Das Herz von Herrenchiemsee

Blick durch das Gartenparterre auf die Fassade des Schlosses

Über die Geschichte der Insel Herrenchiemsee vor dem 7. Jahrhundert ist kaum etwas bekannt. Zwar verweisen ein Wall aus dem 6. Jahrhundert und Funde aus der Bronzezeit auf der nördlich gelegenen Fraueninsel auf für Siedlungstätigkeiten hin, doch diese Spuren scheinen sich nach der Errichtung eines Klosters im 7. Jahrhundert verwischt zu haben. Die Ungarneinfälle während der Jahrtausendwende setzten auch dem Klosterleben zu und von ihm blieb wenig mehr übrig als einige Mönchszellen.Wohl deshalb schenkt Kaiser Otto I. im Jahr 969 den gesamten Besitz dem Salzburger Erzbischof. Der gründete im Jahr 1130 an der Stelle des alten Klosters ein Stift für Chorherren . Seine größte Blüte erlebte das Stift während des 15.Jahrhunderts, doch bereits 100 Jahre später erfolgte bereits sein Niedergang. Dieser war ein Folge der Misswirtschaft, der Verschuldung und einer fehlende Ordenszucht. Im Jahr 1803 erfolgte seine Auflösung und anschließend bewohnt ein Graf die Insel, der sie schließlich an Spekulanten verkaufte. Ludwig II. von Bayern erwieß sich schließlich als Retter der Insel. 1873 erwarb der König Herrenchiem- see als Standort des späteren `Neuen Schlosses´. Im Jahr 1878 wurde das Schloss unter dem als Märchenkönig bezeichneten Ludwig II. nach dem Vorbild des Schlos- ses von Versailles bei Paris erbaut. Die Entwürfe für den Bau im historisierenden Baustil des Neobarock stammen vorwiegend von Georg von Dollmann, während die Ausführung der Öster-reicher Julius Hofmann übernahm.

Das Schloss von Versailles, das Vorbild für Herrenchiemsee

Wie das Schloss Herrenchiemsee wird auch das in den Wäldern von bei Viroflay gelegene Schlosses von Versailles von monumentalen Sichtachse bestimmt. Auch sie verbindet das Bauwerk mit der Landschaft, sondern genauso mit der Geschichte des Landes. In Versailles ist die Achse ist im Nordwesten auf den Sonnenuntergang an Mariä Himmelfahrt und im Südosten auf den Sonnenaufgang am 29. Oktober, dem Gedenktag der heiligen Genoveva ausgerichtet. An diesem Tag wurden die Gebeine der Stadtheiligen von Paris in einer feierlichen Prozession ins Pantheon überführt. Wie in Bayern, so spielte auch in Frankreich Maria eine wichtige Rolle in der Staatsphilosophie der Bourbonen. So war der Gründer von Versailles Ludwig XIII. wie alle Bourbonen ein glühender Marienverehrer, der es liebte, in den Heilig-tümern der Muttergottes zu beten. Wohl aus diesem Grund erließ er am 10. Februar 1638, knapp 20 Jahre vor dem Beginn des Baubeginns von Versailles in seinem Schloss von Saint-Germain-en-Laye ein feierliches Schreiben verfassen, worin er Maria zur besonderen Schutzherrin seines Reiches erwählte und ihr seine Person, seine Krone und seine Untertanen weihte.

Versailles Ausrichtung

Nahezu zeitgleich ist in Bayern eine ganz ähnliche Entwicklung zu beobachten. Bald nach seiner Amtsübernahme pilgerte Kurfürst Maximilian I. zum Bayerns bekannt- esten Marienwallfahrtsort Altötting und proklamierte dort Maria als Schutzpatronin Bayerns. Im Jahr 1610 ließ er dann eine Medaille prägen, die sie als Schutzheilige über der Landeshauptstadt mit dem Gebetsruf zeigt, `Sub tuum praesidium´ (Unter deinem Schutz) 6 Jahre später wurde dann die berühmte Bronzesatue angefertigt, die in einer Nische an der Westseite der Münchner Residenz ihren Platz fand. Sie zeigt die gekrönte Gottesmutter auf einer Mondsichel stehend, in der linken Hand das Zepter und im rechten Arm das Christuskind haltend. Eine Inschrift weist sie dort als `Patrona Bavariae´ aus.

Herzschale Ludwig II Altötting

Auch König Ludwig II. konnte sich beim Bau seines Schlosses der Tradition der Wittelsbacher nicht entziehen. Auch seine sterblichen Überreste folgten ihr nach seinem bis heute ungeklärtem Tod im Starnberger See. Während sein Leichnam heute in der Gruft der Münchner St, Michalskirche ruhen, ist sein Herz in der Gnad- enkapelle von Altöttng bestattet. In einer prächtigen Urne aus vergoldetem Silber wurde es am 16. August 1886, einen Tag nach Mariä Himmelfahrt, in einem festlich- en Trauerzug in die Wallfahrtskapelle übertragen. Aber bereits vor der Regentschaft des Märchenkönigs ließ das Haus Wittelsbach die Herzen ihrer Ahnen in kunstvoll gestalteten Urnen, auch Herzschalen genannt, gegenüber dem Gnadenbild der Schwarzen Muttergottes von Altötting bestatten. So galt doch das Herz seit der Antike als das Sinnbild für das Innerste im Menschen. In ihm wurde der Sitz der Seele, des Glaubens und der Weisheit vermutet. Diese Auffassung galt noch bis ins frühe 20. Jahrhundert fort. Hier in Altötting wurde das Bestattungsritual als ein Zeichen der engen Verbundenheit des Herrscherhauses mit der Marienverehrung gesehen.

Schloss Herrenchiemsee, die Ausrichtung

Diese Vorgeschichte macht es verständlich, dass die Blickachse von Herrenchiem- see auf den Sonnenuntergang an Mariä Geburt und zugleich auf den Sonnenaufgang am Rosenkranzfest ausgerichtet ist. Doch dies war nicht nur der Tradition des Fürst-enhauses geschuldet, sondern auch der ganz persönlichen Glaubensvorstellung Ludwigs II.

Bilder: Wikipedia/ Blick durch das Gartenparterre auf die Fassade des Schlosses, Jan Beckendorf from Graz, Austria / Das Schloss von Versailles, das Vorbild für Herrenchiemsee, Jean- Christophe BENOIST / H.Heine/Verkehrsbüro Altötting / Herzschale Ludwig II., Simulation, sunearthtools

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