Balingen und der Hirschgulden

Balingen, Kupferstich Mathäus Merian 1653

Bei Name Balingen, einem Ort auf der südlichen Alb denkt man nicht unbedingt sofort an Uruk. Dennoch verbindet beide Orte eine Sage, die auf ganz ähnlichen Gedanken beruht. Sagen und Legenden werden heute gerne als fantastische Erzählungen gesehen, doch in ihrem Kern verbirgt sich bei jeder eine Mischung aus tatsächlicher Geschichte die oft mit einer Erklärung zum Jahreslauf der Gestirne verwoben ist. Im Zweistromland war dies die Legende von Gilgamesch, dem ersten König von Uruk und dessen Freund Enkidu. Sie wurde einst im 2. Jahrtausend v. Chr. auf 12 Tontafeln aufgezeichnet und schilderte die Abenteuer der beiden bis zum Tod seines Freundes. Auf der Suche nach ihm fand Gilga- mesch die Anderswelt, wo er durch seinen Urahn von einer drohenden Flutkatastrophe erfuhr. Durch die Prophezeiung gelang es ihm die Menschheit zu retten und später die erste Stadt Uruk zu errichten. Dieses Epos lieferte nicht nur die Gründungslegende der Stadt Uruk und das Urbild der Flutmythen, sondern auch eine Erklärung für den Lauf des Sternbildes Orion. Weit hinter der ihm vorauseilenden Jungfrau verfolgt er den Stier, den er im Epos in Gestalt eines Untieres schließlich tötet.

Rekonstruktionszeichnung der Schalksburg

Als in Uruk und im Zweistromland die ersten Stadtstaaten entstanden, scheint Balingen, zumindest aus heutiger Sicht, noch ein unbekannter Ort gewesen zu sein. Erst mit Beginn der Bronzezeit tauchen hier erste Funde auf. Eine Erwähnung in Urkunden findet zum ersten Mal im Jahr 863 statt, wo der Ort unter dem Namen Balginga erwähnt wird. In der Folgezeit gehörte er unterschiedlichen Grafen, bis er im 13. Jahrhundert zum Sitz der Herrschaft Schalksburg wurde, deren Burg weiter östlich auf einem Bergsporn lag. Im Laufe des 19. Jahrhunderts, also ungefähr 4000 Jahre nach der Entstehung des Gilga- mesch Epos, entstand die Sage von den drei Brüdern, die Gustav Schwab nach der Erzählung eines Gastwirtes aufschrieb. Diese Sage entdeckte der Schriftsteller Wilhelm Hauff als er Schwabs Reiseführer erwarb und führte sie unter dem Titel `Die Sage vom Hirschgulden´ in seinen 3. Band des Märchenalmanachs für Söhne und Töchter gebildeter Stände auf.

Burg Hirschberg, die glanzvollste burg der Sage, Holzstich zur Hirschguldensage von Wilhelm Hauff

Die Sage berichtet von drei Brüdern denen 3 Burgen rund um Balingen gehörten: die Burg Hirschberg, die Schalksburg und die Burg Hohenzollern. Die schönste und reichste war zu diese Zeit die Burg Hirschberg zu der auch das Dorf Balingen gehörte. Doch den Bruder dem die Burg gehörte befiel eine tödliche Krankheit. Die anderen konnten kaum erwarten bis er verstarb und als der Todkranke von dieser Schmach hörte, verfiel er in solchen Ärger der ihn vor dem Tod rettete. Um sich zu rächen verkaufte er seinen Besitz unter dem Siegel strikter Verschwiegenheit für einen Hirschgulden an einen Abgesandten des Grafen von Württemberg. Als er eines Tages verstarb, erfuhren seine Brüder von dem Verkauf und fluchten vergebens. Sie gingen nach Balingen um zu zechen, doch der Wirt erklärte ihnen, dass der Hirschgulden keinen Wert mehr habe. `So zogen sie ab und hatten anstatt ihres Erbes nur einen Gulden Schulden´, beendete Schwab seine Erzähl- ung. Historischer Kern dieser Sage ist der Verkauf der Herrschaft Zollern-Schalksburg an Württemberg im Jahr 1403 und seine Begleitumstände.

Sonnenlauf, von Balingen aus gesehen

Ähnlich wie im Gilgamesch Epos findet sich auch hier hinter der Sage eine astronom- ische Erklärung. Ein Stich Merians von Balingen aus dem Jahr 1643 rückt die beiden wichtigen Punkte des jährlichen Sonnenlaufes ins Blickfeld. Von Balingen aus betrachtet, beginnt das Jahr mit dem Sonnenaufgang über der Schalksburg und der Sonnenaufgang am 21. Februar über der Hirschburg und dem dahinterliegenden Höchst verkündet den Beginn des Frühlings. Der Hirsch wurde zu einem symbolträchtigen Motiv im Christentum. Es tauchte als  Motiv im Bild der Jagd auf wo es zum Sinnbild des Kampfes zwischen Gut und Böse wird. Kirchenväter wie Hieronymus sehen in gejagten Tieren, wie dem Hirsch, die vom Teufel bedrängten Seelen. Innerhalb der theologischen Entwicklung des Symbols Hirsch setzte sich später aber das weitaus ältere Bild durch, der Kampf des Hirsches gegen die das Böse verkörpernde Schlange. Damit wurde der Hirsch wurde zum Sinnbild von Christus und der Vorstellung von Erlösung und Wiedergeburt. Ein Brauch der die Wiedergeburt der Natur mit dem Frühlingsbeginn feiert, ist der heute noch in einigen länd- lichen Gegenden begangene Brauch des Bikebrennens der im alemannisch-schwäb- ischen Raum auch als Funkenfeuer bezeichnet wird. Am 21. Februar, dem Feiertag Kathedra Petri werden mit großen Feuern, in denen mancherorts auch Strohpuppen ver- brannt werden, die letzten Geister des Winters ausgetrieben werden. Tatsächlich wird der Tag in manchen Gegenden als Frühlingsbeginn betrachtet, denn er ist auch ein wichtiger Lostag im Bauernkalender, wo es heißt: `Die Nacht zu Petri Stuhl zeigt an, was wir noch 40 Tag für Wetter han.´

Bikefeuer

Mit dem Sonnenaufstieg zur Sommersonnenwende über dem Hohenzollern gibt der Sonnenlauf auch ein hintersinniges Bild für den Hirschgulden ab. Die Münze war im Württemberg des 17. Jahrhunderts ein weit verbreitetes Zahlungsmittel, das jedoch rasch an Wert verlor. Ein Bild für die Hoffnung auf seinen Wert und dessen Verfall zeigt der Sonnenlauf bei Balingen. Während der Wintersonnenwende (Schalksburg) weckt die Sonne die Hoffnung auf das Jahr und die scheint sich mit dem Frühlingsbeginn an Kathedra Petri (Hirschberg) zu erfüllen. Doch zur Sommersonnenwende (Hohenzollern) kommt die Erkenntnis, dass ihre Kraft nun rasch nachlässt und bis zum Jahresende fast wertlos wird. Ganz ähnlich verhielt es sich mit dem Hirschgulden, dem alten Erbe der drei Brüder, der am Ende wertlos war.

Württembergischer Hirschgulden

Bilder: Wikipedia / Balingen, Kupferstich Mathäus Merian 1653 / Ritt unter einer Zollernburg (Hirschberg?) Holzstich zur Hirschguldensage von Wilhelm Hauff, Th. Weber (Die Herrschaft Schalksburg zwischen Zollern und Württemberg, Andreas Zekorn, Peter Thaddäus Lang und Hans Schimpf-Reinhardt; / Württembergischer Hirschgulden, Wuselig /Entflammter Biikehaufen / Sönke Rahn / Rekonstruktionszeichnung der Schalksburg, http://burgrekonstruktion.de/main.php?g2_itemId=5192/ Wolfgang Braun / simulation Suneartsools, topomap

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s