Ziege und Schwan im Geißenklösterle

Geißenklösterle im Bruckfelsmassiv (Achtal), Foto: Dr. Eugen Lehle

Funde aus der Höhle Geißenklösterle erzählen von einer Menschheitsgeschichte, die sich vom 300. bis ins 4. Jahrtausend erstreckt. Betrachtet man heute die Höhle, so kann man sich kaum vorstellen, weshalb die unterschiedlichsten Kulturen, vom Mittel-paläolithikum bis zur Ackerbaugesellschaft der Michelsberger Kultur diesen Ort immer wieder aufsuchten. Aber gerade im Ach – und Lonetal müssen diese frühen Nomad- en bereits erkannt haben, dass Teile der mäandernden Landschaft perfekt mit den Bewegungen von Sonne und Mond über einstimmen. Einer dieser Sporne, um die die Ach mäandert, liegt bei Weiler, einem Teilort von Blaubeuren. Aus der Luft betrachtet, liegt die Mittellinie dieser Spornes auf der Richtung er großen Mond- wenden. Nahezu in einem Halbkreis fließt hier die Ach um den Sporn auf dem die Höhle Geißen- kößterle liegt . Der Durchmesser dieses Kreises trifft im Nordosten auf das Felsen-labyrinth und die daran anschließende Brillenhöhle

Geißenklösterle und Mondrichtungen

Der Name Geißenklösterle soll im Mittelalter entstanden sein, als Hirten hier ihre Ziegen zum Schutz in die geräumige Höhle trieben. Doch wie der Sporn der Richtung des Mondes folgt, so folgt auch die Höhlenraum mit seinen parallelen Seitenwänden der Richtung der großen Mondwende Süd. War es also ein Mondkult, der die Menschen mit diesem Ort verband? Der heutige Name deutet auf einen Rest dieses Wissen hin, das einst die Menschen mit dieser Landschaft verbanden.

Speisung des Zeus, Jacob Jordaens.um 1640. Foto, The Yorck Project: DIRECTMEDIA Publishing GmbH

In einer der griechischen Götterlegenden säugte die Nymphe Amaltheia in Ziegen-gestalt das neugeborene Zeuskind, das vor seinem rachsüchtigen Vater Kronos nach Kreta flüchte. Amaltheia war eine der neun Ammen des göttlichen Zeus. Mit ihrer Milch säugt sie ihn und aus deren Hörnern flossen Nektar und Ambrosia. Der dankbare Zeus versetzte die Ziege deshalb später als Stern Capella, die kleine Ziege, an den Himmel und ihr abgebrochenes Horn machte er zum Füllhorn. So wurde dieses zum Symbol der fruchtbaren Natur und ebenso ein Attribut segens-spendender Gottheiten. Das Sinnbild der Erdfruchtbarkeit, Vegetation und der im Frühjahr erwachenden Triebkraft wurden fortan mit der Gestalt des Ziegenbockes verbunden. In allen Kulturen galt die Ziege als weibliches Pendant zum Sonnengott. Während der Christianisierung änderte sich dieses Bild des Ziegen-bockes radikal, denn während des Mittelalters wurde er zum Symbol des Bösen und galt als Ver- körperung des Teufels.

Luna, einer von 7 Planeten, Kupferstich Hans Sebald Beham, 1539, Scan by Yellow Lion

In der klassischen Astrologie ist der Mond das Symbol für das Weibliche, das Empfängliche, die Innerlichkeit und das Unbewusste, aber auch für das Vergängliche und den beständigen Wandel. Einen verdeckten Hinweis zur einstigen Macht-verteilung der alten Götter bietet ja auch die geschilderte Legende des Zeus. Eine Nymphe, Vertreterin des weiblichen Prinzips, füttert den hilflosen Säugling, der später zum Herrscher des Götterimperiums aufsteigt. Aber auch der Schwan verkörpert dieses weibliche Prinzip. Mit seinem langen biegsamen Hals und seinem weißen Gefieder gilt er zudem als Sinnbild der Reinheit und Anmut. Zudem gilt der weiße Schwan in der Kulturgeschichte als ein Symbol des Lichtes, der Reifung und Vollen- dung.

Sternbild Schwan, Erstsicht des Sternes Deneb zu dieser Zeit am Abend der Wintersonnenwende

Aus diesem Grund wurden Schwäne in den Mythologien vieler Völker zu Begleittiere von Göttern, wie Apollon, Brahma oder in einer Verwandlungsform der Göttervater Zeus. Ganz passend zu dieser Vorstellung wurde in der Höhle auch eine Flöte ge- funden, deren Alter auf rund 43000 Jahre geschätzt wird. Sie wurde einst aus dem Flügelknochen eines Singschwanes geschnitzt. Das Instrument konnte bereits 1990 aus über 20 Fragmenten zusammengesetzt werden und hat eine Länge von 126,5 mm. Mit nur drei Grifflöchern hat sie eine relativ hohe Tonlage, die damit der Stimme von Singschwänen nahekommt. Maß und Material weisen jedoch noch auf zwei wichtige Aspekte hin. Das Maß 12,65cm unterscheidet sich nur 1,1% vom 1/8 m, dem Maß, das auch die Entfernung vom Hohle Fels und der Sirgensteinhöhle bestimmt. Dass ausgerechnet ein Schwanenknochen für die Flöte verwendet wurde, dürfte aber noch einen andern Grund besitzen. Das außergewöhnlich beein-druck- ende Sternbild des Schwanes stand zum Herbstäquinoktium, kurz nach Sonnen-untergang wie ein Kreuz im Norden und kurz nach Sonnenuntergang zur Winter-sonnenwende nahezu waagrecht am Himmel. In dieser Position sah er dann aus, als würde er der neugeborenen Sonne entgegen fliegen. Der Schwan lieferte also nicht nur das Werkmaterial für die Flöte, sondern war in dieser Epoche ein wichtiger Zeitmarker am Himmel und damit sicher auch eine mythologisch bedeutsamen Gestalt. Die Gestalt des Schwanes wirft aber auch die Frage auf, ob diese Bilder auf Grund ihrer Ähnlichkeit zu Tierwesen, ab dem ersten Erkennen am Himmel zu Urbildern der Menschheit wurden.

Nachbildung der Flöte 1, Foto José-Manuel Benito Álvarez

Bilder: Wikipedia / Geißenklösterle im Bruckfelsmassiv (Achtal), Foto: Dr. Eugen Lehle / Speisung des Zeus, Gemälde von Jacob Jordaens (um 1640). Links der kleine Zeus; unklar ist, ob die melkende Nymphe oder die Ziege Amaltheia darstellt., Jacob Jordaens – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH./Luna, einer von sieben Planeten (Kupferstich von Hans Sebald Beham, 1539), Scan by Yellow Lion / Nachbildung der Flöte 1, José-Manuel Benito Álvarez/ Simulation, Sunearthtools, Stellarium, Opentopomap /

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