Deggingen und der Tag des Bernhard von Clairvaux

Alt Ave

In einem Vortrag zur Wallfahrtsgeschichte in Deggingen erwähnt Pater Leonhard auch die Quelle, die im oberen Teil des Hanges bei Deggingen liegt. Er beschreibt sie als einen von Bäumen umsäumten Ort, in deren Mitte eine besonders großes Exemplar steht. In der Tat zeichnet diese Quelle, dem heutige Alte Ave und Ursprungsort der Wallfahrten, neben der heilenden Wirkung noch zwei weitere Auffälligkeiten aus. Eine ist die ungewöhnliche Fließ-richtung des aus der Quelle entspringenden Baches. Der bildet zusammen mit dem unter der benachbarten Buschelkapelle Bach ein rechtwinkliges Dreieck. Die zweite ist der Son- nenuntergang zur Wintersonnenwende. Er ist  von Alt Ave über der benachbarten Busch-elkapelle zu sehen, die heute neben der Ruine der aufgelassenen Burg Berneck steht. Wohl auch aus diesem Grund bezeichnet Pater Leonard Alt Ave als Ort eines früh- geschichtlichen Heiligtums, das während der Christianisierung einen anderen Inhalt be- kommen hatte. Getreu dem Grundsatz von Papst Gregor I., der seine Missionare ange- wiesen hatte nichts zu zerstören, alles zu verwandeln und auf heidnischen Kultstätten Kapellen zu erbauen, geschah dies auch bei der Quelle über Deggingen.

Die Sonnenrichtung von Ave Maria

Im Jahr 861 errichteten Benediktiner aus Wiesensteig hier eine erste Holzkapelle, die im 15. Jahrhundert durch eine Kirche im gotischen Stil ersetzt wurde. Zwei Jahrhunderte später, zwischen 1716 und 1718, entstand jene Wallfahrtskirche im Barockstil, für dessen Stuckornamentik sich Ulrich Schweizer und Sohn Jakob aus Deggingen verantwortlich zeigten. Im Gegensatz zu vielen anderen Kirchen, bei denen die Baulinie auf den Sonnen-aufgangspunkt am Tag des Kirchenpatroziniums gerichtet ist, steht hier der ein Spruch Bernhard von Clairvauxs im Mittelpunkt. Verfolgt vom Eingangsportal der Kirche den Son- nenuntergang am 18. Oktober, so liegt der in der Baulinie der Kirche und erfolgt über dem Bergsporn bei Mühlhausen im Täle.

Ave Maria Deggingen

Im Leben des bedeutendsten Marientheologen des Mittelalters war dies ein ganz be- sonderer Tag. Laut seiner Biografie, hatte er am 18. Oktober 1146 in der Benediktinerabtei Afflighem bei Brüssel eine Begegnung mit Maria. Bernhard soll sie dort mit dem Spruch `Ave Maria´ begrüßt haben und sie soll ihm daraufhin mit `Ave Bernhard´ geantwortet haben. Wundersame Ereignisse gab es bereits in Bernhards Vorgeschichte. So soll seine Mutter Aleth vor seiner Geburt im Traum ein weißes Hündlein mit rotem Rücken gesehen haben das laut zu ihr bellte. Ihr Traum wurde dahin gedeutet, dass ihr Kind später einmal alas großer Prediger Gottes Haus bewachen und seine Stimme laut gegen die Feinde der Kirche erheben werde. Zusammen mit seinen Brüdern trat Bernhard im Jahr 1113 in das Reformkloster Cîteaux ein. Nur 2 Jahre später sandte ihn der Abt des Klosters aus, um das Kloster Clairvaux zu gründen. Bernhards Ausstrahlung zog rasch weitere Novizen an, so dass fast jedes Jahr zwei neue Klöster von Clairvaux aus errichtet werden mussten. Insgesamt gründete er am Ende 68 Klöster und mehrere weitere waren ihm unterstellt. Im Zenit seiner Tätigkeit waren dann 164 Abteien seiner geistlichen Führung unterstellt. Die Marienverehrung ist ein wichtiger Aspekt der theologischen Sicht Bernhards. Obwohl er nur selten über sie sprach, führten seine Aussagen zu einer breiten Marienfrömmigkeit während des Mittelalters. Mit seinen Gedanken wurde er zu dem Marienmystiker des 12. Jahrhunderts, der auch den Beinamen Doktor Marianus erhielt. Seinen Ruf als Marien-mystiker verdankt er aber auch seinen beiden Ordensbürdern Oglerius und Locedio, die ihre Werke nach seinem Tod verfassten und deren Schriften lange unter dem Namen Bernhards verbreitet wurden.

 Die Vision des Bernhard, Pietro Perugino 1493

Das Jahr 1146 war für Bernhard aber noch in andere Weise ein entscheidendes Jahr und offenbart ein höchst widersprüchlichen Charakter, der zwischen mystischer Marienver-ehrung und brutaler Gewalt schwankte. Im Herbst 1145 empfing Papst Eugenius III. die Nachricht vom Fall der Grafschaft Edessa als eine Delegation der Kreuzfahrer-staaten um den Beistand des Abendlandes nachsuchte. Zu dieser Zeit war Bernhard von Clairvaux bereits mächtiger als der Papst, denn er galt als einer der größten Prediger aller Zeiten. Er war sprachgewaltig und was er für richtig hielt, konnte er überzeugend darlegen. Bernhard von Clairvaux, der spätere Heilige, machte sich damit auch zur treibenden Kraft des zweiten Kreuzzuges. In seinen Briefen erweiterte er die Beweggründe der Kreuzzüge und machte Gewalt zu einem festen Bestandteil bei er Verteidigung des Christentums. Dabei rückte er den Akt der Sündenver-gebung als Belohnung für eine Teilnahme am religiösen Krieg ins Zentrum seiner Forderungen. Als der 2. Kreuzzug scheiterte war auch Bernhards Ruf beschädigt. Doch er wies alle Schuld von sich und machte die Unmoral aller Beteiligten für die Niederlage verantwortlich.

Ave Maria Deggingen am Berg

Noch heute lässt der Ort Alt Ave die Atmosphäre des alten Quellheiligtums erahnen. In der frühen Phase der Christianisierung wurde hier die Rolle der alten Gottheiten auf Maria übertragen. Sie scheinen noch in ihren zahlreichen Beinnamen durch, die ihr während des Mittelalters verliehen wurden. In den Namen  `Maria, Du Heil der Kranken , Du Kelch des Geistes,  Du Sitz der Weisheit, Du Morgenstern´ lebt jene alte Tradition weiter.

Bilder: Alt Ave, Ave Maria Deggingen, eigen/ Bernhard v. Clairvaux, Pietro Perugino: Die Vision des Bernhard, 1493, Alte Pinakothek in München, Joachim Schäfer – Ökumen-isches Heiligenlexikon. / Simulation, sunearthtools

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2 Gedanken zu „Deggingen und der Tag des Bernhard von Clairvaux

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