Schlange, Schwan und Baldenstein

Ruine Baldenstein (Altes Schloß), oberhalb des Fehlatals

Einst stand hier die stolze Burg des gewaltigen Raubritters Kunibert. Diese Burg zierten 5 Türme und auf einem von ihnen saß ein sprechender Hahn. Da der Hahn so umsichtig war und alles sah, konnte der Ritter ohne Sorge um seinen Besitz zu neuen Raubzügen aufbrechen. Doch er ahnte nicht, dass ihn einst eine Hexe bei dem Handel mit seinem Sohn betrogen hatte. Tief im Keller von Baldenstein musste seine schöne Tochter Walburga den Schatz hüten. Dabei war sie so schön, dass all der Glanz des Goldes neben ihr verblasste. Eines Tages kam aber ein Königssohn in seinen schönsten Kleidern, verbeugte sich vor der Schönheit und setzte ihr ein goldenes Krönlein auf. Frisch verliebt, gingen beide eng umschlungen durch den Burggarten, doch niemand achte auf die Gefahr. Als Kunibert von seinem Raubzug zurückkehrte schrie er: `Beim Teufel, wie ist das zugegangen? Geht da mein einzig Kind mit einem fremden Manne und trägt ein goldenes Krönlein auf dem Haupt. Das wird aus meinem Schatze stammen, den ich zu hüten ihr geboten! Du Schlange, Du erbärmliche!´, fluchte er in wildem Zorn und zückte sein blutiges Schwert. Mit voller Kraft stieß er es dem Königssohn in den Rücken und tötete ihn. Als Walburga niederkniete erhob ihr Vater das Schwert ein zweites mal und da erfüllte sich ein alter Fluch. Walburga verwandelte sich in eine Schlange mit giftgrünen Augen und zischelnder Zunge. Kurz darauf wurde Kunibert von den Wachhunden der Burg aufge-fressen. Die leere Burg wurde bald darauf von Plünderern verwüstet. So blieb der Ver- wunschenen nur die Hoffnung auf Erlösung von dem Fluch. Den konnte aber nur ein Neugeborenes aus dem Fehlatal bringen. Wird im Tal ein Kind geboren, so soll man noch heute in den Wurzeln, wo die Schlange lebt, einen Jubelschrei hören. Hier hofft sie noch immer dass sie einst von ihrem Bann erlöst wird.

Schlangentöter im Mittelalter

Die Burg Baldenstein, in der die Verwunschene noch immer ausharrt, wurde um 1050 bis 1100 von den Grafen von Gammertingen erbaut und diente ihnen vermutlich als Stam- msitz. Das Dorf am Fuße der Burg gelangte über eine Schenkung in die Hände des Klosters Zwiefalten. Das Geschlecht der Grafen überdauerte kaum 100 Jahre und nach dessen Ende gelangte die Burg in die Hände der Grafen von Veringen. Danach muss sie aufgegeben worden sein und geriet rasch in Vergessenheit. Erst 1933 wurde sie wieder entdeckt und ihre Ruine freigelegt. Ihr Name Balde ist heute in seiner ursprünglichen Bedeutung nicht gebräuchlich. Bereits im Mittelhochdeutschen begann sich die heutige Bedeutung bald , unverzüglich, oder plötzlich durchzusetzen. Doch im ursprünglichen Ge- brauch war es die Kurzform von baldheri, einer Zusammensetzung aus den Worten kühn und Heer. Der Baldenstein kann also als Burg der Kühnen und Wagemutigen gedeutet werden.

Blick ins Fehlatal

Ottonische Königskrone (Domschatz Essen)

Das Goldene Krönlein der Tochter Krone ist mithin auch ein Ausdruck der herrschaftlichen Würde, der Macht und der Weihe. Sie verweist auf die reifartigen Kronen, den Symbolen des Königtums. Hinter der ringartigen Struktur einer Krone steht auch die Symbolik des Kreises, der Aspekte wie Vollkommenheit und Unendlichkeit verkörpert. Sie führen zur alten Verbindung von König und Gottheit. Auch bei deren Darstellungen taucht oft eine Krone in Gestalt einer Sonnenscheibe auf. Sie spielte auch bei der Ausrichtung von Baldenstein eine wichtige Rolle, denn auch im 11. Jahrhundert lebte die vorchristliche Tradition weiter sich mit Hilfe von Ausrichtung den Schutz von himmlischen Mächten zu versichern. In dieser Zeit ist es aber nicht mehr der Zeitpunkt der Sommersonnenwende die sich auf dem Felssporn angeboten hätte, sondern der in unmittelbare Nähe liegende Gedenktag von Johannes dem Täufer. An diesem Abend steht die Sonne in der Burgachse direkt auf der Horizontlinie.

Baldenstein und Schwan

Da in der christlichen Theologie der Erlöser als verus Sol konzipiert wurde , wurde auch dessen Verkünder, der letzte große Prophet mit der Sonne in Verbindung gebracht. Diese Verbindung zur Sonne zeigt sich auch der Lebensgeschichte des Johannes, in der Geburts- und Todesort auf der Linie der Sonnenwenden liegen. Auch sein Tod mit der Enthauptung verweist auf den vorchristlichen Brauch, der rituellen Tötung von Sonnen-göttern. Sie wurden getötet, damit die zur Zeit der Wintersonnenwende wieder neu gebor- en werden könnten. Allein mit Johannes glaubten die Burgherrn wohl noch keinen voll- kommenen Schutz der Burg zu erreichen. Dafür sorgte dann der Schwan als Zeitgeber. Der erinnerte am Morgen des 15. August mit seiner Letztsicht an den Feiertag Mariä Himmelfahrt. Das Motiv des Schwanes führt zurück zum Name der Burg Baldenstein, die Burg der Wagemutigen. Kein Tier verkörperte in den damaligen Vorstellungen Edelmut und Kühnheit mehr als der Schwan.

Bilder: Wikipedia/ Ruine Baldenstein, auch Altes Schloß genannt. Oberhalb des Fehlatals bei Gammertingen, Pentachlorphenol / Ottonische Krone aus dem Essener Domschatz , Martin Engelbrecht / Simulation Sunearthtools, Stellarium

Ellwangen und sein Elch

Der heilige Hariolf mit der Stiftskirche von Ellwangen, um 1600

Auch die Gründung der Stadt Ellwangen wird auf ein wundersames Ereignis zurückge-führt. Dieses wird in der Vita Hariolfi, der Lebensbeschreibung des Gründers Hariolf, ge- schildert. Das Dokument, das die Umstände der Gründung Ellwangens erklären soll, zählt zu den wichtigsten Dokumenten der Stadt. Darin wird geschildert wie Hariolf im Virngrund- wald jagte und er und seine Begleiter einen großen Elch entdeckten. Nach langer Jagd gelang es ihm schließlich den Elch zu erlegen und Hariolf schlief darauf ermüdet ein. Doch im Traum hörte er plötzlich den Schall von Glocken. Hariolf erwachte, stand auf und bekreuzigte sich. Anschließend schlief wieder ein, aber der Traum verfolgte ihn erneut. Als er im Traum die Glocken zum dritten Mal vernahm, fragte er einen Mann aus seinem Gefolge: `Hast Du nichts gehört? Doch, ein Aushallen von Glocken vernehme ich.´ Das Erlebnis erschütterte ihn so sehr, dass er von diesem Zeitpunkt an allen Freuden der Welt entsagte und ein Anhänger Christi wurde. Zusammen mit seinem Bruder, einem Bischof, errichtete er schließlich im Jahre 764 an der Stelle, wo er seine Traumvision hatte das Benediktinerkloster Ellwangen.

Elchbulle mit ausgeprägtem Kinnbart

Die Vita wurde vom Ellwanger Mönch Ermenrich, dem Sohn einer schwäbischen Adels-familie, wahrscheinlich in der Mitte des 9. Jahrhunderts verfasst. Emmerich galt als angesehener Schriftsteller, aus dessen Feder mehrere Viten stammten, wie des Sualdo aus Solnhofen und des heiligen Magnus aus Füssen. Hariolf, der später heilig gesprochen wurde, stammte aus einer bajuwarisch-alamannischen Adelsfamilie. In der Vita wird Hariolf als verdienstvoller Bischof der Abtei von Langres geschildert. In der dortigen Bischofsliste ist auch für die Jahre 759-772 ein Bischoff Herulphe, St. Herulphus oder Hanolfus vermerkt. Die deutsche Form des Namens Hariolf setzt sich aus dem althoch-deutschen Wort heri,  das Heer und der Bezeichnung des Wolfes zusammen. Hariolf kann also im übertragenen Sinn, wie der Heerwolf des Glaubens gesehen werden. Er wurde in einer Stadt ausgebildet, die bereits im 4. Jahrhundert christianisiert wurde undgleich mehrere Heilige hervorgebrachte. Hariolf hatte also  die besten Voraussetz- ungen um Ellwangen zu einer Erfolgsgeschichte zu machen.

Alamannen Krieger

Wohl weil es Unsicherheiten in seiner Biographie gab und die Geschichte des Elchs gar zu abenteuerlich klang, verwarfen Historiker schließlich den ursprünglichen Grund der Namensentwicklung. Sei es aus Unkenntnis der örtlichen Situation, oder auch aus mang- elnder Kenntnis der einst verwandten Symbole, ist heute in der offiziellen Darstellung von einer alamannischen Siedlung die Rede. Ein malerisch, abschüssiger Wiesenhang, so wird vermutet, wurde damals Weideland des Alaho genannt. Auf die Erklärung eines Stadtnamens mit einem vermeintlichen Adligen trifft man häufig. Mit ein Grund ist wohl auch das patriarchalische Geschichtsverständnis. Dabei wäre es viel sinnvoller, den Ort und seine Eigenschaften näher zu betrachten. Im Jahr 764 wurde das Benediktinerkloster in Ellwangen gegründet, also nur 18 Jahre nach dem der Merowinger Karlmann beim Blutgericht in Cannstatt die führende Adelschicht der Alamannen beseitigen ließ. Dies lässt erkennen, wie zügig und effizient die Missionierung des süddeutschen Raumes erfolgte.Dass der Ort des Klosters sicher schon vor der Christianisierung eine Bedeutung hatte, zeigen auffällige Sichtbezüge zum Schönenberg, dem Schlossberg, dem Buch- enberg und auch dem im Osten liegenden Galgenberg.

St Vitus und der Sonnenkalender

Während sich vom Klosterstandort die nördliche Mondwende über dem Schönenberg abspielt, ist über dem Schlossberg der Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende an der nördlichen und der am 1. Mai auf der südlichen Seite zu sehen. Ein Tag zuvor, der alpurgisnacht, war von hier aus der Sonnenuntergang über dem Galgenberg zu sehen. Wohl ein Grund warum gerade hier der Stadtgalgen errichtet wurde.Für einen frühgeschichtlichen Sonnenkalender am Standort des Klosters war der Schlossberg also ein idealer Zeitzeiger. Diese solare Beziehung führt zurück zum eigentlichen Ausgangs- punkt der Hariolflegende, dem Elch. In der althochdeutschen Sprache wird der Elch elah* genannt, also eine ähnlicher Lautfolge wie der vermutete alamannische Eigenname Alaho. Das Wort entwickelte sich aus dem germanischen *algi-, *algiz, wobei Algiz ebenso eine Rune bezeichnet. Algiz bedeutet Schutz, doch in der gotischen Bedeutung wurde darin ein Schwan gesehen.

Basilika St Vitus

Der Bezug des Klosters zur Sommersonnenwende lässt auch den heilige Vitus, als Patron der Klosterkirche plausibel erscheinen, denn sein Gedenktag wird am 15. Juni gefeiert, also kurz vor der Sommersonnenwende. Mit St. Veit (Vitus)  verbindet sich auch das Glockenmotiv, denn in einem alten Spruch der Volksfrömmigkeit heißt es: `Heiliger St. Veit / wecke mich zur rechten Zeit; / nicht zu früh und nicht zu spät, / bis die Glocke … schlägt. Auch der Elch lässt sich wie der Hirsch mit dem neuen Glauben in Verbindung bringen. Als Jagdtier war er dem Hirsch gleichgesetzt. Der wurde als einstiges Symbol der Fruchtbarkeit in Gestalt des Cernunnos nun zum Symbol von Christus. Doch der Blick hinauf zum Schlossberg, wo die Sonne an zwei wichtigen Kalenderdaten erscheint, bietet noch eine weitere Erklärung für den Stadtname, das lateinische Wort elevare, erheben.

Wikipedia:Der heilige Hariolf mit der Stiftskirche von Ellwangen, um 1600, Basilika St. Vitus / Elchbulle mit ausgeprägtem Kinnbart / Das ehemalige Jesuitenkolleg und die Stiftskirche / Elch / Simulation sunearthtools

Die St. Michael Ley-line

st-michaels-moundSt. Michael’s Mount von Penzance aus

Die St.Michael Ley-line ist neben der Belunus Linie eine der bekanntesten Verbindungs-linien zwischen bedeutenden historischen Orten in England. Westlichster Punkt der Linie ist der Ort Penzance an der Westspitze Cornwalls. Treffender hätte der Ort nicht benannt werden können, denn der Name stammt aus der kornischen Sprache und wird mit heilige Landspitze übersetzt. Die Linie führt quer durch Südengland und endet bei Great Yarmouth, der ehemaligen römischen Garnison Gariannonum. In ihrem Verlauf durchquert sie einige der wichtigsten prähistorischen Stätten im Süden Englands. Darunter befinden sich die Steinsetzungen wie The Hurlers, Glastonbury Tor, Avebury, Waulad Bank und einige Orte mit Kirchenbauten aus den Anfangszeiten der Missionierung

hurlers-nordringThe Hurlers, Nordkreis

Der begriff Ley-line entwickelte aus dem altenglischen Begriff ley, der mit Licht oder Rodung übersetzt wird. So lassen sich auf Karten auch immer mehrere Orte identifizieren die diese Endung tragen. 1921 vermutet der Amateurforscher Alfred Watkins, dass die Aneinanderreihung von Ortsnamen mit gleicher Endung auf ein prähistorisches System alter Handelspfade zurückgehen könnte. Andere Erklärungsversuche sahen in den Linien dagegen astronomische Hintergründe oder gar Kraftfelder. Diesen Gedanken führte der Schriftsteller John Michel Ley weiter aus und verband die Ley-lines mit dem Gedanke geo- mantisch bestimmbarer Kraftfelder die gerade bei frühgeschichtlichen Kultstätten immer eine Rolle spielten. So wird die St.Michael Ley-line in spirituellen Kreisen auch mit einem Drachenpfad gleichgesetzt. Doch nicht alle Orte liegen immer exakt auf einer Flucht liegen vermutete der berühmte Geomant Hamish Miller, dass zur St.Michaels Ley-line in Wirklichkeit noch eine zweite, die St. Mary´s Line dazu gehören müsse.

st-marys-penzanceSt Mary’s Church, Penzance

Betrachtet man aber die einzelnen Orte, vermisst man auf der Linie bedeutende Michaelskirchen. Bereits in Penzance trifft man auf die St. Mary`s Church und im 20 Km nordöstlich liegenden Camborne auf eine dem St. Martin und St. Meriadoc geweihte Kirche. Auch am Ende der Linie, in Great Yarmouth, zählt die St. Nicolas Church zu den ältesten Kirchenbauwerken der Stadt. Nur der 5 Kilometer westlich, in der Bucht von Penzance liegende St. Michaels Mound erinnert an den Namen der Linie. Doch die Insel liegt über 1,5km außerhalb der berühmten Ley-line. Er weist auf die im 5. Jahrhundert beginnende Michaelsverehrung in England hin. Der Engel soll dort im Jahr 495 vor der Insel Marazion, dem heutigen St. Michaels Mound, einigen Fischern erschienen sein, aber erst im 6. Jahrhundert erfolgte dort eine Kloster-gründung. Nach der normannischen Eroberung wurde die bestehende Abtei dann den Benediktinermönchen des Klosters auf dem Mont St. Michel in Frankreich übertragen.

michaelslinie-englandSt Michaels Ley-line

In der Folgezeit ließ der französische Abt Bernard le Bec die Kirche auf der Hügel-spitze errichten und sie wurde während des Mittelalters zum Ziel zahlreicher Pilger. Doch der St Michaels Mound war schon lange vor der Christianisierung ein wichtiger Handelsknotenpunkt, denn hier befand sich bereits während der Eisenzeit ein Zent- rum zur Verschiffung von Zinn. Trotz den nur sporadisch anzutreffenden Kirchen die auf Michael hinweisen, hat die St Michaels Ley-line einen direkten Bezug zu ihm, denn der Verlauf der Linie folgt im julianischen Kalender dem Sonnenaufgang am 8. Mai.

michaelslinie-europaSan Michele Linie

Dieses Datum hat in der Geschichte der Michaelsverehrung wohl noch eine viel größere Bedeutung als sein Gedenktag am 29. September. Sein erstes Heiligtum liegt auf dem 796 m hohen Monte Gargano im apulischen Garganogebirge, in der Nähe von Manfredonia. Die Bedeutung des Ortes geht auf die Erscheinung des Erz- engels Michael zurück, die sich zwischen den Jahren 490 und 493 dort in einer Grotte ereignet haben soll. In seiner ersten Erscheinung an einem 8. Mai wünschte er sich von anwesenden Bauern die Errichtung eines Heiligtums. Dieses Ereignis fiel in eine Zeit als die Kirche unter dem Pontifikat von Papst Gelasius innerlich gespalten war. Im Osten des römischen Reiches verbreitete sich die monophysitische Lehre, während im Westen der Arianismus immer mehr Zuspruch erfuhr. Zudem begann das Reich der Ostgoten zu zerfallen und Vandalen bedrohten im Süden das Kernland des ehemaligen römischen Reiches. Der Sonnenaufgang verweist also auf ein wichtiges atum des heiligen Michiael der nicht nur Schlachtenhelfer war, sondern durch wund- ersame Ereignise dazu dienen sollte, die Kirche wieder zu einen. Die wichtigste Michaels Linie, die San Michele Linie führt von Irland bis ins Mittelmeer und verbindet wichtige Michaelsorte quer durch Europa. Sie beginnt in Skellig Michael, dem Michaels Felsen mit einem der am schwersten zugänglichen Klöster, führt über dem St Michaels Mound und Mont Saint Michel, nach Sacra di San Michele im Val di Susa-Piemont, weiter nach San Michele in Monte Angelo-Apulien, bis zum Kloster St. Michel auf der griechischen Insel Simi. Trotz der großen Distanz ist auch dieser Linie auf das gleiche Datum der wundersamen Erscheinung am 8. Mai hin ausgerichtet und zwar auf den Sonnenuntergang. Die geringe Abweichung der einzelnen Punkte und auch die Ausrichtung auf den Sonnenuntergang zeugen von einem alten Wissen der Vermessungstechnik, die erst wieder im 18. Jahrhundert erreicht wurde.

Bilder: Wikipedia / St. Michael’s Mount von Penzance aus, me / The Hurlers, Nordkreis, Brudersohn / St Mary’s Church, Penzance , Bill Henderson / Simulation, sunearthtools

 

Das Fenster zum Himmel – Kaiserdom Aachen

kaiserdom-o1Kaiserdom Aachen, Blick vom Katschhof

Der im Jahr 794 begonnene Bau übertraf an Größe alle Kirchen zu jener Zeit. Mit dem Zentralbau des Oktogons orientierte sich an byzantinischen und italischen Vorbildern wie San Vitale in Ravenna. Reste römischer Bauwerke, wie Baumaterial und Spolien aus dem gesamten ehemaligen römischen Reich wurden verwendet, um die Vision Karls des Großen zu realisieren. Die Maria geweihte Kirche bildete schließlich die Keimzelle eines völlig neuen Regierungsstiles, denn in den Jahren zuvor pflegte der junge König mit seinem Gefolge noch von Pfalz zu Pfalz zu reisen und verfügte so über keinen Mittelpunkt für seinen Hof. Doch Aachen war Knotenpunkt von Verkehrswegen und bot neben einem angenehmen Klima auch eine große Anzahl von Heilquellen. Ab 788 reifte deshalb Karls Entschluss hier den Mittelpunkt seines Reiches zu schaffen.

karlsschrein_karl_der_grosseKarl der Große, Darstellung auf dem Karlsschrein

Nicht nur das baukünstlerische Programm mit seiner durchdachten Symbolik, auch die Ausrichtung des Domes bietet einen Einblick in die Kirchen- und Machtpolitik von Karl dem Großen. So ist er doch fast genau nach Osten ausgerichtet, der Richtung in der sich im Orient die heiligen Stätten der Christentums befanden. Doch die winzige Abweichung von einem Grad zeigt die vielschichtige Heilskonzeption des Bauwerkes. Obwohl Maria geweiht, zielt die Gebäudeachse keinesfalls auf einen der Marienfeiertage. Wie beim Kaiserdom in Speyer, dienen auch hier zwei Patrone dazu, den Schutz der Kirche zu gewähren. Zum einen ist aus guten Gründen die Hauptpatronin Maria, deren Hochfest Annunziata zur Ausrichtung des Domes mit herangezogen wurde und zum anderen ist dies der heilige Michael. Frühzeitig hatte Karl der Große ihn zum Schutzpatron seines Reiches erkoren und ihm war auch ein Altar geweiht der sich hinter dem Kaiserthron befand.

pfalzkapelle-plan-01Ausrichtung des Domes

marienschrein01Marienschrein, für die Heiltumsfahrt geöffnet

Während der Errichtung des Domes und auch in der Folgezeit hatte Karl eine Menge Reliquien in seinen Besitz gebracht. Neben seinem Talisman, der laut einer Legende eine Haarlocke der Jungfrau Maria enthalten soll, hatte der Dom aus Jerusalem vier wichtige Relquien zu seiner Eröffnung erhalten. Die fränkischen Reichsannalen berichten, dass zur Eröffnung das Kleid Mariens, die Windeln Jesu, sowie sein Lendentuch und das Enthauptungstuch von Johannes dem Täufer ausgestellt wurden. Heute werden diese Reliquien, die alle mit einem farbigen Seidenband umwickelt sind, im Marienschrein aufbewahrt, der sich in der gotischen Chorhalle des Domes befindet. Schon zu Zeit Karls des Großen stieß dessen Reliquenbegeisterung keinesfalls auf ungeteilte Zustimmung. Einer seiner der wichtigsten Berater, der frühmittelalterliche Gelehrte Alkuin schrieb damals an Erzbischof Ethelhard von Canterbury, dass er den aufkommenden Brauch, Reliquien um den Hals zu tragen, unterbinden möge. Seiner Auffassung zufolge sei es besser, die Vorbilder der Heiligen mit dem Herzen nachzuahmen, als nur ihre Knochen in Säckchen herumzutragen. Die Worte des Gelehrten verhallten ebenso, wie die anderer Kritiker, denn die Reliquenschau erfreute sich rasch großen Zuspruches unter den Gläubigen. Bereits zu Karls Zeiten kamen die ersten Pilger nach Aachen und während des Mittelalters entwickelte sich die Aachener Heiltumsfahrt zur bedeutendsten Wallfahrt im deutschsprachigen Raum. Nach der Heiligsprechung Karls des Großen stand dabei der Karlskult und die Verehrung des Gnadenbildes im Vordergrund. Im Laufe des Mittelalters rückten dann die erwähnten textilen Reliquien immer mehr in den Vordergrund. Auch spöttische Beschreibungen über die in Aachen ausgestellte Kleiderkammer des Herrn taten der religiösen Begeisterung keinen Abbruch. Während der Reformation ließ das Interesse an der Heilstumsfahrt spürbar nach und wurde im 18. Jhd. sogar verboten. Doch heute steigt die Pilgerzahl wieder unaufhörlich an.

michael-raffaeloRaffael, Der heilige Michael tötet den Dämon

Beide, Maria und Michael erwiesen sich auch in der Zukunft noch als prägende Gestalten der Geschichte. Nach der Teilung des Frankenreiches wurde Michael der Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches und lebt heute als Spottbezeichnung im Deutschen Michel weiter. Marias Rolle in der Einigungsgeschichte Europas wurde an den Rand gedrängt. Nur noch wenige Orte, wie Wallfahrtskapelle Maria, Mutter Europas, auf dem Großen Heuberg über dem Bärenthal im Schwarzwald, erinnern noch an ihre einstige Rolle. Ganz entgegen ihrem heutigen Bild erfüllte sie in den knapp ein Jahrtausend anhaltenden Kriegen gegen den Islam die Funktion einer antiken Schlachtengöttin die den Sieg garantieren sollte. Bestärkt im Glaube an sie gelang die Rückeroberung Spaniens und sie verhalf ebenso zu den wichtigen Siegen bei den Schlachten in Lepanto und am Kahlenberg bei Wien. Im Zeichen Europas lebt sie aber bis heute fort, denn das Blau ihres seit dem Mittelalter beliebten Schutzmantels wurde zum Blau der europäischen Flagge und der in vielen Bildern auftauchen Sternenkranz mit den 12 Sternen lebt in den 12 Stern- en der Flagge weiter. Insofern folgt der Staatenverbund antiken Traditionen, wo Städte oder auch ganze Staaten einer weiblichen Schutzgottheit unterstellt wurden.

Bilder: Wikipedia / Blick vom Katschhof am Abend, 2007 א (Aleph) / Karl der Große auf der Frontseite des Karlsschreins, ACBahn / Raffael, Der heilige Michael tötet den Dämon/ Simulation, sunearthtools