Die Quellen der Fils

Landschaftsschutzgebiet Oberes Filstal, unweit des Quelltopfes

Die Fils entspringt unter einem Bergsporn in einem abgelegenen Tal bei Wiesensteig. Zum Ursprung ihres Namens Filisa, der erstmals im Jahr 861 in Erscheinung tritt, gibt es mehrere Vermutungen. Eine zielt auf das germanische Wort filis, der Fels. Dies würde auf den heute überwachsen Bergsporn zutreffen. Eine weitere sieht den Namensursprung in der indogermanischen Silbe `pel´, was fließen bedeutet. Sie soll später eine lautliche Ver- änderung erfahren haben. Beide Erklärungen wollen aber nicht zur alten Schreibweise des filsgaues passen. Diese Landschaftsbezeichnung taucht in Urkunden in unterschiedlichen Versionen auf, wie Filisgawe, aber auch Filiwisgow, oder Philisgow. Hier setzt die Vermut- ung an, dass der Fluss einst Felwisa hieß und sich aus dem germanischen Wort felwa entwickelte, das Weide bedeutet. Auch im Mittelhochdeutschen hat sich der Name für die Weide mit velwa erhalten und ist heute im Schwäbischen noch als Felbe gebräuchlich. Auf den ersten Blick konnte dies auf einen einst dichten Weidenbestand entlang des Flusses schließen lassen. Folgt man aber der Flis bis zu ihrem Ursprung im Hasental bei Wiesensteig, so bietet sich hier auch eine ganz andere Erklärung an.

Silber-Weide

Eine Wasserquelle, wie auch Fließgewässer, waren schon immer Sinnbilder für Fruchtbarkeit, aber auch für Vergänglichkeit. Daher wurden Flüsse in vorchristlicher Zeit auch als Sitz chtonischer Gottheiten, den erdbezogen Gottheiten gesehen. Weil sie den Menschen Nahrung brachten, wurden Flussgötter(innen) auch gerne mit einem Füllhorn dargestellt. Männliche, wie weiblich Flussnamen die sich daraus ableiteten, sind heute in etwa gleicher Anzahl vertreten. Nur wenige Orte wie die `Fontes Sequanae´, die Quelle der Sequana in Saint-Seine-l’Abbaye bei Dijon, verweisen heute noch direkt auf die einstige Rolle von Flussgöttinnen. Hier wurden bislang neun Inschriften gefunden, in denen die Sequana, die Göttin der Seine namentlich erwähnt wurde. Alle enthalten Dankesbezeugungen, in den die Heilkräfte der Göttin gerühmt wurden. In dem Sumpfgebiet, in dem die Quelle entspringt, gab es vermutlich bereits ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. einen Tempelbezirk, in dem kult- ische Handlungen begangen wurden. Die Naturgottheit, die einst als Erscheinung in der Landschaft verehrt wurde, bekam so einen baulichen Rahmen.

Statue der Sequana an der Quelle der Seine

Diesen Eindruck einer bewusst gestalteten Umgebung vermittelt auch die Filsquelle. Sie liegt vor einem Bergsporn der durch zwei Taleinschnitte vom Hang getrennt ist. Beide geben von der Quelle aus den Blick frei zum Sonnenauf- und Untergang zur Wintersonnenwende. Ein Ort also, für die perfekte Verbindung von Wasser- und Sonnensymbolik. War dies ein ähnlicher Kultort wie die `Fontes Sequanae´, so bietet sich damit auch eine Erklärung für die Namensentwicklung der Fils aus dem alten felwa, dem Weidenbaum. In der nordischen Kultur galt er als Baum der Göttin Freya deren Fest die Wintersonnenwende war. Ihr Wohnort waren Weiden aus denen sie mit ihrem von Katzen gezogenen Wagen  herausfuhr. Die Weide galt als Gebärerin des Lebens, denn im germanischen Glauben angelte die Göttin die noch ungebor- enen Kinder mit Weidenzwiegen aus dem Kosmos. Aus dem Grund trägt auch der Storch in manchen Darstellungen noch heute die obligatorische Weidenschlinge im Schnabel. Da der Baum als Wohnsitz der Göttin betrachtet wurde, gibt es auch zahlreiche Sagen von Menschen die in der Weide verschwinden. Seine magische Kraft diente nicht nur zur Fertigung von Wünschelruten, sondern auch für magische Körbe die an Bäumen aufgehängt wurden.

Die Filsquelle

Freya gehörte als Tochter des Meergottes Njörd und der Riesin Skadi, zu den Wanen. Sie galt als die große Stamm-Mutter Nordeuropas. In den mythologischen Vorstellungen besaß sie das Wissen und hütete die heiligen Gewässer. Zur Winter-sonnen- wende brachte sie das Sonnekind Freyr zur Welt, dem sie zugleich Mutter, Schwest- er und Braut war. Freya besaß ein Schwanenkleid und einen Mantel aus Falkenfedern. Beide Gewänder nutzte sie auch zum fliegen und mit ihnen konnte sie sich in die entsprechenden Vögel verwandeln. Auch dies deutete auf ihre schaman-ischen Wurzeln hin.

Göttin Freya mit Katzenwagen

Die ihr zugeschriebene Fähigkeit der Zauberei machte den Weidenbaum zu einem magischen Baum. Die Kirche sah ihn mit zwiespältigem Blick. Einerseits wurde die Palmzweige am Palmsonntag in der Kirche geweiht und Weidenzweige dienten auch zum Abstecken der Felder um sie fruchtbar zu machen. Dennoch erklärte die Kirche den Baum zum Hexenbaum. So sollen nach zeitgenössischen Auslegungen Hexen- besen hauptsächlich aus geflochtenen Weidenzweigen gefertigt worden sein. Ebenso existierte die Vorstellung, dass Hexen die in Weiden verschwanden, aus ihnen als schwarze Katzen wieder hervortraten.

Steinernes Weib Sonnenaufgang

Dieser Aberglaube trieb seltsame Blüten und nicht weit vom Quelltopf der Fils entfernt erreichte er im 16. Jahrhundert einen unrühmlichen Höhepunkt. Die Glaub- enskämpfe der Gegenreformation, Abspaltungen innerhalb der Lutherischen Kirche und ein durch einen Vulkanausbruch in Island ausgelöster Klimaeinbruch schufen die Grund- lage für eine Hexenangst, die sich von Wiesensteig innerhalb kurzer Zeit über das gesamte Heilige Römische Reich ausbreitete. Als am 3. August 1562 ein Hagel- sturm das Filstal verwüstete, wurden sofort Hexen im Umkreis von Wiesensteig beschuldigt das Unwetter mittels Zauberei hervorgerufen zu haben. Weder die Er- mahnung des württembergischen Herzogs, noch des Reformators Brenz konnten den Helfensteiner Grafen Ulrich davon abhalten, in der Folgezeit über 60 identifizierte Hexen auf grausamste Weise zu foltern und schließlich verbrennen zu lassen. Die in Wiesensteig ausgelöste Hexenangst führte an vielen Orten zu zahllosen weiteren Prozessen, mit denen die bösen Mächte bekämpft werden sollten. Nur in wenigen wurde später Reue gezeigt. Erst 2017 konnte sich auch der Gemeinderat in Wiesen- steig dazu durchringen, die während des religiösen Wahns getöteten öffentlich zu rehabilitieren. Dass in Wiesensteig wohl noch mehr vom Erbe der alten Mutter- gottheit überlebt hat, ist auch im sagenumwobenen Steinern Weib zusehen, einer, Felsstele südlich des Ortes. Steht man an Mariä Lichtmess auf dem Katzenfelsen am westlichen Ortsausgang, so geht die Sonne am Morgen über der Gesteinsskulptur auf, die laut einer Sage eine versteinerte Mutter enthalten soll, deren Seele einst zur Hölle fuhr..

Bilder: Wikipedia / Landschaftsschutzgebiet Oberes Filstal – Stadt Wiesensteig (LSG – 1.17.067): Unweit dieses Ortes entspringt die Fils / R.kaelcke / Silber-Weide (Salix alba) Crusier / Statue der Sequana an der Quelle der Seine, Adrian Michael / Göttin Frey auf Katzenwagen/ Simulation Sunearthtools

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Wackerstein – der letzte Kultort der Kelten

Wackerstein von Nordosten

Der 80m lange und 25m hohe Felsvorsprung bei Pfullingen gehört zu den markantesten Felsen der Alb. Er ist ein gewaltiger, freiliegender Schwammstotzen des oberen Jura- kalkes, der ein nach Nordwesten ausgeformtes Plateau abschließt. Bei guten Wetterlagen bietet das Plateau des Wackersteins eine Aussicht bis zu Alpen. Überdauerte der Fels Millionen von Jahren, gehört das Wort wacker gehört mittlerweile zur Kategorie der aus- sterbenden Wörter. Trotzdem wird das Wort noch im Duden mit der Bedeutung recht- schaffen oder tüchtig erklärt. In diesem Zusammenhang bedeutet es auch wacker arbeiten oder kämpfen. In der Geologie ist der Name auch als Grauwacke, als eine graue Gesteinsart bekannt. Grimms Wörterbuch beschreibt ihn als `zunächst vom Wasser fortgeschobenen Stein´. In der althochdeutschen Sprache hatte das Wort wacchar noch die Bedeutung wach und wachsam. Auch Martin Luther lies diese Bedeutung in seinem Spruch 20,13 noch einmal aufleben in dem er schrieb: `Liebe den Schlaff nicht / Das du nicht arm werdest / Las deine Augen wacker sein / So wirstu Brots gnug haben.´ Der Reutlinger Kaufmann und Autodidakt Theophil Rupp sah noch einen anderen Ursprung im Namen Wackerstein. Er führte ihn direkt zurück auf einen Beinamen Odins, der auch mit Waeckere, also der Wachsame bezeichnet wurde.

Wackersteinfels

Das Bergplateau ist auffallend symmetrisch geformt, wobei seine Mittelachse auf den Sonnenuntergang der Sommersonnenwende weist. In der entgegengesetzten Richtung ist der Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende dann über dem Gießstein zu sehen. Bereits 1893 waren dem Albvereinspräsident Eugen Nägele hier einige ungewöhnliche land- schaftliche Merkmale aufgefallen. So berichtete Nägele von umlaufenden Terrassen am Wackerstein, die in regelmäßiger Folge alle 10m seine Hänge gliedern. Dieswar ein erster  Hinweis, dass die Blickbeziehungen auf dem Wackerstein wohl durchdacht wurden und die Landschaft daraufhin angepasst wurde. Ähnliches bestätigt auch die geometrische Form des Plateaus, dessen Höhenlinien symmetrisch zur Richtung des Sonnenunt-erganges der Sommersonnenwende liegen. Auch hier stellt sich die Frage nach der Zeit in der dies geschah.

Opfergaben für Lenus-Mars am Martberg

Eine der vielen Möglichkeiten könnte die Zeit des 4. Jahrtausends bieten, als eine Ein- wanderungswelle in Mitteleuropa eine völlig neue Kultur schuf. Für diese Zeit bot das Plateau des Wackersteines ideale Eigenschaften. Während die Sonne zur Sommer-sonnenwende im Nordwesten über dem Rosskopf bei Bad Herrenalb unterging, erschien genau entgegengesetzt in der Achse, am Abend der Wintersonnenwende der Stern Capella am Abendhimmel und bot sich so zur Justierung des Kalenders an. Der Reutlinger Autor Jürgen Meyer schreibt in seinem Buch `Legenden auf der Spur´ vom Wackerstein als einer letzten Opferstätte der Vorzeit. Funde von Archäologen am Fuß des steil abfallenden Felsen haben ihn zu diesem Schluss veranlaßt. Die gefundenen Tonscherben stammen aus dem 2. Jhd. v. Chr., doch aus der Zeit bis 50 v. Chr. sind kaum noch Spuren vorhanden. Dieses Phänomen lässt sich auch gesamten Region beo- bachten. Ein einschneidendes Ereignis muss in dieser Zeit die keltische Kultur dezimiert, oder veranlasst haben das Land zu verlassen. In diese Epoche fällt auch das Ende des Heidengraben, das größte bislang erschlossene Oppidum der Kelten nördlich der Alpen.

Wackerstein, Sonnenrichtung

Der griechische Universalgelehrte Ptolemäus schreibt später über eine menschenver-lassene Landschaft nördlich der Alpen und nennt sie die `Einöde der Helvetier´. In der Zeitschrift Science 12/2016 berichtet Gerry Shaw von den neuesten Untersuchungen auf der Heuneburg. Dort wurde bei Toten die DNA des Krim- Kongo Fiebers, eines durch Zecken übertragenen hämmoragischen Fiebers festgestellt. Neben Wurmbefall, der ebenfalls auf der Heuneburg festgestellt wurde, litten Kelten aber noch unter einer anderen Krankheit: Rosacea. Dies ist eine unangenehme Krankheit, die zu Entzündungen der Schleimhäute, ständig geröteter Haut und Wucherungen führt und in der Antike auch als Fluch der Kelten bezeichnet wurde. Auch heute tragen je nach Region 5-20 Prozent der Menschen die Anlagen noch in sich. Aber es waren nicht nur Krankheiten, die lange vor dem Eintreffen der Römer die hier ansäßige Bevölkerung dezimierten, sondern auch ein Witterungsumschwung der sie begünstigte. Bohrkerne im Grönlandeis weisen auf große Vulkanausbrüche im 1. Jahrhundert hin, ebenso eine abnehmende Sonnenaktiviät. Dies bestätigen auch Ergebnisse von Forschungen am Meerfelder Maar. Sie ergaben, dass die Sonneneinstrahlung sich in dieser Zeit innerhalb weniger Jahre um bis zu 8% verminderte. Der römische Schriftsteller Ovid schreibt später von einer trauernden Sonne die der besorgten Erde nur ein blässliches Licht spendete. Der dann wieder einsetztende Temp- eraturabstieg kam für die keltische Kultur zu spät, er begünstigte nun den Aufstieg Roms zur Weltmacht.

Rosacea, der Fluch der Kelten

Bilder: Opfergaben für Lenus- Mars am Martberg, https://incipesapereaude.wordpress.com/ 2014/09/29/gotterwelt-lenus-mars/ Simulation, Sunearthtools, Stellarium