Bronnweiler und die Friedenslinde

Friedenslinde in Bronnweiler

Die Zeit wo die linde als heiliger Baum betrachtet wurde war längst vorüber, als sie im Gedicht `Der Lindenbaum´ von Wilhelm Müller eine literarische Würdigung bekam. Doch viel bekannter als diese literarische Vorlage ist die Vertonung von Franz Schubert, der mit dem Text das Kunstlied `Am Brunnen vor dem Tore geschaffen hat. Das Motiv der Linde und das des Brunnens führt uns zum kleinen Ort Bronnweiler, der ungefähr 10km westlich von Reutlingen liegt. Die frühere Schreibweise Brunnweiler erinnerte noch an die Quellen die sich auf der Gemarkung zur Wiesaz vereinigten. Auf einer Anhöhe nordöstlich des Ortes, in Sichtweite der Berge Käpfle und Söffelberg steht eine der zahlreichen Friedens-linden, die einst in Deutschland gepflanzt wurden. Die von Bronnweiler wurde nach dem Deutsch-Französischen Krieg gepflanzt und blickt mittlerweile auf das stolze Alter von 145 Jahren zurück.

Bildtafel aus Heilige Linde. Wallfahrtsort Święta Lipka,

Bei Slawen und Germanen galt die Linde noch als ein heiliger Baum. Aus dem slawischen Kulturkreis ist noch die Lindengöttin `Libussa´, bekannt deren Name heute noch im Wort liba, die Linde, erscheint. Dort wurde sie auch als Rechtssprecherin und Orakelgöttin ver- ehrt. Weniger gesichert ist dagegen die Verehrung des Baumes durch die Germanen, die in der Linde eine Verkörperung der Göttin Freya sahen. Bei ihnen galt sie als Göttin der Liebe, des Glücks, der Fruchtbarkeit und des guten Hausstandes. Auf Grund ihrer mytho-logischen Bedeutung bildete die Linde meist den Mittelpunkt der Gemeinschaft. Daher hatte sie in vielen Stammesgebieten der Germanen die Funktion eines Omphalos, eines Treffpunktes für alle Angelegenheiten der Gemeinschaft. In ihr wurde eine Art Manifestation der Wahrheit, Gerechtigkeit, Klarheit, Entschlossenheit, und Teilhabe am göttlichem Wis- sen gesehen. In Skandinavien galt die Linde als der wichtigste von drei so genannten `Våträd´, den Schutzbäumen für Haus und Hof. Ihr wurden auch regelmäßig Opfer darge-bracht.

Friedenslinde. Blick zur  Achalm

Das weithin sichtbare Friedenszeichen in Bronnweiler wurde an einem Ort gepflanzt, der hier einen Blick in die Frühgeschichte der Landschaft erlaubt. Fast symmetrisch zwischen Käpfle und Stöffelberg ist von hier aus der Gipfel der Achalm zu sehen. Beobachtet man von hier aus den Sonnenaufgang, so steigt die Sonne am 15. Mai knapp neben dem Plateau auf. Eine noch bessere Übereinstimmung wird auf dem Käpfle erzielt. Zudem entspricht diese Richtung auch der Mittellinie des oval geformten Käpfles. Doch der 15. Mai ist auf zweifache Art bemerkenswert. Der schottische Ingenieur hatte bei Unter-suchungen zahlreicher Monumente aus der Megalithepoche einen Megalithkalender mit 16 Monaten erkannt. Er setzte sich aus 13 Monaten mit jeweils 23 Tage und drei mit 22 Tagen zusammen. Genau am Ende des 6 Monats im Megalithkalender, also am 17. Mai sieht man von vom Käpfle aus den Sonnenaufgang über dem Gipfel der Achalm. Somit teilt der Tag das Jahr im Verhältnis 6 zu 16, oder auch 3 zu 8.

Sonnenaufgang über der Achalm am 15. Mai

Aus römischer zeit ist der in unmittelbarer Nähe liegende Feiertag Mercuralia am 15. Mai überliefert, der auf Grund seines Alters wohl noch ein Erbe dieses alten Kalenders sein könnte. Dass der auch klimatologische Gründe gehabt haben könnte, zeigt der christliche Feiertag der heiligen Sophia von Rom, der heute am gleichen Tage gefeiert wird. Sie ist noch immer die Patronin gegen Spätfröste und für das Gedeihen der Feldfrüchte. Deshalb lautet auch eine der Bauernweisheiten für diesen Tag: `Sophie man die Kalte nennt, weil sie gern kalt‘ Wetter bringt´

Sophia v. Rom, eine der 5 Eisheiligen

In römischer Zeit wurde an Mercuralia den beiden Göttern Merkur und Maia gedacht. Mercurius glich dem griechischen Götterboten Hernes und war lange Zeit in erster Linie der Gott des Handels, des Gewerbes, des Reichtums und des Gewinns. Er war aber auch Götterbote und Diener des obersten Gottes Iuppiter. Da der Handel nur in Frieden gedeiht, wird er auch gelegentlich als Friedensgott verehrt. Als Symbol des Mercurius scheint in Latium von Anfang an der caduceus, der Stab des Glückes, gegolten zu haben. Der wurde später auch als Friedenssymbol gedeutet. Diese Symbolik nutzte die augusteische Propaganda für die Verkündung der Pax Romana. Innerhalb dieses Konzeptes erhielt Merkur dann auch den Ehrennamen Mercurius Augustus. Als Augusteischer Friede wird eine über 200 Jahre dauernde Friedenszeit im Innern des Römischen Reich bezeichnet. Doch der Begriff täuscht, denn der Geschlossenheit im Innern standen die permanenten Kriege an den Reichsgrenzen gegenüber. Die Friedenslinde in Bronnweiler trägt ihren namen also zu Recht. Sie erinnert an einen Krieg, der zum Auslöser zweier Weltkriege wurde und gleichzeitig erinnert sie beim Sonnenaufgang am 15. Mai über der Achalm an den Jahrtausende alten Traum vom Frieden.

Gott Merkur

Bilder: Wikipedia/ Gott Merkur, Wolfgang Sauber / Bildtafel aus Heilige Linde. Wallfahrtsort Święta Lipka, http://www.masuren.de/sehenswürdigkeiten / Simulation, sunearthtools, topomap/ Friedenslinde, achalm, eigen

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s