Faustkeile sehr nahe an diesem Proportions-verhältnis liegen. Exemplarisch zeigt dies ein Faustkeil der in seinen Maßen exakt in diesem Verhältnis bearbeitet wurde. Die Kenntnis dieser Proportion muss in den Werk- stätten entlang der südlichen Alb also bereits über 30000 Jahre früher bestanden haben, als sich dies in der Geschichtsschreibung niederschlug. Dass dies so wenig Beachtung findet, liegt auch an der Zunft der Archäologen, die sich mit Proportionen und Maßen kaum, oder nur widerwillig auseinandersetzt.

Darstellung Euklids, Oxford University Museum

In der Geschichte werden zwei Entdecker dieser Proportion genannt. Einer ist der Mathe- matiker und Philosoph Hippasos, der auch gleichzeitig der im 5. Jhd. v, Chr. existierenden Schule des Pythagoras angehörte. Der zweite ist Eudoxos, ein griechischer Universal-gelehrter des 4. Jahrhunderts, der sich auch große Verdienste durch die mathematische Darstellung von Himmelskörperbewegungen erwarb. Dennoch findet sich die erste schriftliche Beschreibung des Goldenen Schnitts erst in den Elementen, dem 15- bänd- igen Hauptwerk des Mathematikers Euklid. Diese monumentale Zusammenfassung mathematischer Erkenntnisse war bis zum 19. Jhd. das meistgelesene Buch neben der Bibel. Die Essenz dieses Maßverhältnisses, das wie ein geheimer Code den Bauplan der Natur bestimmt, lässt sich mit folgendem Satz zusammenfassen: `Das Ganze steht zum Größeren genau im selben Verhältnis wie das Größere zum Kleineren.´ Die klassische Konstruktion des Golden Schnitts erfolgt über ein Dreieck. Über dem Punkt B einer Stecke AB wird die Senkrechte mit der halben Länge dieser Strecke konstruiert. Ein Kreis um C mit dieser Länge schneidet die Dreiecksseite AC im Punkt D. Wird die daraus entstandene Länge AD mit dem Zirkel auf die Ausgangsstrecke AB übertragen, stehen die beiden Strecken AS und SB im Verhältnis des Goldenen Schnitts. Wie beim Mammut dargestellt, ist das Pentagramm die Figur des Goldenen Schnitts schlechthin, denn er taucht hier gleich 12 mal auf. Der intensive Gebrauch von Handwerkzeugen dürfte neben dem Studium der Natur wohl den entscheidenden Impuls geliefert haben, gerade dieses Maßverhältnis zu wählen. Betrachtet man den Aufbau von Handknochen, wie auch den Bewegungsablauf der Hand, so zeigt sich hier genau dieses Maßverhältnis. Dieses ist aber nicht nur in der übrigen menschlichen Anatomie festzustellen, sondern auch in zahlreichen Erscheinungsformen der Natur.

Konstruktion Goldener Schnitt – Klassische innere Teilung

Der Lehrsatz `Das Ganze steht zum Größeren genau im selben Verhältnis wie das Größere zum Kleineren.´ ist aber weit mehr als nur eine rein mathematische Gedanke. Jahrtausende bevor der Goldene Schnitt im Alten Reich Ägyptens auftauchte drückte er auch das Verhältnis der Aurignacienkultur zu ihrer Lebenswelt aus.

Handknochen und Faustkeil aus dem Aurignacien im Goldenen Schnitt

Venus vom Hohle Fels, Alter ca. 4000 Jahre

auch ca. 20000 Jahre später in Altamira, Darstellung eines Steppenbisons

Selbst Nomaden zu dieser Zeit hatten klare Vorstellungen von einer idealen Welt in der sie eingebettet sind. Wohl nicht zufällig liegt die Vogelherdhöhle in einem Sporn, der nach Südwesten, in Richtung Sonnenuntergang zur Wintersonnenwende weist. Der Höhlen- knick liegt auch genau an der Stelle, wo sich die Richtung der Sommersonnenwende mit der der Wintersonnenwende treffen. Auch die Lone verläuft hier in einer idealer Richtung, die so heute nicht mehr wahrgenommen wird, der großen südlichen Mondwende die alle 18 Jahre stattfindet. Wenn die Höhlen nun Teil des Weltkulturerbes sind, sind es eben nicht nur die Relikte ihrer Handwerkskunst, sondern eben auch die frühen Kenntnisse einer Proportion und der dahinter stehende Gedanke der in unserer Zeit längst verloren gegangen ist: Eine Welt der Schönheit mit den Proportionen der Natur zu schaffen, eben mit dem Goldenen Schnitt. Nicht ohne Grund wird er im Lateinischen auch proportio divina genannt, die göttliche Proportion. Doch das über 40 000 Jahre Erbe bietet weit mehr als die Entdeckung der göttlichen Proportion.

Vogelherdhöhle Sonnenrichtung

Bilder: Wikipedia/ Welterbe Vogelherdhöhle., Holger Uwe Schmitt / Darstellung Euklids, Oxford University Museum, Photograph taken by Mark A. Wilson (Wilson44691 / Konstruktion Goldener Schnitt- Klassische innere Teilung, Daniel Seibert/ Vogelherdhöhle/ http://www.iceageart.de / Simmulation Sunearthtools

 

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