Der Wächter von Grafenbühl

Intarsien und Einlagen an der Totenliege

Die Sichtbaren Spuren des Hügelgrabes in Grafenbühl, einem Wohngebiet der Stadt Asperg, sind längst verschwunden. Wie die Grabungen im Jahr 1964 zeigten, wurde das Grab aus dem 5. Jhd. v. Chr. bereits in der Antike geplündert. Nachdem man bei den Planierungsarbeiten für die Erschließung eines neuen Wohngebietes auf Reste des Grabhügels stieß, wurde der unter der Oberleitung von Hartwig Zürn vom Staatlichen Denkmalamt untersucht. Der bereits zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sichtbare Hügel hatte einen Durchmesser von annähernd 40 Meter und in dessen Kammer fanden sich aber noch etliche Stücke die heute im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart aus- gestellt sind. Darunter waren die Reste eines Trinkgeschirrs und zwei bronzene Löwen- füße eines Kesselgestells, sowie Bruchstücke eines eisernen Wagens. Doch die schönsten Fundstücke sind zwei aus Elfenbein geschnitzte Sphingen mit aufgesetzten Bernsteingesichtern.

Sphinx vom Grafenbühl mit aufgesetztem Bernsteingesicht

Der Name Sphinx entwickelte sich aus dem ägyptischen Wort spanch, das mit `das, was das Leben empfängt´ übersetzt wird. Doch in Ägypten wurde die Gestalt schlicht Hu genannt und wurde als Wächterfigur gesehen. Es gibt die Vermutung dass die Sphinx in ihrer ursprünglichen Form eine Erscheinung der Göttin Hathor war, der Mutter- und Totengöttin, deren Rolle später auf Isis übertragen wurde. So wird in einer der ägyptischen Mythen erzählt, wie die Göttin Hathor über Nacht den Sonnengott Re in ihrem Leib trägt und ihn jeden Morgen neu gebärt. Ihre Aufgabe soll damals auch die Rolle einer Unterweltsgöttin gewesen sein, die die Pforte zum Totenreich bewachte und mit ihren Fragen Unbefugte vor dem Eintritt in das Totenreich abhielt. An diese Rolle knüpft die heute bekannte Legende der Sphinx von Theben an. Gemäß den Erzählungen eines Mythos soll die Sphinx von Hera entsandt worden sein, um die Stadt Theben zu bestrafen. Dort hatte der König Laios aufgrund seiner Knabenliebe den Knaben Chrysippos aus Pisa entführt. Die von Hera entsandte Sphinx ließ sich auf dem Berge Phikion nahe der Stadt Theben nieder und gab jedem vorbeiziehenden Thebaner ein Rätsel auf, das die drei Musen sie gelehrt hatten. Sie sollte sich fortan als Plage für die Stadt erweisen, denn Reisende kamen an ihr nicht vorbei, ohne ein von ihr gestelltes Rätsel zu lösen. Gelang dies einem reisenden nicht, wurde er von ihr erwürgt und verschlungen. Die bekannteste Frage überliefert die Ödipuslegende, wo Ödipus entschlossen vor die Sphinx tritt und sie aufgefordert, ihm ihre Frage auf Leben und Tod zu stellen. Noch immer stand die Belohnung aus, durch die Beantwortung der Fragen die Stadt vor der Plage zu befreien und dafür die Königskrone samt der Hand der verwitweten Königin zu erhalten. So stellte ihm der Sphinx die bekannte Frage: ` Am Morgen ist es vierfüßig, am Mittag zweifüßig und am Abend dreifüßig und ist doch nur ein Wesen. Aber wenn es mit den meisten Füßen geht, kommt es am langsamsten vorwärts. Sag an, wer ist dieses Wesen?´ Ödipus wusste das Rätsel zu lösen und antwortete: `Das Rätselwesen ist der Mensch, denn am Lebensmorgen kriecht er auf allen Vieren, auf der Höhe des Daseins bewegt er sich auf zwei Beinen, und am Abend des Lebens benötigt er als Stütze den Stock´.

Ödipus und die Sphinx von Gustave Moreau, 1864

Auch aus Nordsyrien ist aus der Epoche der Eisenzeit eine Sphinx bekannt. Sie hatte ihr Revier in einer phantastischen, vom Menschen unberührten Natu., Als Tier der Berge und der ungezähmten Wildnis wurde sie im Zusammenhang mit dem Wettergott gesehen, der dort auch eine zentrale Rolle im Ahnenkult besaß. So gewann die Sphinx im Laufe des 10. Jhds. v. Chr. auch hier eine besondere Be- deutung als Tier der Toten. Ab dem 8. Jhd. verlor sich jedoch dieser Aspekt und die Sphinx wandelte sich im Kontext mit der Palmensäule zu einem Symbol für Wohlergehen und zu einem Wächter der Fruchtbarkeit.

Grafenbühl, Sonne und Arktur über dem Hohenasperg

Doch der Grabhügel in Grafenbühl hatte nicht nur in Gestalt der Sphingen einen Be- zug zu einer Wächtergestalt, sondern gleichzeitig auch zu einer himmlischen. So war von hier aus am 1. Mai, dem Beginn des Sommerhalbjahres in der keltischen Welt, hier aus der Sonnenuntergang über der Mitte des Hohenasperg zu sehen, während am Morgen über der Nordspitze des Berges die Letztsicht des Sternes Arktur aus dem Sternbild des Bärenhüters zu sehen war. Arktur ist der vierthellste Stern am Nachthimmel der Erde. Aus astrologischer Sicht hat nach den Schriften des griechischen Astronomen Ptolemäus seine rötlich schimmernde Farbe einen Jupiter- und Marscharakter. Über den Stern, der auf der Erde mit freiem Auge sichtbar ist, gibt es in allen Völkern jede Menge Mythen und Geschichten. Die Ureinwohner Polynesiens bezeichnen ihn als “Ana-tahua-taata-metua-te-tupu-mavae, als eine unterstützende Säule des Himmels. Viel besser in den Kontext des Hügelgrabes passt jedoch der von arabischen Astronomen überlieferte Name: der Hüter des Himmels.

Bilder: Wikipedia / Intarsien und Einlagen an der Totenliege, Wuselig / Sphinx vom Grafenbühl mit aufgesetztem Bernsteingesicht, Wuselig / Ödipus und die Sphinx von Gustave Moreau, 1864 (Metropolitan Museum of Art, New York), Ad Meskens, Simulation Stellarium, sunearthtools

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