Primus in Adelholzen

Adelholzen Primusquelle

Der örtlichen Legende zufolge, soll der römische Glaubensbote St.Primus die Heilquelle von Adelholzen entdeckt haben. Die Erzählung berichtet, dass er sich im 3. Jahrhundert als römischer Legionär im Chiemgau aufgehalten haben soll. Bei seiner Rückkehr nach Rom wurde er aber dann zusammen mit seinem Bruder Felicianus gefangengenommen und auf Befehl des Kaisers Diokletian getötet. In der offiziellen Heiligenlegende der beiden Brüder ist von diesem Ausflug ins bayrische Voralpenland allerdings nichts vermerkt. Dort werden Primus und sein Bruder Felicianus als vornehme Römer geschildert, die nach ihrer Taufe unermüdlich versuchten, ihre Mitbürger zum Christentum zu bekehren. Auf Grund dieser Missionsarbeit wurden sie unter Kaiser Diokletian angeklagt und an- schließend zahlreichen grausamsten Martern unterworfen, die mit drastischen Bildern die Qualen der beiden Brüder beschrieben. Nachdem sich aber Löwen und Bären sanft zu ihren Füßen gelegt hatten, wurden beide im Jahr 287 enthauptet.

St Primus Martyrium

Es wird erzählt, dass ihre Leber unversehrt blieben bis sie bestattet wurden. Papst Theodor I. ließ die Reliquien der beiden Brüder 645 in die Kirche San Stefano Rotondo überführen. Die drastische Beschreibung der Marter, die beide Brüder nicht von ihrem Glauben abbringen konnte, wurde sicher nicht ohne Grund gewählt, denn an ihrem Ge- denktag, dem 9. Juni, fand das Fest der römischen Göttin Vesta statt. Sie war die Göttin des heiligen Herdfeurers, dessen Kult durch den mythischen Gründerkönig Roms, Numa Pompilius aus Lavinium eingeführt wurde. Er soll dieses Feuer von Aeneas erhalten hab- en, der es aus Troja ins Latinum gebracht hatte. Das Jahr 287, das Todesjahr der beiden Brüder, weist ebenso auf die Spur einer geschickt gestrickten Legende, mit der bisherige Kulttraditionen überformt wurden. So ist die Zahl 287 ein Produkt aus 17 und 41. Beide spiegeln auch das Schicksal der beiden Brüder wider. Dabei steht die 41 In biblischen Texten für die Vorankündigung der Herrlich- keit auf Erden und die 17 für das Gericht und das Leiden. Aber ebenso für Gnade und Rettung.

Dioskuren-Statuen am Ende der Treppe zum Kapitol in Rom

Das Brüderpaar war aber keine Erfindung der Kirche. Sie konnte sich mit dem Motiv bei antiken Vorbildern bedienen. Sie gab es in Gestalt der beiden Gründer Roms, Romulus und Remus, aber auch ini den Dioskuren. Gerade diesen beiden Brüder, Castor und Pollux, die einer Legende zufolge im Jahr 496 v. Chr. den Römern bei der Schlacht am Regilus den Sieg bescherten, wurden in der Folgezeit zu beliebten Gottheiten. Sie galten als Nothelfer, die von Soldaten, Seeleuten, aber auch von Reisenden und Kranken ange- rufen wurden. Bei der Anrufung bevorzugten Frauen den Ausruf `Ecastor´ und Männer `Edepol´. Ihr Tempel in Rom besaß eine heilige Quelle und ihr Fest am 15. Juli wurde mit prachtvollen Umzügen begangen. In einer griechischen Legende wurde beide in den Him- mel versetzt, wo sie auch von den Römern im Sternbild Zwilling erkannt wurden. Dessen hellste Sterne tragen ihre Namen Castor und Pollux. Dass sie diese Bedeutung erlangten, wohl noch einen weiteren Grund, denn nach der Zeitenwende war das Sternbild eng verknüpft mit der Wintersonnenwende. Die beiden Sterne Pollux und Castor waren an diesem Tag kurz nach Sonnenuntergang zu sehen. Ihr Tempel stand inmitten des Forum Romanum und dessen drei heute noch stehende Säulen, gelten als Wahrzeichen der Ruinen.

Tempel von Kastor und Pollux, Giovanni Battista Piranesi, Mitte des 18. Jahrhunderts

Laut der Gründungslegende von Adelholzen soll St. Primus bei seinem Aufenhalt im Chiemgau die heilsame Wirkung des Quellwassers `im Holze des Adlo `entdeckt haben. Wie in vielen anderen Fällen dient auch hier ein erfundener männlicher Name dazu, um einen Besitz darzustellen und damit den  Namen des Ortes zu erklären. Obwohl hier bereits das Wort Adel durchscheint, lohnt sich ein Blick zu anderen möglichen Erklärung- en. So ist auch der aus dem Indoiranischen Raum stammende Name Adele als Ursprung ebenso denkbar, wie das lateinische Verb adire, das bitten bedeutet. Trotz der promin- enten Heiligenlegende, findet sich eine erste schriftliche Erwähnung von Bad Adelholzen im Jahr 959 und lange danach, ab dem 16. Jahrhundert, wird es auch als Kurbad bekannt.

Engelstein

Ein ganz anderer Zusammenhang zum Name Primus lässt sich heute noch in Adelholzen finden. Die lateinische Bedeutung des Namens Primus, Erster, trifft durchaus auf ein Datum zu, dass über lange Zeit den Beginn des bäuerlichen Jahres markierte: der 1. Februar, oder dem christlichen Feiertag Mariä Lichtmess. So ist vom Gebiet der Quelle aus der Sonnenuntergang an diesem Tag über dem Engelstein, zwischen dem Zinnkopf und Bairerkopf aus zu sehen. Im keltischen Raum hieß das Fest Imbolc, das sich vom irischen imb-folc, die Rundum-Waschung ableitet und ein Reinigungsfest war.

Adelholzen Sonnenkalender

Tacitus, aber auch Diodor beschreiben in ihren Werken ein Brüderpaar, das bei den Völk- ern des Nordens verehrt wurde und dem von Castor und Pollux glich. Sie wurden die Alcis genannt, wobei dieser Name auf das lateinische Alces, die Eiche, zurückgeführt werden kann. Ach sie wurden als Schutz- und Hilfsgottheiten angesehen. Eine Verbindung der nordischen Brüder zur St. Primuslegende und der Entdeckung der Heilquelle bietet die Zeit um 300 n. Chr. In dieser Zeit war die Landschaft ein idealer Kalender für Stern- und Son- nensichtung.  So lagen die Erstsicht des Pollux aus dem Sternbild Zwilling zur Winter-sonnenwende und der Sonnenaufgang am 1. Februar über dem Engelstein auf einer Linie. Neben ihrer Heilwirkung, bot sich die Quelle also auch als idealer Ort an, um die Zeit anzuzeigen. Diese Bezüge sind längst vergessen und so wird heute das Quellwasser, völlig trivialisiert, als übernatürliche Kräfte verleihendes Medium vermarktet.

Bilder: Wikipedia / Martyrium von Felicianus und Primus. Darstellung aus der französ-ischen Übersetzung der Legenda aurea des Jean de Vignay, 14. Jahrhunderts , Polylerus / Dioskuren-Statuen am Ende der Treppe zum Kapitol in Rom, Lalupa /Rom, Tempel von Kastor und Pollux. Blick von Westen. Zeichnung von Giovanni Battista Piranesi. Mitte des 18. Jahrhunderts, Marcus Cyron / http://www.chiemgau-wandern.de/common,engelstein, Katharina Huber / Chiemgauinfo/ Primusquelle / Simulation, Stellarium, sunearthtools.

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